Chesterton entdeckt das Große im Kleinen

Die erste vollständige Übersetzung der „Tremendous Trifles“

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Von Georg Alois Oblinger



WÜRZBURG, 22. Oktober 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Von Gilbert Keith Chesterton (1874–1936) wird berichtet, er habe nie diktiert, ohne mit seiner Zigarre zuvor ein diskretes Kreuzzeichen zu schlagen. Dieses Kreuzzeichen steht also über seinem gesamten schriftstellerischen Werk, insbesondere über seinen rund 4.000 geistreichen Essays. Diese erschienen in den Zeitungen Daily News, Illustrated London News und G. K.s Weekly, aber auch in einigen schon zu Lebzeiten veröffentlichten Sammelbänden.

Eine der bekanntesten Sammlungen stammt aus dem Jahr 1909. Sie trägt den Titel Tremendous Trifles und enthält 39 Essays. Einige davon wurden schon gelegentlich ins Deutsche übersetzt. So finden sich im Sammelband „Mit Heimweh daheim“ (siehe DT vom 8.3.2008) drei Essays, in „Die Wildnis des häuslichen Lebens“ (siehe DT vom 20.5.2006) fünf Essays, in der Sammlung „Die neue Weihnacht“ (DT vom 2.10.2004) ein Essay und in dem schon 1963 erschienenen Herder-Taschenbuch „Ballspiele mit Ideen“ sogar zwölf Essays aus dieser Sammlung. Jetzt liegt erstmals die komplette Sammlung in deutscher Sprache vor unter dem Titel „Vom Wind und von den Bäumen oder Gewichtige Kleinigkeiten“. Der Buchtitel nennt bereits zwei der enthaltenen Essays.

Chesterton ist ein tiefsinniger Beobachter des Alltags. Mit der Neugier eines Kindes oder auch eines Philosophen schaut er die Ereignisse um sich herum aus ungewohntem Blickwinkel an und fragt nach dem Wesen der Dinge. Bereits im Vorwort schreibt er: „Niemand von uns denkt hinreichend über all diese Sachen nach, auf denen unsere Augen doch so lange verweilen. Aber warum sollten die Augen eigentlich nur verweilen? Warum so träge sein? Lasst uns die Augen trainieren, bis sie all die erstaunlichen Dinge entdecken, die überall in der Landschaft aufgereiht stehen.“ Man könnte von Existenzphilosophie sprechen, wenn all dies nicht so locker-leicht und immer wieder mit anschaulichen Vergleichen daherkäme. So geht er dem Problem von Ursache und Wirkung nach am Beispiel vom Wind und den Bäumen. Dabei stellt er auch die Frage nach der letzten Ursache und zieht das Fazit: „Wer sich nicht unablässig in Demut und Dankbarkeit übt, verliert die wahre Bedeutung des Himmels (...) immer mehr aus den Augen.“ Chesterton versteht es wirklich, auch die kompliziertesten weltanschaulichen Fragen dem einfachen Menschen mit gesundem Menschenverstand nahezubringen – und immer auf unterhaltsame und humorvolle Weise.

Da es sich um Zeitungsartikel handelt, ist einiges darin natürlich zeitbezogen. Ein hilfreicher Anhang mit Erläuterungen über Persönlichkeiten sowie politische oder literarische Anspielungen ist glücklicherweise vorhanden.

Egal ob Chesterton mit der Droschke oder mit dem Zug fährt, still unter einem Baum sitzt oder seine Hosentaschen ausleert, er philosophiert über die Gegenstände oder Ereignisse, mit denen er sich gerade konfrontiert sieht und kommt zu verblüffenden Erkenntnissen. Immer entdeckt er im Kleinen das ganz Große. Als Mensch, der tief im christlichen Glauben verankert war und 1922 zur katholischen Kirche konvertierte, kommt er auch oft auf Grundsätze des Glaubens zu sprechen. Er schreibt: „Unsere Ansichten ändern wir andauernd, unsere Mahlzeiten ändern wir nie. Mir wären eigentlich Menschen lieber, die feste und wohlfundierte Vorstellungen vertreten; ihre Mahlzeiten aber sollten sie ruhig im Garten, im Bett, vielleicht von Zeit zu Zeit auch auf dem Dach oder in den Wipfeln eines Baumes einnehmen.“

Chesterton räsoniert über die Frage, warum die Menschen früher bei der Arbeit sangen und warum dies in den modernen Berufen nicht nur unüblich, sondern einfach unmöglich ist. Warum ist die Kirche zum einzigen Ort geworden, an dem heute gemeinsam gesungen wird? „Nur noch an jenen Orten, die dem Jenseitigen, dem Übermenschlichen geweiht sind, so schien mir, ist heute noch das Menschliche zu finden. Die Jagd auf das Menschliche ist schon eröffnet, und es hat sich an heilige Stätten zurückgezogen.“ – Wer diese Essays liest, wird jedes Mal auch das mit der Zigarre geschlagene Kreuzzeichen erkennen können. Es wird verständlich, dass Papst Pius XI. dem verstorbenen Gilbert Keith Chesterton 1936 den Titel „Defensor fidei“ (Verteidiger des Glaubens) verliehen hat.

[Gilbert Keith Chesterton: Vom Wind und den Bäumen oder Gewichtige Kleinigkeiten. Betrachtungen und Skizzen, Elsinor Verlag, Coesfeld 2008, 204 Seiten, ISBN 978-3-939483-10-6, EURO 16,80; © Die Tagespost vom 18. Oktober 2008]