Chiara Lubich: "Unsere Antwort auf die kollektive und kulturelle Nacht unserer Zeit"

Botschaft zum 50. Jahrestag der Entstehung der "Freiwilligen Gottes"

| 681 klicks

BUDAPEST, 19. September 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Botschaft von Chiara Lubich, der Gründerin der Fokolar-Bewegung (http://www.focolare.org), zum 50. Jahrestag der Entstehung der "Freiwilligen Gottes", die vom 14. bis zum 16. September in Budapest (Ungarn) zusammenkamen.



Die Gruppe der "Freiwilligen" innerhalb der 1943 in Trient (Italien) gegründeten Fokolar-Bewegung entstand 1956.

Der vorliegende Text wurde von Valeria Ronchetti verlesen. Sie zählt zu den engsten und ersten Mitstreiterinnen von Chiara Lubich.

* * *



Budapest, 16.09.2006

Sehr geehrte Herren Bischöfe,
sehr geehrte Vertreter des kirchlichen und öffentlichen Lebens,
liebe Freunde!

Von Herzen möchte ich jeden Teilnehmer, jede Teilnehmerin dieses Treffens begrüßen. Wir feiern den 50. Jahrestag der Entstehung der "Freiwilligen Gottes", dieser großen Gruppierung von Menschen, die mitten in der Welt leben, aber nicht von der Welt sind, weil ihr Herz Gott gehört.

Sie haben sich auf ihn eingelassen, suchten seine Pläne zu erkennen und zu verwirklichen und sind heute auf allen fünf Kontinenten präsent. Sie möchten bezeugen, dass Gott Liebe ist, dass er sich um jeden von uns kümmert und uns Vater ist. Und wenn er unser Vater ist, sind wir Menschen alle Brüder und Schwestern, die einander als solche sehen und lieben sollten.

Deshalb setzen sich die Freiwilligen überall für die Verwirklichung der weltweiten Geschwisterlichkeit ein, "damit alle eins seien" (vgl. Joh 17,21).

Doch wie sieht es aus in der Welt, in der wir leben?

Ein Blick auf die (geistige und religiöse Situation der) Welt von heute zeigt uns, dass sie wirklich ist, wie Papst Benedikt XVI. sie – noch als Kardinal und wahrlich kompetent im Bezug auf dieses Thema – beschrieben hat. Hier seine Worte:

"Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennen gelernt (...): vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus, und so weiter (...). Der Relativismus, das sich "vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin- und Hertreiben lassen", erscheint als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung" (Predigt von Kardinal Ratzinger in der Messe zur Papstwahl, 18.4.2005). Soweit Kardinal Ratzinger.

Johannes Paul II. hatte sogar eine Parallele gezogen zwischen der dunklen Nacht des Johannes vom Kreuz und dem Dunkel unserer Zeit, das sich wie eine Art kollektive Nacht immer tiefer auf die Menschheit gesenkt hat, besonders im Westen.

Mit Sorge stellte er fest, dass die christlichen Werte immer weniger maßgebend sind.

Wissenschaft und Technik entwickeln sich heutzutage derart rasant und über alle Grenzen hinweg, dass die Ethik nicht mehr Schritt halten kann. Es entsteht eine Kluft zwischen gesundem Menschenverstand und Weisheit, zwischen Hirn und Herz. Wir brauchen nur an die Erfindung der Atombombe oder die genetischen Manipulationen zu denken. Die Menschheit läuft Gefahr, die Kontrolle über die Technik zu verlieren (Vgl. Johannes Paul II., Predigt beim Wortgottesdienst zu Ehren des heiligen Johannes vom Kreuz, Segovia, 4.11.1982; Ansprache an die Teilnehmer des Generalkapitels der Karmeliter, Rom, 29.9.1989).

Deshalb ist die Klage der Philosophin Maria Zambrano immer noch schmerzliche Wirklichkeit: "Wir leben in einer der dunkelsten Nächte, die es je für uns gab" (Maria Zambrano, "Persona e democrazia", Mailand 2000, S.2).

So zeigt sich uns die Welt heute.

Doch gerade in unserer Zeit lässt sich auch das großzügige Wirken des Geistes erkennen: schenkte er der Menschheit doch in unseren Tagen verschiedene Charismen, aus denen Bewegungen, geistliche Strömungen, neue Gemeinschaften und Werke entstanden sind.

Es ist allen klar, dass es starke Ideen braucht, ein Ideal, das den Weg weist zu einer Antwort auf die vielen angstvollen Fragen, ein Licht, dem wir folgen können, um mit dem römischen Diakon Laurentius sagen zu können: "Meine Nacht kennt keine Dunkelheit; alles erstrahlt im Licht" (Laurentius, römischer Diakon, gestorben als Märtyrer im Jahr 258: "Mea nox obscurum non habet, sed omnia in luce clarescunt").

In "Novo Millennio Ineunte" nennt der Papst als Leitstern für diesen Weg den gekreuzigten und verlassenen Jesus. Er schreibt: "Wir werden mit der Erforschung der abgründigen Tiefe dieses Geheimnisses nie zu Ende kommen (...). 'Eloi, Eloi, lemà sabactani?', das bedeutet: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?' (Mt 27,46; Johannes Paul II., "Novo Millennio Ineunte", 25).

