Chiara Lubich: Plädoyer für eine „Kultur der Auferstehung“

Gründerin der Internationalen Fokolar-Bewegung auf dem Europatag der Geistlichen Bewegungen in Stuttgart

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STUTTGART, 16. Mai 2007 (ZENIT.org).- „In einem Europa, das wie zerrissen durch divergierende Wertvorstellungen und Geistesströmungen scheint, wächst eine Kultur des Miteinander“, erklärte Chiara Lubich am 12. Mai in ihrem Eröffnungsvortrag beim Europatag der Geistlichen Gemeinschaften in Stuttgart.



„Die Medien alleine sind nicht in der Lage, Menschen und Völker zu vereinen und ihre Lebensqualität zu verbessern“, bekräftigte die 86-jährige Gründerin der Folkolar-Bewegung. „Dazu ist es vielmehr notwendig, dass sich die Medien in den Dienst am Gemeinwohl stellen und die Medienschaffenden sich von der Liebe leiten lassen.“

Der Europatag führte9.500 Mitglieder aus über 250 geistlichen Gemeinschaften zusammen. 2.500 Mitglieder hatten die Tage zuvor auf dem Ökumenischen Kongress „Miteinander für Europa 2007“ darüber beraten, was die gemeinsamen Grundlagen für ein ökumenisches Christusbekenntnis in Europa ausmachen.

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Liebe Freunde, liebe Brüder und Schwestern,

der Titel meines Vortrags mag aufhorchen lassen. Es geht um ein besonderes Thema, passend für uns, die wir mit immer neuen Fragen und Problemen konfrontiert sind.

Denken wir an die Welt von heute! Was wir da sehen, entspricht ziemlich genau dem, was Benedikt XVI. – noch als Kardinal – folgendermaßen beschrieben hat: „Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennen gelernt (...): vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus, und so weiter.“

Gott scheint in der Tat – vor allem in Europa – nicht mehr der zu sein, an den die Menschen sich wenden, um die Probleme und Fragestellungen zu lösen, die ihnen am Herzen liegen. Mit Sorge muss man feststellen, dass die christlichen Werte immer mehr an Bedeutung verlieren; das Bekenntnis zum Christsein wird immer seltener.

Wir leben in einer Welt, in der Gott abwesend scheint, in der das Evangelium nicht mehr als Ursprung für ethische Richtlinien gilt. Wir erleben, dass die Festtage christlichen Ursprungs zwar noch ihren Namen haben, dass ihre religiöse Bedeutung aber immer mehr in Vergessenheit gerät.

Andererseits haben sich wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Entwicklungen dermaßen beschleunigt und vervielfältigt, dass die Ethik nicht mehr Schritt halten kann. Eine Kluft tut sich auf zwischen dem allgemeinen Empfinden und der Weisheit, zwischen Verstand und Herz. Die Menschheit scheint – wie im Fall der Atombombe oder der Genmanipulation – die Kontrolle zu verlieren.

Nicht nur aus diesem Grund bewahrheitet sich auf schmerzliche Art und Weise, was die spanische Philosophin des 20. Jahrhunderts, Maria Zambrano, beklagte. Ihrer Ansicht nach befinden wir uns „in einer der dunkelsten Nächte, die wir je erlebt haben“. Aber Gott ist in der Weltgeschichte nicht abwesend. Es gibt viele neue Ansätze weltweit für eine neue Kultur, eine Kultur des Miteinander.

Gerade in unserer Zeit lässt sich das großzügige Wirken des Heiligen Geistes erkennen. Er ist eingebrochen in die Menschheitsfamilie mit seinen Charismen, aus denen Bewegungen, geistliche Strömungen, neue Gemeinschaften und Werke entstanden sind. (...)

Jede dieser Bewegungen, Gemeinschaften und Werke ist eine Antwort auf die kollektive Nacht, die diese Welt umfängt; jede von ihnen stellt einen Lichtstrahl dar, mit dem der Heilige Geist auf diese spezielle Dunkelheit reagiert; jede von ihnen bildet Netze der Geschwisterlichkeit. Mehr als je zuvor gilt es, diese Netze zu erweitern und durch die Liebe untereinander zu einem Netzwerk weltumspannender Geschwisterlichkeit zu verknüpfen.

