Christen, geht in die Politik

Von Guido Horst

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WÜRZBURG, 15. Mai 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Vom fernen Lateinamerika aus hat der deutsche Papst scharfe Kritik an den Gesellschaften des Westens geübt. Zu Beginn der fünften Generalversammlung des lateinamerikanischen Bischofsrats verurteilte er den Marxismus, der immer da, wo er an der Regierung war, „ein trauriges Erbe an wirtschaftlicher und ökologischer Zerstörung hinterlassen“ habe – und eine „schmerzhafte Zerstörung des Geistes“. Aber auch den Kapitalismus sparte er von dieser Kritik nicht aus: „Das gleiche sehen wir auch im Westen, wo die Distanz zwischen Armen und Reichen ständig wächst und die Menschenwürde auf beunruhigende Weise Schaden leidet: durch Drogen, Alkohol und täuschende Glücksversprechen.“ Marxismus und Kapitalismus seien angetreten, gerechte Strukturen zu schaffen. Beide seien gescheitert.



Und nun? Tritt der Theologen-Papst an, eine neue politische Ordnung zu entwerfen? Eins ist sicher: Für Benedikt stehen die Uhren auf fünf vor zwölf. Zweimal hat er das Wort „Zerstörung“ gebraucht. Die es aufzuhalten gilt. Eine Aufgabe, vor der die Kirche ihre Augen nicht verschließen kann. Aber er hat auch deutlich gemacht, dass die politische Arbeit nicht zu den unmittelbaren Kompetenzen der Kirche zählt. Die Achtung vor einer gesunden Laizität und auch einer Pluralität politischer Positionen gehörten zur christlichen Tradition. Auch sei es nicht Aufgabe der Kirche, für eine bestimmte Politik einzutreten. „Die Kirche ist Anwältin der Gerechtigkeit und der Armen, eben weil sie sich nicht mit den Politikern identifiziert, noch mit den Interessen der Parteien.“

Dennoch sei die Verantwortung der Christen sehr groß: Es könne keine gerechten Strukturen geben, wenn der moralische Konsens in der Gesellschaft über die grundlegenden Werte fehle. Wo aber Gott abwesend sei, „der Gott mit dem menschlichen Antlitz Jesu Christi“, da zeigten sich diese Werte nicht mit ihrer ganzen Kraft und es entstehe auch kein Konsens über sie. Deshalb sei es die fundamentale Berufung der Kirche, die Gewissen zu bilden, für Wahrheit und Gerechtigkeit einzutreten und zu den persönlichen und politischen Tugenden zu erziehen.

Und dann sagte der Papst etwas zu Lateinamerika, was im Grundsatz auch für Europa gilt. Da es sich um einen „Kontinent der Getauften“ handle, sei es nötig, etwas „gegen die bemerkenswerte Abwesenheit von Stimmen und Initiativen katholischer Führer mit starker Persönlichkeit“ zu tun. Mit anderen Worten, in der Politik fehlen einfach Christen, die mit ihrer Überzeugungsarbeit für gerechte Strukturen und soliden Wertekonsens sorgen. Nun kann man darüber streiten, ob Europa noch ein „Kontinent der Getauften“ ist. Sicher ist jedoch, dass die katholische Kirche, und hier ausdrücklich nicht als Amtskirche verstanden, immer noch die größte gesellschaftliche Kraft auf dem alten Kontinent darstellt, zwar geschwächt und an innerer Auszehrung leidend, aber an der Zahl ihrer aktiven Mitglieder, ihrer inneren „Programmatik und Philosophie“ sowie ihrer inneren Einheit gemessen jeder anderen weltanschaulichen Gruppierung haushoch überlegen.

Und warum schwächelt sie dann so? Warum gelingt es katholischen Politikern nicht, zwischen Marxismus und Kapitalismus einen dritten christlichen und den Menschen dienenden Weg zur Erneuerung der Gesellschaft aufzuzeigen? Weil es zu wenige sind. Der Papst empfiehlt den katholischen Laien nichts anderes als einen erneuten Marsch durch die Institutionen, diesmal allerdings mit katholischen Vorzeichen. Doch Christen, die sich das bewusst als Christen vornehmen, scheinen heute Mangelware zu sein. Es gibt sie, glaubensstarke Laien. Aber sie fahren lieber nach Medjugorje oder Manoppello oder schreiben wuchtige Leserbriefe, als sich um die Sorgen dieser Welt zu kümmern.

Darf der, der fromm ist und betet, keine Politik machen? Im Gegenteil: Er muss! Papst Benedikt sprach in Aparecida von einer „bemerkenswerten Abwesenheit“ katholischer Laien in der Politik. Die ist auch in Europa und in Deutschland sehr, sehr bemerkenswert. Laien, die sich in innerkirchlichen Vereinigungen und Aktivitäten umtun, gibt es mehr als genug – da könnte man einige an Lateinamerika abgeben. Laien aber, die Innerkirchliches den berufenen Hirten überlassen und sich vor Ort in die Politik stürzen, um dann gemeinsam mit anderen auf das ganze Land auszustrahlen, sind fast so selten wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Was bleibt, sind einige Einzelkämpfer, die ihr Katholisch-Sein nicht verbergen. Aber sie gelten als Exoten.

Der Papst hat in Brasilien immer wieder davon gesprochen, dass man Gott sichtbar machen, dass seine Herrlichkeit ausstrahlen müsse. Das geht nur durch Menschen, die Gott in sich tragen. Solche Menschen hat auch die Politik verdient. Sicherlich ein bisweilen schmutziges Geschäft, wie aber alles immer auch etwas schmutzig ist: die Wirtschaft, die Kultur, selbst der Sport. Die große Ansprache Benedikts XVI. zum Auftakt der Konferenz des lateinamerikanischen Bischofsrats wird die Kirche des Kontinents durch die nächsten Jahre tragen. Aber auch in Europa und in Deutschland sollte man sie gründlich lesen. Vielleicht entsteht ja auch hier so etwas wie eine „Generation Benedikt“.

[© Die Tagespost vom 15.5.2007]