Christa Meves: "Die Angst im Nacken könnte uns helfen, tapferer zu werden"

Eröffnungsvortrag beim internationalen Kongress "Treffpunkt Weltkirche

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ROM, 16. März 2006 (ZENIT.org).- "Das Gefühl von Angst ist in unserer Zeit heute in einer nackten Realität allgegenwärtig", konstatierte die Psychotherapeutin Christa Meves vor 1.400 Kongressteilnehmern auf dem "Treffpunkt Weltkirche" in Augsburg.



In ihrem Eröffnungsreferat zur internationalen Konferenz von "Kirche in Not", in dem sie das Veranstaltungsmotto "Steht auf, habt keine Angst!" (Mt 17,7) beleuchtete, betonte die 81-jährige, dass Angst und Furcht immer einen realen Hintergrund hätten, eine Eigendynamik entwickelten und die Menschen zu instinktiven Reaktionen führten, "die fatal oder sehr fruchtbar sein können". Die Trägerin des Komturkreuzes des Gregoriusordens, das ihr Papst Benedikt XVI. im vergangenen Jahr überreicht hatte, skizzierte vor zahlreichen Bischöfen aus aller Welt und Vertretern kirchlicher Einrichtungen das Panorama der "allgegenwärtigen Angst": der Angst vor einem atomaren Angriff, vor Vernichtung und Vergiftung, vor dem Zusammenprall der Kulturen. Beängstigend sei der enorme Geburtenrückgang und dass man weltweit dafür sorge, "von denen, die geboren werden, weltweit Millionen im Mutterleib zu töten". Angesichts solcher Dinge fragte sie das Publikum: "Wie sollen wir da nicht erschaudern?"

Dem gegenüber stehe, so Christa Meves, die Erfahrung von engagierten und verfolgten Christen. Was sie damit genau meinte, veranschaulichte die Mitherausgeberin der Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" mit dem Verweis auf die Überzeugung eines Russlandmissionars, der ihr gegenüber bekannt habe: "Ich gehe nie ohne Angst, ich gehe trotz meiner Angst. Man geht doch um Gottes Willen erfüllt von seinem Auftrag."

Der Mensch in den Industrienationen ist von wahnsinniger Unruhe und Angst gejagt

In ihrer Praxis als Psychotherapeutin sei sie in Deutschland mit einer wachsenden Zahl von Menschen konfrontiert, die "krank vor Angst" sind, stellte Christa Meves fest. "Sie können vor Angst nicht schlafen, nicht essen, nicht arbeiten, sich nicht konzentrieren. Sie befinden sich in einem dauernden Zustand der Erregung." Auch Kinder würden verstärkt von Ärzten unter Medikamente gesetzt, da auch die Halbwüchsigen kaum mehr stillsitzen könnten – "wie gejagt von einer ihnen selbst nicht verstehbaren, ihrer Umwelt nicht erklärbaren Unruhe". In den USA seien deshalb allein im Jahr 2005 über 25 Millionen Beruhigungsmittel geschluckt worden. "In Deutschland sieht es gewiss nicht anders aus. Tonnenweise wird, so sagte mir jüngst ein Fachmann, zum Beispiel die Droge Ritalin für unsere Kinder an die Apotheken verteilt. Wieso diese geradezu wahnsinnig viele Angst selbst bei den Menschen in friedlichen Industrienationen?"

Phänomenologie der "reaktivierbaren" Angst

Da Angst den Menschen in Bewegung setze, "kann ein mittlerer Angstpegel sogar selbst für den modernen Menschen als ein positiver Anreiz wirksam werden, könne wachsamer, beweglicher und achtsamer machen und helfen, vorsichtig zu sein. Übersteuerte Angstmechanismen machten dagegen "kopflos", und "Fluchttendenzen können sich dann ohne Mitbeteiligung der Vernunft rigoros durchsetzen". Dafür stünden Massenpanik und auch unbewusste persönliche traumatische Angsterlebnisse, die von einer berechtigten Bedrohtheit herrührten – "wie eine schwierige, mit Sauerstoffmangel verbundene Geburt" –, deren Wirkung weiterhin besteht. "Das Ungünstige für den Menschen ist die Tatsache, dass sich lebensbedrohliche Angst nicht einfach löscht, sondern fatalerweise reaktivierbar ist", erklärte die Referentin. "Sie kann dann unvermutet 'losgehen', manchmal sogar auch ohne dass ein neuer bedrohlicher Anlass gegeben ist."