Johannes Paul II. hat das unterstrichen, als er dazu aufrief, „eine Spiritualität der Gemeinschaft zu fördern“ und denjenigen als den Leitstern auf diesem Weg bezeichnet, der der Weg zur Einheit ist: „Wir werden – so sagt er – mit der Erforschung der abgründigen Tiefe dieses Geheimnisses nie zu Ende kommen. Jesus, der schreit: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Und erklärend fährt Johannes Paul II. fort: „Der vom Vater Verlassene (überlässt) sich den Händen des Vaters.“

Es ist ein Geheimnis, über das der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I. geschrieben hat: „Jesus, das fleischgewordene Wort, hat die größte Entfernung durchschritten, die die verloren gegangene Menschheit je durchschreiten konnte: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘“

Einige große Mystiker der vergangenen Jahrhunderte, aber auch Theologen verschiedener Kirchen in den letzten Jahrzehnten haben die Aufmerksamkeit der Christenheit auf die Verlassenheit Jesu am Kreuz gelenkt.

So schreibt der evangelisch-lutherische Theologe Hermann Bezzel: „Diese Verlassenheit von Gott (...) hat das Elend meiner Ferne von Gott in Freude verwandelt: Die Welt wurde mit Gott versöhnt, die Fremde wurde zur Heimat, die Wüste zum grünenden Tal, die Gottferne wurde zur Nähe Gottes.“ Diesen Schrei der Gottverlassenheit möchte ich heute Euch allen nahe bringen.

War nicht um die neunte Stunde über Jesus eine so tiefe Dunkelheit gekommen, dass sie all unsere Vorstellung von Dunkel grenzenlos übersteigt? Sind ihm nicht auch all jene Menschen ähnlich, die hungrig, verzweifelt, traurig, enttäuscht sind? Ist nicht in jeder schmerzlichen Trennung zwischen Schwestern und Brüdern, zwischen Kirchen, zwischen Teilen der Menschheit, die einander in ideologisch verhärteten Fronten gegenüberstehen, sein Abbild zu erkennen? Zeigt sich nicht in vielen Wunden der Menschheit die Figur von Jesus, der – mit Paulus gesprochen – für uns „zur Sünde“ geworden ist?

Jeder von uns hat in seinem Leben Schmerzen zu erleiden, die denen von Jesus ein klein wenig ähnlich sind: Wer fühlt sich nicht irgendwie von Gott getrennt, wenn sich Dunkelheit über die Seele legt? Wer hat nicht schon Zweifel, Schrecken, Anfechtungen erlebt, die denen von Jesus ähneln, der am Kreuz zweifelte, verwirrt war, die Frage nach dem Warum stellte? Wenn wir solches Leid, solche Schmerz erfahren, dann gilt es, sich an ihn zu erinnern, der sich all dies zu Eigen gemacht hat: Schmerz und Leid sind gleichsam eine Form seiner Gegenwart, Teilhabe an seinem Schmerz. Machen wir es wie Jesus, der sich vom Schmerz nicht blockieren ließ, sondern an jenen Schrei die Worte anfügte: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23,26).

So wie er können auch wir durch den Schmerz hindurchgehen und die Prüfung überwinden, indem wir sagen: „Darin, verlassener Jesus, zeige ich dir meine Liebe, dich liebe ich, an dich erinnert mich dieser Schmerz, er ist ein Ausdruck von dir, ist dein Antlitz.“

Wenn wir diesen inneren Schritt vollzogen haben und im nächsten Augenblick die Schwester, den Bruder lieben und das tun, was Gott von uns will, werden wir in den meisten Fällen erfahren, wie sich in einer Art göttlicher Alchimie der Schmerz in Freude verwandelt. Durch die Liebe zum verlassenen Jesus werden in uns die Gaben seines Geistes aufblühen. So wird auch für uns die Nacht nur ein Durchgang sein hin zum Licht der Auferstehung, das uns erleuchten wird. Eine neue Kultur, eine Kultur der Gemeinschaft wird sich abzeichnen.

