Christen im Orient: Opfer des Arabischen Frühlings

Konferenz in Brüssel über Lage der Christen

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MÜNCHEN, 11. Mai 2012 (ZENIT.org/KIN). - Die christlichen Minderheiten im Nahen Osten drohen Opfer der Umbrüche des „Arabischen Frühlings“ zu werden. Davor warnten Vertreter der christlichen Hilfswerke „Kirche in Not“ und „Open Doors“ sowie vom Washingtoner Pew-Forschungszentrum am Mittwoch während einer Konferenz in Brüssel. Sie wurde von der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) gemeinsam mit den Fraktionen von EVP (Fraktion der Europäischen Volkspartei) und ECR (Europäische Konservative und Reformisten) im Europaparlament veranstaltet. Der Titel der Tagung lautete: „Christen in der arabischen Welt. Ein Jahr nach dem Arabischen Frühling“.

Die ersten demokratischen Wahlen nach dem Sturz der Regierungen etwa in Tunesien, Ägypten und Marokko hätten islamistische Parteien an die Macht gebracht, blickte Berthold Pelster, Menschenrechtsexperte von „Kirche in Not“, während seines Vortrages auf die Ereignisse zurück. Die nun zu erwartende stärkere Islamisierung der Gesellschaften lasse eine Verschlechterung der Lage der religiösen Minderheiten erwarten. „Säkulare autoritäre Regime wurden durch die Volksaufstände hinweggefegt. Durch freie Wahlen aber kommen nun Regierungen an die Macht, die aufgrund ihrer islamistischen Ausrichtung möglicherweise neue autoritäre und intolerante Strukturen ausbilden werden“, so der Menschenrechtsexperte.

Am Beispiel Saudi-Arabiens schilderte Pelster den Extremfall: Obwohl dort mehr als eine Million Christen lebten, gebe es in Saudi-Arabien keine einzige christliche Kirche oder Gebetsstätte. Als Hüter der heiligen Stätten des Islam und Wächter über die Reinheit des muslimischen Glaubens lasse die saudische Regierung keine andere Religion im Land zu. Die dort vorherrschende strenge und puritanische Form des Islam, die Wahhabiya, werde vom Staat stark gefördert, wie auch ihre weltweite Verbreitung. Auch die mit der Wahhabiya eng verwandte Bewegung der Salafisten gewinne im Orient zunehmend an Einfluss. „Die Ausbreitung dieser rigorosen Strömungen des Islam werden zu weiteren Einschränkungen der Religionsfreiheit auch in anderen Ländern des Nahen Ostens führen“, befürchtet Pelster.

Große Sorge bereite die Entwicklung in Syrien, wo die blutige Niederschlagung der Proteste gegen das Regime von Baschar al Assad zu einem regelrechten Bürgerkrieg geführt habe. Die Christen in Syrien befürchteten, dass sich das Chaos nach einem Sturz der Regierung noch ausweiten könne. Dann könne es Pelster zufolge zu Unterdrückung und Verfolgung von Christen kommen, wie man es schon seit Jahren im Nachbarland Irak beobachte. „Damit würde die lange Tradition eines friedlichen Zusammenlebens von Muslimen und Christen zu Ende gehen. Erneut wäre eine christliche Gemeinschaft, deren Ursprünge bis auf die Zeit der Apostel zurückgehen, vom Aussterben bedroht.“

Brian J. Grim vom Pew-Forschungszentrum erläuterte anhand statistischer Untersuchungen, dass im Nahen und Mittleren Osten Einschränkungen der Religionsfreiheit überdurchschnittlich verbreitet seien. Die Einschränkungen gingen zum Teil vom Staat aus, zum Teil seien Benachteiligungen und Anfeindungen religiöser Minderheiten aber auch kulturell und gesellschaftlich bedingt. „Religiös motivierte Gewalt findet sich vor allem dort, wo auch staatliche Einschränkungen der Religionsfreiheit besonders ausgeprägt sind. Dies gilt vor allem für religiös motivierten Terrorismus“, so Grim.

Der Franziskaner-Kustos im Heiligen Land, Pierbattista Pizzaballa, schilderte, wie sich im „Arabischen Frühling“ die anfänglichen Hoffnungen der Christen schnell in große Sorge gewandelt hätten. Die Wahlsiege der islamistischen Parteien mache die Zukunft für sie sehr ungewiss.

Abgeordnete des Europaparlaments erklärten ihre Bereitschaft, sich stärker für die Durchsetzung und den Schutz der Freiheitsrechte, vor allem auch der Religionsfreiheit, in den Ländern des „Arabischen Frühlings“ einsetzen zu wollen. Die Europäische Union verstehe sich als Hüterin der Menschenrechte weltweit und müsse deswegen auch klar Position beziehen zum Schutz der Grundrechte der christlichen Minderheiten im Nahen und Mittleren Osten, betonte der Parlamentsabgeordnete Konrad Szymański von der ECR-Gruppe.

Auch der stellvertretende Vorsitzende der EVP-Fraktion, Jan Olbrycht, hob hervor, die EU trage eine große Verantwortung für den weltweiten Schutz der grundlegenden Menschenrechte. Dies müsse sie in der Gestaltung ihrer außenpolitischen Beziehungen zum Ausdruck bringen.

Der Generalsekretär der COMECE, Piotr Mazurkiewicz, machte deutlich, dass Christen bereits seit 2000 Jahren im Nahen Osten lebten und mindestens 2000 weitere Jahre dort bleiben wollten. Die europäischen Länder rief er auf, langfristige Lösungen zu finden für ein friedliches und freiheitliches Zusammenleben von muslimischer Mehrheit und christlicher Minderheit. Ein Orient ohne Christen sei eine Katastrophe, nicht nur für den Orient, sondern auch für Europa.