Christen in der Türkei: Von der Wiege des Christentums bis zur verfolgten Minderheit

Zweiter Teil des Vortrags von Bischof Luigi Padovese ein Jahr vor seinem Tod

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ROM, 2. Juli 2010 (ZENIT.org).- Der vor einem Monat in der Türkei ermordete Bischof Luigi Padovese, der fließend Deutsch beherrschte, war regelmäßig zu Vortragsreisen in Deutschland eingeladen. Als ehemaliger Professor für Patristik und später als Vorsitzender der türkischen Bischofskonferenz kannte er die Geschichte des Christentums in der Region von der Antike bis zur Gegenwart bestens. ZENIT liegt das Manuskript eines Vortrags vor, den der Bischof am 18. Juni voriges Jahr im fränkischen Ansbach hielt, dessen zweiter Teil im Folgenden dokumentiert wird.

 

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18. Juni 2009

Vortrag für die Katholische Erwachsenenbildung

Katholisches Pfarramt St. Ludwig, Ansbach

 

Von Bischof Luigi Padovese

Apostolischer Vikar von Anatolien

Vorsitzender der türkischen Bischofskonferenz

In diesem schwierigen geschichtlichen Augenblick spielte Mustafa Kemal Atatürk eine fundamentale Rolle, indem er dem Land eine starke nationale Identität gab. Zum Fundament des neuen türkischen Staates erklärte Mustafa Kemal sechs Prinzipien, darunter der Nationalismus, also die Schöpfung eines türkischen Nationalstaates, damit verbunden die Gleichheit der Bürger ohne Berücksichtigung von Volkszugehörigkeit, Sprache und Glauben und das Prinzip des Laizismus, das heißt die Trennung von Religion und Staat und damit die Abschaffung des Islam als Staatsreligion. Atatürk lehnte die Idee ab, dass die Religion das Fundament einer Nation sei und ersetzte sie durch den Nationalismus, die „als Türken jeder Person anerkennt, die sich an den türkischen Staat durch Staatsbürgerschaft und die jede Diskriminierung aufgrund von Sprache, Rasse oder Religion verneint" (T. C. Anayasa Mahkemesi, Spruch vom 18. Februar 1985).

Das Prinzip des Nationalismus integrierte das Konzept der Laizität. Die Konstitution von 1924 bestätigte noch im 2. Artikel, dass die Religion des türkischen Staates der Islam sei. Diese Feststellung wurde durch die Revision vom 10. April 1924 aufgehoben. Zugleich wurde parallel dazu die religiöse Praxis der „Vertürkung" unterzogen. Die Kemalisten versuchten, den Islam in die Sphäre der persönlichen Religiosität zu verbannen, gleichsam als persönliche, private Angelegenheit. Im Verhältnis zur muslimischen Gemeinschaft verstanden sie, diese unter die staatliche Kontrolle zu bringen. In diesem Maß kann man von einer türkischen Laizität reden, die auf die vorhergehende Situation reagierte und die Religion dem Staat unterstellte. Das war vor allem im Hinblick auf den Islam nötig, der sich selbst als eine säkulare Religion sieht, die das soziopolitische Leben zu beeinflussen sucht und somit in Konkurrenz zu einem laizistischen Staatengefüge steht.

Mit dem Übergang im Jahre 1946 vom Einparteiensystem der Republikanischen Volkspartei (CHP) zum Mehrparteiensystem „begann der Wettbewerb um Stimmen und damit die Instrumentalisierung und Politisierung der Religion von unten" (Karakas). Man entwickelte eine neue Allianz zwischen Religion und Nationalismus, zwischen Islam und Türkentum. Diese Union führte zur Einschreibung des sunnitischen Islam in die offizielle Staatsideologie. Damit verfolgte man das Ziel, staatliche Identität und territoriale Integrität zu bewahren. Diese Veränderung erklärt, wie das 1923 gegründete Präsidium für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) 1961 eine Sonderstellung in der türkischen Verfassung erhielt. Es befindet sich im Herzen der Polemik über die Laizität des türkischen Staates, da es der direkten Kontrolle des Premierministers untersteht und sich ausschließlich um die sunnitische Religion kümmert. Dadurch diskriminiert des Präsidium die anderen Religionen. „Somit hat der Staat nicht nur sein Neutralitätsgebot gegenüber allen Religionen aufgegeben, sondern sich vor allem ein Interpretations- und Kontrollmonopol über diesen Glauben angeeignet" (Karakas). Das nationalistische Ideal von Atatürk besagte, dass „alle Menschen, die in der Türkei leben, gleich welcher Ethnie und Religion sie angehören, Türken sind. Dieses Verständnis wurde weiter entwickelt zu einem exklusiven Verständnis: Türkei ist, wessen Muttersprache Türkisch ist und der die sunnitsch-islamische Religionszugehörigkeit hat." (O. Oehring).

