Christen im Nahen Osten: Salz, Licht und Sauerteig

Ranghöchster Katholik im Nahen Osten wünscht sich Palästinenserstaat

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KÖNIGSTEIN, 20. Dezember 2011 (ZENIT.org). – In einem Gespräch mit dem katholischen Hilfswerk Kirche in Not äußerte sich das Oberhaupt der melkitisch-katholischen Kirche im Nahen Osten, Patriarch Gregor III. Laham von Antiochien, über die Situation der Christen im Nahen Osten seit Beginn des „Arabischen Frühlings“, über den Konflikt im Heiligen Land und über die besonderen Beziehungen seiner Kirche zum Islam. Dabei plädiert er unter anderem für einen eigenständigen Palästinenserstaat.

Das Interview führte Volker Niggewöhner.

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KIN: Eure Seligkeit, was ist die besondere Sendung der arabischsprachigen Christen im Nahen Osten?

Laham: Jesus ist in Palästina geboren, aber das Christentum wurde in den arabischen Ländern geboren: in Syrien, Libanon und Jordanien. All das sind heilige Länder für das Christentum. Darum ist es unsere Sendung, in diesen Ländern zu bleiben, um die Frohe Botschaft des Evangeliums Jesu Christi zu leben.

KIN: Sie leben eng mit den Muslimen zusammen und haben in einem Interview einmal gesagt, sie seien „Die Kirche des Islam“. Wie war das gemeint?

Laham: Diese Aussage hat ein paar Leute schockiert. Ich hatte gesagt, dass wir die „Kirche der Araber“ sind. Aber weil die Araber überwiegend Moslems sind und wir in vorwiegend islamisch geprägten Ländern leben, habe ich hinzugefügt, dass wir die „Kirche des Islam“ sind, das bedeutet eine Kirche mit dem Islam, für den arabischen Raum. Ich wollte damit die Zusammengehörigkeit von Christentum und Islam im Nahen Osten herausstreichen. Wir haben die Verantwortung, christliche Werte zu leben und den Muslimen unsere christliche Liebe zu zeigen. Papst Johannes Paul II. hat betont, dass es die Essenz von Kirche sei, für andere da zu sein. Darum sind wir die „Kirche des Islam“, denn wir sind auch für die Muslime da.

KIN: Die Christen leben schon seit Jahrhunderten im Nahen Osten, doch ihre Lage hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verschlechtert. Warum?

Laham: Ich glaube, die Gründe dafür sind nicht religiöser Natur und daher auch nicht in dem Verhältnis zwischen Islam und Christentum zu suchen. Es hat vor allem politische und wirtschaftliche Gründe, dass inzwischen so viele Christen nach Europa und Amerika ausgewandert sind. Es sind die sich ständig wiederholenden Krisen in unserer Region, vor allem der seit Jahrzehnten ungelöste Konflikt zwischen Israel und Palästina, der einen großen Schatten über die Christen des Nahen Ostens geworfen hat. Sobald wir den Konflikt zwischen Israel und den Arabern beilegen, wird die Region Ruhe finden und die Christen werden nicht länger auswandern.

KIN: Ist der Konflikt in Palästina auch der Auslöser für das Erstarken eines fundamentalistischen, politischen Islam, wie wir ihn in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet haben?

Laham: Der Islam war schon immer eine missionarische Religion. Aber wir Christen sind auch missionarisch! Wir sollten also von den Muslimen lernen, anstatt vor ihnen Angst zu haben. Wir sollten stärker in unserem Glauben verankert sein und ihn strahlend vortragen und leben.

KIN: Wie ist Ihre Haltung zu einem eigenständigen Palästinenserstaat?

Laham: Wir wünschen uns einen solchen Staat. Die Beschlüsse der Vereinten Nationen haben immer klar gesagt, dass es zwei Staaten geben muss: einen israelischen und einen palästinensischen. Die Europäer haben im September die Chance verpasst, Palästina anzuerkennen. Glauben Sie mir: Wenn Sie sich wünschen, dass es weiterhin Christen im Heiligen Land und im Nahen Osten geben soll, müssen Sie mutig für die Anerkennung eines Staates Palästina eintreten.

Wenn Sie das Problem zwischen Israel und Palästina auf diese Weise lösen, lösen Sie damit auf einen Schlag die meisten Probleme der Welt. Allen voran die Probleme zwischen Christen und Muslimen, die Probleme des islamischen Fundamentalismus und das Problem der Auswanderung von Christen aus den Ländern des Nahen Ostens. Wir sind schon seit so vielen Jahrzehnten ein Krisengebiet, und nach jeder Krise gab es eine neue Auswanderungswelle. Nicht der Islam ist der Grund dafür, warum wir Christen auswandern. Der ungelöste Konflikt im Heiligen Land ist die Wurzel der meisten unserer Probleme.

KIN: Haben Sie die Hoffnung, dass aus den Revolutionen rund um den „Arabischen Frühling“ auch für die Christen etwas Gutes erwächst?

Laham: Jede schädliche Entwicklung im Nahen Osten stellt eine Gefahr für die ganze Welt dar. Die gegenwärtigen Revolutionen richten sich nicht gegen die Christen, auch wenn sie mancherorts unter den Auswirkungen der Revolutionen zu leiden haben. Wir Christen müssen im „Arabischen Frühling“ unsere Sendung und Rolle entdecken, indem wir mit unseren Landsleuten zusammenarbeiten. Unsere Rolle in diesen Revolutionen ist es, Salz, Licht und Sauerteig zu sein, indem wir die Menschen zum Dialog einladen.

