Chiara Lubichs Karfreitags-Meditation: Die heroische Lektion über die Liebe

Gedanken der Gründerin der Fokolar-Bewegung für ZENIT-Leser

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ROM, 2. April 2010 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Meditation, die Chiara Lubich, Gründerin der Fokolar-Bewegung, für die Leserschaft von ZENIT zum Karfreitag des Jubiläumsjahrs 2000 geschrieben hatte.


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Karfreitag: Jesu Tod am Kreuz ist seine erhabene, göttliche, heroische Lehre über die Bedeutung der Liebe.

Er hatte alles gegeben: ein Leben in Gehorsam an Marias Seite, unter schweren Bedingungen. Drei Jahre, in denen er predigte, die Wahrheit offenbarte, für den Vater Zeugnis gab, den Heiligen Geist versprach und alle Arten von Wundern der Liebe wirkte. Drei Stunden am Kreuz, von dem aus er seinen Henkern vergab, dem Schächer zur Rechten den Himmel öffnete, uns seine Mutter und schließlich seinen Leib und sein Blut gab, nachdem er sie uns auf geheimnisvolle Weise in der Eucharistie gegeben hat. Nur seine Göttlichkeit blieb.

Sein Einssein mit dem Vater – jenes süßeste und unaussprechliche Einssein, das ihn auf der Erde als Gottes Sohn so mächtig und am Kreuz so erhaben gemacht hatte – dieses Bewusstsein von Gottes Anwesenheit, musste sich in die geheimsten Winkel seiner Seele zurückziehen, durfte nicht mehr wahrnehmbar sein, ihn gewissermaßen von demjenigen trennend, von dem er gesagt hatte, dass er eins mit ihm ist: „Der Vater und ich sind eins“ (Joh 10,30). In seinem Inneren war die Liebe vernichtet, das Licht gelöscht, die Weisheit verstummt. So machte er sich zum Nichts, um uns zu Teilhabern an Allem zu machen, welches er ist; zu einem Wurm der Erde (Psalm 22,7), um uns zu Kindern Gottes zu machen.

Wir waren vom Vater getrennt. Es war notwendig, dass der Sohn, in dem wir alle sind, sich vom Vater getrennt fühlen sollte. Er musste erfahren, von Gott verlassen zu sein, damit wir niemals wieder verlassen sein könnten. Er hatte gelehrt, dass niemand größere Liebe hat als derjenige, der sein Leben für seine Freunde hingibt. Er, der das Leben selbst ist, gab sich vollkommen hin. Es war der Gipfel seiner Liebe, der Liebe schönster Ausdruck. Hinter allem Leid unseres Lebens steht er.

Es ist er selbst. Ja, weil Jesus, als er in seiner Verlassenheit aufschreit, das Bild jener ist, die stumm sind: Er kann nicht mehr sprechen. Er ist das Bild dessen, der blind ist: Er kann nicht sehen; eines Tauben: Er kann nicht hören. Er ist der Erschöpfte, er stöhnt. Er ist am Rand der Verzweiflung. Er hungert nach Vereinigung mit Gott. Er ist das Bild des Verratenen, des Betrogenen; er scheint ein Versager zu sein. Er ist voller Angst, furchtsam, verwirrt.

Der verlassene Jesus ist Dunkelheit, Schwermut, Anderssein. Er ist das Bild von allem Seltsamen, Undefinierbaren, von allem, das etwas Ungeheuerliches, Absurdes an sich hat. Weil es Gott ist, der um Hilfe schreit! Er ist der Einsame, der Verlassene, der scheinbar Nutzlose, ein Ausgestoßener, einer im Schock. Daher können wir ihn in jedem leidenden Bruder oder jeder leidenden Schwester erkennen. Wenn wir uns jenen nähern, die ihm ähnlich sind, können wir mit ihnen über den verlassenen Jesus sprechen.

Für jene, die erkennen, dass sie ihm ähnlich sind und die bereit sind, sein Schicksal zu teilen, wird er: für den Stummen, zur Sprache, für den Zweifler, zur Antwort; für den Blinden, zum Licht; für den Tauben; zur Stimme; für den Müden, zur Ruhe; für den Verzweifelten, zur Hoffnung; für den Getrennten, zur Einheit; für den Ruhelosen, zum Frieden. Mit ihm wird der Mensch umgewandelt und die Sinnlosigkeit des Leidens bekommt Sinn. Er hatte ein „Warum?“ heraus geschrien, auf das niemand antwortete, damit wir die Antwort auf jede Frage hätten.

Das Problem des Menschenlebens ist das Leiden. Gleich welche Form es annehmen mag, wie schrecklich es sein mag, wir wissen, dass Jesus es auf sich genommen hat und – wie durch göttliche Alchemie – Leiden in Liebe verwandelt.

Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung sagen, dass das seelische Leid verschwindet, sobald wir es liebevoll annehmen, um wie er zu sein, und dann weiter lieben, indem wir Gottes Willen tun. Wenn es körperlich ist, wird es zu einer leichten Bürde.

Wenn unsere reine Liebe mit Leiden in Kontakt kommt, verwandelt sie dieses in Liebe. In einem gewissen Sinn vergöttlicht sie das Leiden. Wir könnten fast sagen, dass die Vergöttlichung des Leidens, die Jesus bewirkte, sich in uns fortsetzt. Und nach jeder Begegnung, in der wir den verlassenen Jesus geliebt haben, finden wir Gott auf neue Weise, persönlicher, mit größerer Bereitschaft und in vollerer Einheit.

Licht und Freude kehren zurück; und mit der Freude jener Friede, der die Frucht des Geistes ist.

Dieses Licht, diese Freude und dieser Frieden, die durch Leiden, das geliebt wird, gedeihen, treffen und bewegen selbst die schwierigsten Menschen. Ans Kreuz genagelt, werden wir zu Müttern und Vätern von Seelen. Die Wirkung ist größtmögliche Fruchtbarkeit.

Wie Olivier Clément schreibt: „Der Abgrund, der sich durch jenen Schrei für einen Augenblick auftat, wird mit dem großen Wind der Auferstehung erfüllt.“

Jede Trennung wird aufgehoben, Traumata und Spaltungen werden geheilt, eine alle Menschen umfassende Brüderlichkeit leuchtet auf, Auferstehungswunder geschehen in großer Zahl, ein neuer Frühling für die Kirche und für die Menschheit beginnt.