Der Traktat von Lausanne aus dem Jahre 1923, der zwischen den damaligen europäischen Mächten und der Türkei ausgehandelt wurde und das Recht der Minderheiten betont, wurde nie ganz in die Tat umgesetzt. Im Gegenteil, nach der willkürlichen Definition der damaligen türkischen Behörden wurden nur vier Minderheiten als offiziell anerkannt: Griechisch-Orthodoxe, Bulgaren, Armenier und Juden, das heißt nur solche Minderheiten die zur Zeit des Osmanischen Reiches des Status einer religiös-ethnisch definierten Nation (Millet) hatten. Die arabisch sprechenden Christen, somit die mit Rom Unierten, die syrisch-orthodoxen, die Chaldäer und die römisch-katholischen, die ebenfalls dort 1923 existierten, wurden nicht im Sinne von Lausanne als Minderheiten betrachtet und haben somit nicht die Rechte eines juristischen Organs. Aus dem damaligen laizistischen Umgang mit dem zu stark werdenden politischen Islam ist die Erklärung von Lausanne verständlich, heute indes ist sie obsolet und diskriminierend.

Tatsächlich hat die Kirche aufgrund der Leugnung ihres Rechtsanspruchs nicht nur administrative und ökonomische Verluste, sondern zugleich spirituelle Einbußen erlitten. Das bestätigt die Tatsache, dass es in der Türkei nicht möglich ist, ein Priesterseminar zu eröffnen. Mangels Rechtsfähigkeit können die Kirchen weder Eigentum haben noch erwerben. Eine rechtliche Sicherung christlichen Lebens in der Türkei gibt es nicht. Keine Pfarrei, keine Diözese, keine Ordensgemeinschaft verfügt einen gesicherten rechtlichen Status. Auch die katholische Bischofskonferenz der Türkei hat keine Rechtspersönlichkeit.

Seit Jahren bemühen sich die Bischöfe vergeblich, durch Anregungen von Modifikationen der Gesetze über religiöse Stiftungen, der Vereinsgesetze und der Regelung über die Eröffnung von Kultstätten und die Zulassung religiöser Feiern ihre Lage zu verbessern. Während der türkische sunnitische Islam immer mehr im wirtschaftlichen und politischen Bereich Fuß fasst, bleiben die Kirchen bezüglich ihrer Rechte weiterhin auf der Strecke.

Um die aktuelle Situation der Christen in der Türkei besser verstehen zu können, müssen wir in die späten sechziger Jahre zurückgehen und dabei zwei Ereignisse in den besonderen Blick nehmen: auf der einen Seite des Wiedererstarken islamischer Kongregationen und Bewegungen (tarikat), das zugleich zu einer Politisierung der Religion führte (politischer Islam), das natürlich steht im Gegensatz zu der von Atatürk promulgierten laizistischen Politik; auf der anderen Seite müssen wir auf die Wirklichkeit eine erstarkenden Nationalismus schauen, der weniger durch Überzeugung als durch politisches Kalkül die Sunniten zu Repräsentanten der staatlichen Stipendien machte. Ungeachtet seines Bekenntnisses zum Laizismus betrachtet sich der Staat für religiöse Belange der sunnitischen Muslime selbst als zuständig. Das wird bestätigt durch die Tatsache, dass der Dyanet, das heißt das Büro für Religiöse Angelegenheiten über rund 90.000 staatlich besoldete Mitarbeiter, Religionsbeamte, Imame, Gebetsrufer, Muftis verfügt. Im Jahr 2003 hat ihr das türkische Parlament weitere 15.000 Planstellen bewilligt. Die höchst unterschiedliche staatliche Handhabung des Laizismusprinzips belastet neben den Aleviten, die durch unterschiedliche Schätzungen zufolge 15 bis 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen und von den Sunniten als heterodox islamische Sondergruppe betrachtet werden, und die christlichen Minderheiten.

[Ende Teil 2 von drei Teilen. Teil 3 folgt nächsten Freitag]