«Christ ist man nicht 'auf Zeit'»

Katechese von Papst Franziskus während der Generalaudienz am 15. Mai

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 556 klicks

Die Generalaudienz begann heute Vormittag um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

In seiner in italienischer Sprache gehaltenen Ansprache setzte der Papst die dem „Jahr des Glaubens“ gewidmete Katechesen-Reihe fort. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stand das Thema: „Ich glaube an den Heiligen Geist, den Führer zur Wahrheit“.

Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen richtete Papst Franziskus besondere Grüße an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem apostolischen Segen.

Wir veröffentlichen die Worte von Papst Franziskus in einer eigenen Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute möchte ich beim Wirken des Heiligen Geistes verweilen, der die Kirche und jeden von uns zur Wahrheit führt. Jesus selbst sagte zu den Aposteln: der Heilige Geist „wird […] euch in die ganze Wahrheit führen“ (vgl. Joh 14,17; 15,26; 16,13).

Wir leben in einer geschichtlichen Epoche, in der die Wahrheit mit einer skeptischen Haltung aufgenommen wird. Benedikt XVI. hat vielfach den Relativismus thematisiert. Dieser besteht in der Tendenz zu glauben, dass nichts endgültig ist und die Wahrheit einem Konsens oder unserem Willen entspringt. Dabei stellt sich folgende Frage: Existiert „die“ Wahrheit tatsächlich? Was ist „die“ Wahrheit? Können wir sie begreifen? Können wir zu ihr finden? Dies lässt mich an die Frage des römischen Statthalters Pontius Pilatus denken, nachdem Jesus den tiefen Sinn seines Auftrages offenbart hatte: „Was ist die Wahrheit?“ (Joh 18,37.38). Pilatus begreift nicht, dass sich „die“ Wahrheit vor seinen Augen befindet. Es gelingt ihn nicht, in Jesus das Antlitz der Wahrheit, das Antlitz Gottes zu erkennen. Dennoch ist Jesus genau das: die Wahrheit, die in der Fülle der Zeit „Fleisch geworden ist“ (Joh 1,1.14). Sie ist unter uns gekommen, damit wir sie erkennen. Die Wahrheit können wir nicht ergreifen wie einen Gegenstand; sie erschließt sich in der Begegnung. Sie besteht nicht im Besitz, sondern in der Begegnung mit einem Menschen.

Aber wer führt uns zu der Erkenntnis, dass Jesus das „Wort der Wahrheit, der eingeborene Sohn Gottes, des Vaters”, ist? Der hl. Paulus erteilt uns folgende Lehre: "Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet!“ (1 Kor 12,3). Gerade der Heilige Geist, das Geschenk des auferstandenen Christus, lässt uns die Wahrheit erkennen. Jesus bezeichnet ihn als „Parakleten“, d.h. „den, der uns zur Hilfe kommt", der uns zur Seite steht, um uns auf diesem Weg des Erkennens Halt zu geben. Beim letzten Abendmahl versicherte Jesus seine Jünger des hl. Geistes, der alles lehren und sie an all seine Worte erinnern wird (vgl. Joh 14,26).

Wie aber kann der Heilige Geiste in unserem Leben und im Leben der Kirche als Führer zur Wahrheit wirken? In erster Linie erinnert er die Gläubigen an die Worte Jesu und schreibt sie in ihre Herzen ein. Gerade durch diese Worte wird das Gesetz Gottes – gemäß der Ankündigung der Propheten des Alten Testamentes – in unser Herz eingeschrieben und wird in uns zum Bewertungsprinzip unserer Entscheidungen und zum Führungsprinzip in unseren täglichen Handlungen. Es wird zu unserem Lebensprinzip. So verwirklicht sich die große Prophezeiung Ezechiels: „Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich reinige euch von aller Unreinheit und von allen euren Götzen. Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt“ (36,25-27). Tatsächlich entspringen unsere Handlungen unserem Innersten: Gerade das Herz muss zu Gott umkehren, und der Heilige Geist verwandelt es, wenn wir uns ihm öffnen.