Auch in den Umgebungen, in denen wir leben und arbeiten – in der Familie, unseren Gemeinschaften, im Büro, im Betrieb, in der Schule –, können wir kleinere und größere schmerzvolle Trennungen erleben. Auch darin gilt es, sein Angesicht zu erkennen, den Schmerz in uns zu überwinden und alles daranzusetzen, die geschwisterliche Beziehung mit den anderen wiederherzustellen.

Dasselbe gilt für noch größere Zusammenhänge, wie zum Beispiel unsere Kirchen: Wir müssen uns einsetzen für die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft und unter ihnen; und auch unter den verschiedenen Bewegungen und Gruppen, wo auch immer. Wir werden erfahren, dass die Liebe zu Jesus in seiner Verlassenheit in dieser Welt immer Schlüssel zur Einheit ist. In ihm finden wir die Motivation und die Kraft, den Übeln nicht auszuweichen, sondern unseren persönlichen und gemeinschaftlichen Beitrag zur Überwindung zu geben. Die Kultur der Gemeinschaft hat als Weg und Modell den gekreuzigten und verlassenen Jesus.

Manche meinen, das Evangelium bringe nur ein rein religiös zu verstehendes Reich Gottes, trüge aber nichts bei zur Lösung der menschlichen Probleme. Dem ist nicht so! Jede Christin und jeder Christ hat als ein anderer Christus, als Glied an seinem mystischen Leib einen ganz typischen Beitrag zur Kultur des Miteinander zu leisten, auf welchem Gebiet auch immer: in der Wissenschaft, der Kunst, der Politik, der Medienwelt usw. Dieser Beitrag wird umso wirkungsvoller sein, je mehr wir zusammenarbeiten mit anderen, mit denen wir im Namen Christi vereint sind.

Auf diese Weise kann in der Welt das entstehen und sich ausbreiten, was wir als „Kultur der Auferstehung“ bezeichnen könnten: eine Kultur des Auferstandenen, des „neuen Menschen“ und einer – in ihm – erneuerten Menschheit.

Wie kann ich in meiner Umgebung diese Kultur verbreiten? Was kann ich persönlich dafür tun?

In der Welt der Wirtschaft, zum Beispiel, könnten sich diejenigen, die nach dem Evangelium leben, zu einer spontanen Gütergemeinschaft entschließen, die an das erinnert, was von den ersten Christen geschrieben steht: „Es gab ... keinen unter ihnen, der Not litt“ (Apg 4,34).
Diese Prinzipien lassen sich innerhalb eines Unternehmens anwenden, indem man sich auf allen Ebenen bemüht, das Gebot der gegenseitigen Liebe zu leben und damit auf die lebendige Gegenwart Jesu zu hoffen, die er im Evangelium versprochen hat: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20).

Wenn er die Fäden des Wirtschaftsleben in die Hand nimmt – und das wird in dem Maß der Fall sein, wie immer mehr Personen ihm ganz bewusst ihr Menschsein zur Verfügung stellen –, dann darf man getrost darauf hoffen, dass die Gerechtigkeit aufblühen wird und im großen Stil die Güter in jene Teile der Welt gelangen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben, und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1,53). Zu dieser sozialen Umwälzung sollen wir beitragen.

Auf dem Gebiet der Medien erschien uns das Aufkommen der modernen sozialen Massenkommunikationsmittel immer als ein Zeichen der Vorsehung Gottes, sind sie doch dazu geeignet, die Menschheitsfamilie zu einen. Gleichzeitig wird jedoch deutlich – und das belegen viele Tatsachen –, dass die Medien alleine nicht in der Lage sind, Menschen und Völker zu vereinen und ihre Lebensqualität zu verbessern. Dazu ist es vielmehr notwendig, dass sich die Medien in den Dienst am Gemeinwohl stellen, und die Medienschaffenden sich von der Liebe leiten lassen.