Der ganzen Kirche stellt Johannes Paul II. also Jesus in seiner Verlassenheit vor Augen. Und nicht nur er. Schon einige Heilige vergangener Jahrhunderte und verschiedene moderne Theologen verweisen die Christenheit auf ihn. Und dann gibt es unsere Bewegung, für die der verlassene Jesus von zentraler Bedeutung ist.

Deshalb wollen wir uns heute neu auf ihn besinnen: auf Jesus, der am Kreuz den lauten Schrei ausstößt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mk
15,34).

Das ist seine innere Passion, die dunkelste Nacht, der Höhepunkt seines Leidens. Es ist das Drama eines Gottes, der schreit: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Unendliches Geheimnis, abgrundtiefer Schmerz, den Jesus als Mensch erfahren hat und der uns das Maß seiner Liebe zu den Menschen offenbart. Er wollte die Trennung auf sich nehmen, die die Menschen von ihrem Vater und voneinander schied, und hat sie so überwunden.

Die Bewegung hat eine sehr reiche Erfahrung, die beweist, dass jeder Schmerz des Menschen in diesem besonderen Schmerz Jesu enthalten ist

Ist nicht jeder Mensch ihm ähnlich, der von Angst gepackt, der einsam, innerlich ausgedörrt ist, der Enttäuschte, der Gescheiterte, der Schwache...? Trägt nicht jede schmerzliche Trennung zwischen Brüdern und Schwestern, zwischen Kirchen und ganzen Teilen der Menschheit seine Züge? Finden wir nicht die Gestalt Jesu, der gleichsam Gott nicht mehr spürt, der für uns zur "Sünde" geworden ist, wie Paulus sagt (vgl. 2 Kor 5,21), in der immer gottloser werdenden, säkularisierten und vielen Irrtümern verfallenen Welt?

In der Liebe zum verlassenen Jesus finden wir Motivierung und Kraft, um diesen Spaltungen, diesem Negativen nicht auszuweichen, sondern es auf uns zu nehmen, es in uns durchzutragen und so persönlich und gemeinsam dieser Not entgegenzuwirken.

Wenn es uns gelingt, in jedem Schmerz ihm zu begegnen, ihn darin zu lieben und uns wie er am Kreuz an den Vater zu wenden: "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist" (Lk 23,46), dann wird die Nacht vorübergehen und sein Licht wird uns erleuchten

* * *



Man meint manchmal, das Evangelium würde lediglich das nur im religiösen Sinn verstandene Reich Gottes bringen und nicht die menschlichen Probleme lösen. Aber das stimmt nicht.

Es ist sicher nicht der historische Jesus, der alle Probleme löst, und auch nicht Jesus als Haupt des mystischen Leibes. Das tut Jesus in uns, Jesus in mir, Jesus in dir... Jesus im Menschen, in diesem bestimmten Menschen, entwirft – wenn seine Gnade in ihm ist – eine Brücke, baut eine Straße...

Jesus ist die wahre, tiefste Persönlichkeit eines jeden von uns. Jeder Mensch (jeder Christ) ist ja in stärkerem Maß Kind Gottes (das heißt ein anderer Jesus) als Kind seines (leiblichen) Vaters. Als anderer Christus, als Glied seines mystischen Leibes bringt jeder Mensch seinen typischen Beitrag in den verschiedenen Bereichen ein: in Wissenschaft, Kunst, Politik, Kommunikation usw. Und sein Einsatz wird noch wirkungsvoller sein, wenn er mit anderen – im Namen Christi vereint – zusammenarbeitet.

Es ist die Inkarnation, die sich fortsetzt, die vollständige Inkarnation, die jedes Glied des mystischen Leibes betrifft.

* * *



Die Fokolar-Bewegung schenkt der Welt Licht durch ihre einzelnen Mitglieder, aber auch in ihrer Gesamtheit. Sie tut das durch die so genannten "Inondazioni", wie wir mit einem – dem großen Kirchenvater Johannes Chrysostomus – entlehnten Ausdruck sagen (Johannes Chrysostomus sagt, dass das lebendige Wasser, von dem im Evangelium die Rede ist, zur sprudelnden Quelle wird [vgl. Joh 4,14], die sich in alles ergießt. Vgl. Johannes Chrysostomus, "In Johannem homilia", 51; PG 59,284). Gemeint sind damit die Breitenwirkungen, die durch das Einströmen dieses Lichtes in die verschiedenen Bereiche der heutigen Kultur entstehen.

Diese Breitenwirkungen sind aus dem Dialog mit der Kultur erwachsen, den die Fokolar-Bewegung seit einiger Zeit begonnen hat. Es handelt sich um den Dialog zwischen der Weisheit, die dem Charisma der Einheit entspringt, und den verschiedenen Wissensbereichen im Leben des Menschen wie Politik, Wirtschaft, Soziologie, Human- und Naturwissenschaften, Kommunikation, Erziehung, Philosophie, Kunst, Gesundheitswesen, Ökologie, Recht usw.

