China und das Christentum

Der christliche Gedanke der Nächstenliebe als wichtige Innovation

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Von Britta Dörre

ROM, 15. Juni 2012 (ZENIT.org). - Der Journalist und Unternehmer Michael Ragg hat von drei Reisen durch China und Taiwan Fotomaterial, Dokumentationen und Analysen mitgebracht. Er ist gefragter Vortragsredner zu diesem Thema.

Michael Ragg war von 1998 bis 2009 Pressesprecher der Päpstlichen Stiftung Kirche in Not in Deutschland. Seit Oktober 2009 ist er Leiter des Unternehmens „Ragg`s Domspatz“, eine Agentur für christliche Kultur, in München, die u.a. die „Domspatz-Soiréen“ veranstaltet. Er ist bekannt als Radio- und Fernsehmoderator auf einer Reihe christlicher Sender und als Organisator dreier Kongresse „Treffpunkt Weltkirche“ in Augsburg.   

ZENIT: Was veranlasste Sie dazu, gerade nach China und Taiwan zu reisen?

Michael Ragg: „Wohin sich China entwickelt, das hat auch entscheidenden Einfluss für das Christentum in Europa und weltweit. Gott sei Dank wenden sich derzeit viele Chinesen dem Christentum zu. Das wollte ich aus der Nähe sehen.“

ZENIT: Welche Erfahrungen haben Sie dort am meisten beeindruckt?

Michael Ragg: „Die Andacht und das Selbstbewusstsein der Gläubigen, die Begeisterung vieler junger Menschen, vor allem von Studenten und jungen Spitzenkräften in der Wirtschaft. Das Christentum gilt für viele als die moderne Religion, die Religion der Zukunft.“

ZENIT: Wer nimmt in China den christlichen Glauben an?

Michael Ragg: „Besonders stark verbreitet sich das Christentum an den Universitäten, unter Studenten und Professoren. Dort soll der Anteil der Christen bereits doppelt so groß sein wie in der Gesamtbevölkerung und vielleicht schon bei zehn Prozent oder darüber liegen. Übrigens konvertieren auch immer mehr chinesische Studenten hier in Deutschland. Die ärmere Landbevölkerung kommt oft durch Heilungen zum Glauben.

Andere sind beeindruckt durch den sozialen Einsatz der Christen. Sie kümmern sich auch um Menschen, mit denen sie nicht verwandt sind – für China eine neue Entwicklung, die beachtet wird. Im Jahr 2009 wurde ein Katholik zum „beeindruckendsten Chinesen des Jahres“ gewählt. Er nimmt seit zwanzig Jahren alte Menschen, die auf der Straße leben, zu sich nach Hause und pflegt sie dort, meist bis zu ihrem Tod. So etwas macht in China gegenwärtig großen Eindruck. Auf der anderen Seite gibt es eine breite gesellschaftliche Diskussion über krasse Fälle unterlassener Hilfeleistung. Der christliche Gedanke der Nächstenliebe wird als wichtige Innovation wahrgenommen, die China dringend braucht.

ZENIT: Beeinflusst der christliche Glaube die stark vom kommunistischen Regime geprägte Gesellschaft?

Michael Ragg: „Der Kommunismus als Ideologie ist in China seit dreißig Jahren keine prägende Kraft mehr. Die Bürger sollen weiterhin die Herrschaft der „Partei“ akzeptieren, aber sie müssen nicht mehr die Sprüche Mao Tse Tungs auswendig lernen. Da Mao versucht hat, alle Religionen auszulöschen, entstand nach seinem Tod ein geistiges Vakuum. In gewisser Weise kommt das der christlichen Mission zugute. Das sieht man in Taiwan, wo die Kirche trotz Religionsfreiheit längst nicht so dynamisch wächst wir auf dem Festland. Hier sind die traditionellen Religionen und Weltanschauungen, der Daoismus, der Buddhismus und der Konfuzianismus, lebendig geblieben. Die christliche Mission war hier vor allem unter den Ur-Einwohnern erfolgreich, die eben diese Traditionen nicht hatten.“

ZENIT: Der 24. Mai ist von Papst Benedikt XVI. zum Weltgebetstag für die Kirche in China proklamiert worden. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage? 

Michael Ragg: „Es wird im deutschen Sprachraum noch viel zu wenig beachtet, dass der Heilige Vater einen Weltgebetstag für ein Land proklamiert hat, ohne dass dort eine große Naturkatastrophe oder eine Christenverfolgung stattgefunden hätte. In vielen Ländern sind die Christen weit schlechter dran als gegenwärtig in China. Hat es dergleichen schon einmal gegeben?

Erstmals hat der Papst auch einen Chinesen mit einem Führungsamt in einer wichtigen Kongregation betraut, als er Ende 2010 den Salesianer Savio Hon Tai-Fai zum Sekretär, also zum zweiten Mann in der Kongregation für die Evangelisierung der Völker gemacht hat. Im Jahr 2011 wurde dann mit Fernando Filoni ein Kardinal zum Präfekten dieser Kongregation ernannt, der als ausgesprochener China-Experte gilt. Sowohl Papst Benedikt als auch schon sein Vorgänger Johannes Paul II. haben wiederholt erklärt, dass sie „jeden Tag“ für China beten. In der Tat wird sich in den nächsten Jahrzehnten entscheiden, ob in China eine „Konstantinische Wende“ möglich ist, ob sich das Christentum dauerhaft als Kultur (mit) prägende Kraft durchsetzen kann. Das zu wünschen haben wir allen Grund. Es wäre gut, unsere Pfarreien würden mehr über Partner- und Patenschaften mit chinesischen Pfarreien nachdenken. Das katholische China-Zentrum in St. Augustin oder die Päpstliche Stiftung KIRCHE IN NOT sind dafür gute Anlaufpunkte. Beim China-Zentrum gibt es auch sehr gute Materialien, um den Weltgebetstag in der Pfarrei zu gestalten.“

Weitere Informationen kann man hier und hier finden.