Christen im Irak brauchen unsere Solidarität!

Interview mit Karin M. Fenbert, Geschäftsführerin von Kirche in Not

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KÖNIGSTEIN, 2. April 2012 (ZENIT.org/KIN). - Über eine Million irakischer Christen sind in den zurückliegenden Jahren aus ihrer Heimat geflohen, tausende wurden ermordet, dutzende Kirchen wurden zerstört. Für viele Christen sind die Kurdengebiete im Norden des Landes zur Zuflucht geworden. Karin M. Fenbert, Geschäftsführerin von „Kirche in Not“, hat soeben den Irak besucht. Karl-Georg Michel hat nach ihrer Rückkehr mit Frau Fenbert gesprochen.
 
KIN: Welche Eindrücke haben Sie von Ihrer Reise mitgebracht?

Karin M. Fenbert: Ich komme aus einem Land voller Gegensätze zurück. Der Flughafen von Erbil im Nordirak, wo ich zusammen mit einer Delegation von „Kirche in Not“ gelandet bin, ist hochmodern. Überall wurde in Erbil gebaut. Da hatte ich nicht den Eindruck, in einer Krisenregion zu sein. Wir waren mit unserer Delegation nur im Norden des Landes, weil wir für Bagdad, wo ja gerade die Arabische Liga getagt hat, kein Visum bekommen haben. Aber natürlich gibt es auch im Norden zahlreiche Kontrollpunkte der Sicherheitskräfte. Die Residenz des chaldäisch-katholischen Erzbischofs von Kirkuk, Louis Sako, wo wir auch übernachtet haben, ist schwer bewacht. Aber wie gefährlich die Lage wirklich ist, wurde mir erst bei meiner Rückkehr bewusst: Unmittelbar nach unserer Abreise gab es in Kirkuk Bombenanschläge.

KIN: Warum sind Sie jetzt für „Kirche in Not“ in den Irak gereist?

Karin M. Fenbert: Weil es uns wichtig war, die Christen dort zu besuchen. Sie brauchen unsere Solidarität! Im Norden des Landes ist die Lage unterschiedlich. Aber insbesondere die Stadt Mossul wird von den Christen gemieden. Unsere Gesprächspartner meinten ganz überwiegend, dies sei momentan der gefährlichste Ort im Land, noch vor Bagdad. Für die Christen ist es dort lebensgefährlich. Stellen Sie sich vor, Sie müssten immer Ihre muslimischen Nachbarn bitten, die Einkäufe für Sie zu erledigen, weil Sie auf der Straße um Ihr Leben fürchten müssen …

KIN: Heißt das, im Alltag mit den muslimischen Nachbarn spielt die Religionszugehörigkeit keine Rolle?

Karin M. Fenbert: Das ist ja gerade das Problem der Christen im Irak: Sie leben dort bereits seit den Anfängen des Christentums. Die Chaldäer sind eine Urkirche. Das Zweistromland war ihre Heimat, lange bevor der Islam entstanden ist. Sie haben friedlich mit den Muslimen zusammengelebt … bis ins Jahr 2003. Aber nun müssen sie wegen der Invasion der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten um ihre Existenz und ihr Leben fürchten. Sie sind zur Zielscheibe von Hass und Gewalt geworden, allerdings nicht überall im gleichen Maße. Aber das hat eigentlich wenig mit der Religion an sich zu tun. Das ist mir beim Besuch einer Moschee in der Nachbarschaft der Residenz von Erzbischof Sako in Kirkuk bewusst geworden. Wir waren zusammen mit dem Erzbischof dort. Zwischen ihm und dem Imam ist das Verhältnis herzlich. Der Imam setzt sich für ein friedliches, freundschaftliches Verhältnis zwischen Christen und Muslimen ein.

KIN: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation im Norden des Irak?

Karin M. Fenbert: Natürlich gibt es leider noch immer Orte, auch im Norden, in denen Christen nicht sicher sind. Ich nannte bereits Mossul. Aber auch dort, wo es vermeintlich ruhig ist, wo sich Christen eigentlich sicher fühlen, kann die Lage schnell umschlagen. Das gilt zum Beispiel für Zaxo an der Grenze zu Syrien und zur Türkei: Dort wurde im vergangenen Dezember in 20 christlichen Läden Feuer gelegt. Mit einem der Besitzer sprachen wir. Wir haben aber auch hoffnungsvolle Zeichen gesehen. Wir waren mit Erzbischof Sako in einer neuen Siedlung, die gerade für Christen gebaut wird. Die Zentralregierung in Bagdad unterstützt dieses Projekt großzügig mit Geld. Sie will die Christen unbedingt im Land halten. Der Erzbischof hat uns in der Siedlung auch ein planiertes Grundstück gezeigt, so groß wie einige Fußballfelder. Dort soll ein großes Gemeindezentrum mit Kirche entstehen, was den Erzbischof sehr  optimistisch stimmt: „Wenn man Kirchen baut, hat man Zukunft“, meinte er.

KIN: Unterstützt „Kirche in Not“ solche Projekte?

Karin M. Fenbert: Wir unterstützen den Bau von Kirchen, aber vor allem auch die enormen Anstrengungen in der Katechesearbeit. Daneben helfen wir den christlichen Flüchtlingen vor allem aus Bagdad und Mossul, die über den ganzen Norden des Landes verstreut leben. Etliche sind gut ausgebildete, jetzt arbeitslose Akademiker. Sie haben mir gesagt, wie dankbar sie für unsere Hilfe sind, weil wir ihnen eine Perspektive geben. Im vergangenen Jahr hat eine Delegation von „Kirche in Not“ den Irak bereist. In dem Buch „Der Irak – Christen im Land der Propheten“ haben wir viele unserer Eindrücke zusammengefasst.

KIN: Was hat Sie bei den Begegnungen mit den Christen im Irak besonders beeindruckt?

Karin M. Fenbert: Ihre Gastfreundschaft, auch ihre Bescheidenheit. In einem kleinen Dorf zum Beispiel, das wir besucht haben, hatte der Gemeindevorsteher nur einen einzigen Wunsch: Er wollte, dass wir ihm Geld geben, damit sie um ihren kleinen Friedhof endlich einen Zaun ziehen können. Bewegt hat mich auch der Eifer, mit dem viele Kinder und Jugendliche zu den Katechesestunden kommen, außerdem die vielen Besucher der Kreuzwegandachten am Freitag.

Frau Fenbert steht Ihnen für Interviewanfragen zur Verfügung.