Der Westen sollte nicht immer nur darauf drängen, dass die Regime gestürzt werden, sondern er sollte die bestehenden Regime dabei unterstützen, durchgreifende Reformen umzusetzen. Wir müssen gemeinsam eine Vision für unsere Länder entwickeln. Wir müssen von den Slogans profitieren, die man in den großen Städten des Nahen Ostens gehört hat. Diese Forderungen und Aussagen haben das Zeug zu einer neuen „Charta“, einer neuen Rechtsordnung für alle Menschen im arabischen Raum. Die eingeforderten Rechte müssen nur an die Wirklichkeit in den arabischen Ländern angepasst werden. Das wäre die richtige Antwort auf diese Revolutionen, die sonst sehr gefährlich sind für alle Menschen im Nahen Osten.

Die Christen sind nicht mehr und nicht weniger von den Revolutionen bedroht als alle anderen. Selbst die Islamisten, die Muslimbrüder, Salafisten und wie sie alle heißen werden verstehen, dass es gut für den Nahen Osten ist, wenn die Christen dort bleiben können. Denn sie sind ein Erbe der Pluralität in der islamischen Welt.

KIN: Was halten Sie für wahrscheinlicher: Dass in der Region Gottesstaaten nach iranischem Vorbild entstehen oder demokratische Staaten?

Laham: Das müssen wir abwarten. Ein Gottesstaat war immer der Traum und das Ziel der islamischen Religion. Auch wir Christen hatten solche Phasen in unserer Geschichte. Denken Sie nur an das Heilige Römische Reich. Die Idee ist also nicht neu. Ich denke, selbst wenn Gottesstaaten entstehen sollten, sind diese keine Gefahr für uns Christen, denn wir halten stark an unserem Glauben fest. Wir leben schon seit Jahrhunderten mit dem Islam zusammen und haben daraus gelernt, wie wir mit seinen verschiedenen Strömungen leben können. Die Muslime haben ihrerseits verstanden, dass wir Christen im Nahen Osten einen besonderen Status haben.

Ein „Gottesstaat“ würde sich an der Scharia, der Rechtsordnung des Islam, ausrichten. Aber wenn man den Koran richtig versteht, ist die Scharia etwas, das nur den Moslem angeht. Der Koran sagt ganz klar, dass die islamische Religion nur für Muslime gilt. Die Christen haben „ihr eigenes Buch“, also auch eine Offenbarung. Und so glaube ich, dass ein Gottesstaat nicht unbedingt eine Gefahr für die Christen darstellt. Gefährlich wird es, wenn die neuen Herrscher die Scharia anders auslegen. In vielen islamisch geprägten Ländern leben wir Christen seit langem in großer Freiheit. Wir dürfen in vielen Ländern unseren Glauben leben. Hin und wieder mit Einschränkungen, aber im Großen und Ganzen doch zufriedenstellend.

KIN: Sie sind als Patriarch auch Oberhaupt der melkitisch-katholischen Kirche in Syrien: Besteht dort noch die Möglichkeit, den blutigen Konflikt durch Verhandlungen in vernünftige Bahnen zu lenken?

Laham: Die Fronten sind verhärtet, denn es gab viel Blutvergießen auf beiden Seiten. Aber ich möchte das Bild der Lage ein bisschen korrigieren. Man meint im Westen immer, nur Assads Truppen hätten Blut vergossen. Wir haben viele Kontakte in ganz Syrien, und es gibt katholische Gemeinden auch in den Brennpunktstädten der Aufstände. Daher kenne ich viele Beispiele und Berichte über Fälle, in denen die meisten Grausamkeiten und Morde von den Demonstranten ausgingen.

Wenn die Demonstranten mit Waffen auf Zivilisten und Sicherheitskräfte losgehen, dann muss der Staat seine Bürger und Soldaten schützen. Es ist auch nicht so, dass die Soldaten leichtfertig Menschen erschießen. Ich habe von vielen Staatsbeamten gehört, dass der Befehl nicht lautete, Demonstranten zu töten, sondern lediglich sich selbst und unbeteiligte Zivilisten zu verteidigen.

Was ich mir vom Westen wünsche, ist, dass man dort mehr von Dialog spricht und nicht einfach nur das Blutvergießen betont. Bitte helfen Sie allen Bürgern in Syrien, den Dialog zu beginnen, und geben Sie nicht nur einer Seite die Schuld an allem. Die Einladung zum Dialog an beide Seiten ist heute das Wichtigste.

KIN: Was hätten die Christen in Syrien von einem Regierungsumsturz zu erwarten?

Laham: Wir Christen sind syrische Bürger wie alle anderen auch. Ich würde unsere Situation im Vergleich zu unseren Mitbürgern nicht gesondert betrachten. Diese Konflikte spielen sich vor allem unter Muslimen ab. Sunniten und Alawiten haben in Syrien viel mehr Angst voreinander als es zwischen Muslimen und Christen der Fall ist. Diese Revolution ist kein Streit zwischen Christen und Moslems. Im Gegenteil: Wir Christen sehen uns als Mittler, als Stimme für den Dialog und die Zusammenarbeit, Solidarität und Pluralismus. Wir sind neutral und haben Erfahrungen mit vielen Strömungen des Islam. Wenn die Regierung Assad, was ich nicht hoffe, stürzen wird, sind wir Bürger wie alle anderen auch. Wir hoffen, dass wir dank unserer reichen Erfahrung dann auch mit der neuen Situation zurechtkommen können.

KIN: Bei der Revolution in Ägypten sah man Christen und Muslime gemeinsam demonstrieren. Macht Ihnen das Hoffnung?

Laham: Natürlich. Ich muss aber auch betonen, dass die Situation in Ägypten eine ganz andere ist, als bei uns in Syrien. Wir hatten nie solche Ausschreitungen und Gewaltakte, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zwischen Kopten und Muslimen vorgekommen sind. In Syrien gab es nie wirkliche Probleme zwischen Christen und Muslimen.