In gewisser Weise müsse man zunächst einmal hinnehmen, dass Menschen "unerlöst" mit solchen Erfahrungen lebten. "Diese Empfänglichkeit unseres Stammhirns für 'bedingte Reflexe' bewirkt die so genannte frei flottierende Angst, das heißt ein heute bei vielen Menschen vorhandenes zu hohes Angstniveau, das über das reale Maß der Antwort auf eine unmittelbar bedrohliche Situation weit hinausgeht.

Die Gründerin des Vereins "Verantwortung für die Familie" folgerte aus diesen Erkenntnissen, "dass die Gesellschaften mit einer hohen Zivilisation durch unbedachte Umgangsweisen mit den Kindern in den vergangenen Jahrzehnten Angstkrankheiten geradezu gezüchtet haben". Ursache dafür sei eine überzogene "Künstlichkeit" im Umgang mit den Kindern ab dem Säuglingsalter, aber ebenso die "Kollektivierung von Babys in Krippen", die ihnen umso mehr schadeten, "je früher, länger und konstanter sie dort untergebracht werden". Die couragierte Anwältin für die Gesundung der Gesellschaft resümierte in Augsburg: "Auf den Hauptnenner gebracht, liegt das an der fatalen leichtfertigen Gottlosigkeit unserer Zeit, die sich anmaßt, Kindern ihr natürliches Lebensrecht vorzuenthalten und sie zu manipulieren."

Gottlosigkeit bewirkt Mutlosigkeit, Mutlosigkeit bewirkt Kinderlosigkeit

Alle Menschen seien unweigerlich mit Realitäten konfrontiert, die Furcht einjagten, fuhr Christa Meves fort. "Aber so oder so: Angst ist im Grunde nur allzu berechtigte Furcht vor dem Tod." Für den Menschen ohne Gott werde das Leben "deshalb dann bald hoffnungslos. Denn den Sinn des Lebens aus der Sorge für die Nachkommen zu ziehen und sich dadurch zum durchstehen von Krisen und Unglück zu ermutigen, selbst dieser ein wenig tröstliche Gedanke rückt für viele Menschen in unserer Single-Gesellschaft in immer größere Ferne. Gottlosigkeit bewirkt Mutlosigkeit, und Mutlosigkeit bewirkt Kinderlosigkeit."

Der hohe Angstpegel in unserer Gesellschaft, so Christa Meves, sei zunächst einmal "Konsequenz einer unausweichlichen Realität, die auch im Evangelium als apodiktische Bestandaufnahme eingeht: 'In der Welt habt ihr Angst' (Joh 16,33). Dass Angst, Stress und Bedrängnis aber eng zusammen gehören, wird durch die neue Stressforschung immer einsichtiger." Sie sei ein Symptom für eine berechtigte Furcht angesichts der "gottlosen und dekadenten Wirklichkeiten unserer Gesellschaft", eines "verdummten egoistischen Materialismus", einer "hochmütigen Liberalität" – ein Warnsignal, das uns bewegen solle.

Sich aufmachen

Die Tatsache, dass Furcht nicht nur lähmt und apathisch werden lässt, führte Christa Meves zur Feststellung: "Diese Furcht, die neuerdings die Menschen in Europa ergriffen hat: Wie nötig ist sie, wie berechtigt und in später Stunde vielleicht sogar heilsam? Wie dringlich ist es, dieses den Menschen bewusst zu machen? Wir Christen haben doch etwas zu verteidigen!"

Die Eigendynamik der Angst könne Christen "anschieben" und bewirken, dass sie sich aufmachten. "Es gibt für unsere Gesellschaft keine Möglichkeit der Rettung als durch eine christliche Kulturrevolution", betonte die Verfasserin von mehr als 100 Büchern. "Die Angst im Nacken könnte uns helfen, tapferer zu werden, viel tapferer; denn wir haben gegen die Leere des Materialismus ja etwas zu bieten, nämlich nichts weniger als die Einladung unseres Gottes zum Heil für jeden einzelnen und für alle Menschen dieser Welt und damit auch nichts weniger als die Hoffnung, hier in Europa als christliches Abendland zu überleben." Fern von "panischen Fluchtendenzen" und "verkrampfter Überlebenshast" und Überlebensstrategien könne der Glaube den Menschen in seiner Angst und bei aller Furcht aktivieren, "sich für das Lieben einzusetzen – ein Lieben, das sich an der großen Liebe unseres Herrn Jesus Christus orientiert".