Laut der Verheißung Jesu führt uns der Heilige Geist „in die ganze Wahrheit“ (Joh 16.13); er führt uns nicht nur zur Begegnung mit Jesu, der Fülle der Wahrheit, sondern auch „in“ die Wahrheit. Er lässt uns somit in eine immer tiefere Gemeinschaft mit Jesus eintreten und schenkt uns die Intelligenz des Göttlichen. Diese Intelligenz können wir nicht aus eigener Kraft erlangen. Wenn Gott uns nicht in unserem Inneren erleuchtet, wird unser Christsein oberflächlich. Der Tradition der Kirche zufolge wirkt der Geist der Wahrheit in unserem Herzen und erweckt den „Glaubenssinn“ (sensus fidei), durch den das Gottesvolk unter der Leitung des Lehramtes unverlierbar an dem übergebenen Glauben festhält, ihn mit rechtem Urteil vertieft und auf vollkommenere Weise im eigenen Leben anwendet (vgl. Dogm. Konst. „Lumen gentium, 12). Stellen wir uns folgende Frage: Bin ich offen für das Wirken des Heiligen Geistes, bitte ich ihn um Licht, um höhere Sensibilität für das Göttliche? Folgendes Gebet sollten wir jeden Tag sprechen: „Heiliger Geist, öffne mein Herz für das Wort Gottes, für das Gute, für die göttliche Schönheit in den Dingen des Alltags“. Ich möchte nun an alle eine Frage richten: Wie viele von euch beten jeden Tag zum Heiligen Geist? Es werden wenige sein, doch wir müssen diesen Wunsch Jesu erfüllen und jeden Tag zum Heiligen Geist beten, auf dass er unser Herz für Jesus öffne.

Lasst uns an Maria denken, die „alles, was geschehen war, in ihrem Herzen“ bewahrte und darüber nachdachte (vgl. Lk 2,19.51). Die Aufnahme der Worte und der Wahrheit des Glaubens, um eine Verlebendigung zu ermöglichen, erfolgt durch das Wirken des Heiligen Geistes. In diesem Sinne gilt es, von Maria zu lernen, sodass ihr „ja“ und ihre vollkommene Bereitschaft für die Aufnahme des Sohnes Gottes in Ihr ab diesem Zeitpunkt verwandeltes Leben erneut in uns lebendig werden. Durch den Heiligen Geist beziehen der Vater und der Sohn in uns Wohnung: wir leben in Gott und von Gott. Wird unser Leben aber tatsächlich von Gott belebt? Wie viele Dinge stelle ich vor Gott?

Liebe Brüder und Schwestern, wir müssen uns vom Licht des Heiligen Geistes durchfluten lassen, auf dass er uns in die Wahrheit Gottes einführt, des einzigen Gottes unseres Lebens. In diesem „Jahr des Glaubens“ wollen wir uns fragen, ob wir konkrete Schritte zum Erkennen Christi und der Wahrheit des Glaubens gesetzt haben. Betrachten wir die Heilige Schrift, studieren wir den Katechismus und empfangen wir regelmäßig die heiligen Sakramente. Zugleich müssen wir uns aber auch fragen, inwiefern wir uns um eine glaubensorientierte Existenz bemühen. Christ ist man nicht „auf Zeit“, nur in manchen Momenten, bei manchen Gelegenheiten, in manchen Entscheidungen. So kann man kein Christ sein. Christsein betrifft jeden einzelnen Moment! Es betrifft uns ganz! Die Wahrheit Christi, der Heilige Geist, der lehrt und schenkt, betrifft unser tägliches Leben für alle Zeit und vollkommen. Rufen wir ihn öfter an, auf dass er uns auf dem Weg der Jünger Christ führe. Rufen wir ihn jeden Tag an. Ich mache euch folgenden Vorschlag: Rufen wir jeden Tag den Heiligen Geist an. So wird er uns an Christus annähern.