Es geht darum, unter den Menschen die wahre Liebe zu verbreiten und mit ihr das Interesse für jeden Menschen und für alles, was die Menschheit betrifft. Es geht darum, als Ausdruck der Liebe des Evangeliums Verbindungen zu knüpfen, die schöpferisch, nachhaltig und konstruktiv sind. Es geht darum, die Menschen in der Kunst der Kommunikation zu unterweisen: zu empfangen – das heißt: offen zu sein für die Menschen, für das Weltgeschehen – und zu geben, was auch bedeutet, im richtigen Moment und in der geeigneten Weise zu sprechen, zu schreiben. Auf diese Weise wird mehr Dialog entstehen, mehr Anteilnahme, mehr Gemeinschaft. Weil die Medien dem allen dienen, werden sie mehr geschätzt werden.

Je mehr die Medienschaffenden diese Ideen aufgreifen, desto stärker werden die Medien unter Beweis stellen können, dass sie in der Lage sind, das Gute unendlich zu vervielfältigen. Die Stimme Gottes wird lauter vernehmbar werden, und die Medienschaffenden werden ihre Berufung erfüllen, Werkzeug im Dienst an der ganzen Menschheit zu sein.

Werfen wir auch einen Blick in die Welt der Politik.

Ist es nicht Aufgabe der Politik, die Vielschichtigkeit, die berechtigten Interessen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zu einem harmonischen Gebilde zusammenzufügen? Müsste sich daher nicht der Politiker in seiner Funktion als Vermittler zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen ganz besonders auszeichnen in der Kunst des Dialogs und des Sich-Einfühlens?

Politikerinnen und Politiker, die so leben, setzen – unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit – die gegenseitige Liebe vor jedes persönliche Interesse. Sie wissen aber auch, dass sie auf diese Weise – wenn auch nicht ohne persönliche Opfer – mit der Gegenwart von Jesus in ihrer Mitte rechnen dürfen.

Und Jesus, der Licht ist für die Welt, wird das hervorheben, was an Wahrem in den verschiedenen Sichtweisen enthalten ist. Er wird das Gemeinwohl ins Licht rücken und wird den Politikschaffenden die Kraft geben, entsprechend zu handeln. Von einem noch größeren Wert wird es jedoch sein, wenn viele Politikerinnen und Politiker den Mut aufbringen, ihre eigene Person und die ihnen übertragenen Machtbefugnisse in den Dienst am letzten Ziel zu stellen: an Gott und damit an einer weltumspannenden Geschwisterlichkeit. Dann wird man in der Tat darauf hoffen dürfen, dass sich die gegenseitige Liebe zwischen ganzen Völkern verwirklicht und mit ihr der Friede und die Lösung vieler Probleme, und Konflikte, die heute noch die Menschheit quälen.

Das waren nur einige Beispiele; wir könnten sie auch auf andere Gebiete übertragen. Der verlassene Jesus, der Gekreuzigte von heute, strahlt das Licht des Auferstandenen aus und macht uns großzügig im Teilen unserer Gaben.

Im Jahr 2004 haben wir einen Schritt vollzogen in Richtung auf mehr Geschwisterlichkeit – unter uns und unter allen Menschen. Jetzt ist ein Schritt in die Tiefe angesagt: die Liebe zum gekreuzigten und verlassenen Jesus. So können wir den Schrei der Menschheit von heute aufnehmen und eingedenk seines „Schreis“, durch den er die Welt erlöst hat, um uns herum jene Familie schaffen, die die Welt erwartet. Dann werden wir mit Laurentius, dem römischen Diakon des dritten Jahrhunderts, wirklich sagen können: „Meine Nacht kennt keine Dunkelheit, sondern alles erstrahlt im Licht.“

Chiara Lubich

[Vom Leitungskomitee „Miteinander für Europa“ veröffentlichtes Original]