Diese Breitenwirkungen können – wie leicht zu verstehen ist – nur Bestand haben, wenn sie stets von dem Licht erfüllt sind, das von der Gabe Gottes kommt, andernfalls würde man wieder in ein rein menschliches Denken und Handeln zurückfallen.

Im Bereich der Wirtschaft zum Beispiel bewirkt unser Charisma bei denen, die es leben – durch die gegenseitige Liebe, die es unter allen anregt –, eine spontane, weltweite Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der ersten Christen, von denen es heißt, dass "es unter ihnen keinen gab, der Not litt" (Apg 4,34).

Zu diesem Zweck ist auch unser Projekt Wirtschaft in Gemeinschaft entstanden. Mittlerweile beteiligen sich daran rund 800 Betriebe, die ein Drittel ihres Gewinns für die Bedürftigen geben.

Wenn Christus im Wirtschaftsleben zum Zug kommt – und das geschieht, wenn immer mehr Menschen weise genug sind, ihm ihr Menschsein zur Verfügung stellen –, kann man wirklich darauf hoffen, dass die Gerechtigkeit zum Tragen kommt und wir jene gewaltige Umverteilung der Güter erleben, die die Welt so notwendig braucht.

Im Bereich der Kommunikation erschien es uns immer als ein Zeichen der Vorsehung Gottes, dass wir heute diese enorme Entwicklung der Kommunikationsmittel erleben, die ja die Einheit der Menschheitsfamilie fördern.

Doch es ist offensichtlich, dass diese Mittel allein nicht ausreichen, um Menschen und Völker zu vereinen. Das geht nur, wenn diese Mittel in den Dienst des Gemeinwohls gestellt werden und die Personen, die sie gebrauchen, aus Liebe handeln.

Hier hat unser Charisma viel zu sagen und zu geben. Es verbreitet ja die authentische Liebe und vermittelt die Kunst der Kommunikation, das heißt die Kunst des sich Zurücknehmens, des "Nicht-Seins", um aufnehmen, dem andern Raum geben zu können (um für alles offen zu sein), aber dann auch zu geben (zu sprechen, zu schreiben usw.). Entscheidend dabei ist, dass es in der Haltung der Liebe geschieht.

Auf diese Weise wächst gegenseitige Anteilnahme, Teilen, Gemeinschaft.

Wenn immer mehr Experten der Kommunikation sich selbst zurücknehmen, um dem Geist Gottes Raum zu geben, werden die Medien ihre Fähigkeit beweisen, das Gute ohne Grenzen zu verbreiten und zu vermehren, und die Medienschaffenden werden ihre Berufung verwirklichen, Werkzeug der Einheit im Dienst der ganzen Menschheit zu sein.

Werfen wir noch einen Blick auf die Politik: Hier ist das Charisma der Einheit Licht wie in keinem anderen Bereich.

Ist es nicht etwa Aufgabe der Politik, die Vielfalt und die legitimen Wünsche der verschiedenen Komponenten der Gesellschaft in Harmonie zusammenzuführen? Und müsste sich nicht der Politiker aufgrund seiner Funktion als "Mittler" auszeichnen in der Kunst des Dialogs mit allen und der Fähigkeit, sich in die anderen hineinzuversetzen?

Unsere Spiritualität, die ausgesprochen auf Gemeinschaft ausgerichtet ist, lehrt diese Kunst zu lieben, eine Liebe, die so weit geht, dass Einheit entsteht. Politiker, die sich diese Spiritualität zu Eigen machen, entscheiden sich dafür – ganz gleich, welcher Partei sie angehören –, die Liebe untereinander allen anderen Verpflichtungen und Interessen voranzustellen. Das kostet Opfer, doch auf diese Weise kann Jesus unter ihnen zugegen sein.

Jesus, der Licht für die Welt ist, lässt uns erkennen, was an Wahrem in den verschiedenen Gesichtspunkten steckt; er erleuchtet, macht deutlich, was das Gemeinwohl ist, und gibt die Kraft, sich dafür einzusetzen. Die Erfahrung unseres Forums Politik und Geschwisterlichkeit ist ein Beweis dafür – in Europa ebenso wie in verschiedenen Ländern Lateinamerikas.

Doch dieses Charisma wird noch mehr Gutes hervorbringen, wenn viele Politiker den Mut haben, sich selbst und die ihnen übertragenen Vollmachten in den Dienst Gottes
zu stellen. Dann dürfen wir darauf hoffen, dass sich unter den Völkern jene gegenseitige Liebe verwirklicht, die den Frieden bringt und die Lösung vieler Probleme, die heute die Menschheit bedrängen.

Dies sind nur einige Beispiele, die sich auch auf andere Bereiche übertragen lassen. Wenn wir in dieser Richtung weitergehen, werden wir wirklich sagen können: "Meine Nacht kennt keine Dunkelheit; alles erstrahlt im Licht."

Chiara Lubich

[Von der Fokolar-Bewegung zur Verfügung gestellte deutsche Übersetzung des italienischen Originals]