Christen müssen Europa gestalten

Interview mit dem Münchner EU-Politiker Bernd Posselt

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MÜNCHEN, 23. November 2007 (ZENIT.org).- „Europa wird nur so christlich sein, wie seine Christen einsatzbereit und fähig sind“, bekräftigt der 51-jährige EU-Politiker Bernd Posselt im vorliegenden ZENIT-Interview über den EU-Reformvertrag und die Zukunft der Europäischen Union.



Der Münchner CSU-Abgeordnete im Europäischen Parlament, der zugleich Präsident der Paneuropa-Union Deutschland ist, weist darauf hin, dass die wichtigen Entscheidungen im Europaparlament mit haudünner Mehrheit entschieden werden, was bedeutet, dass es tatsächlich auf jede Stimme ankommt. Die Christen ermutigt er aber nicht nur zu einem aktiveren politischen Engagement, sondern auch dazu, ihr persönliches Umfeld christlich zu prägen. „Je christlicher unsere Gesellschaft ist, desto christlicher ist auch Europa.“

ZENIT: Der Reformvertrag der EU wird im Dezember unterzeichnet, innerhalb eines Jahres ratifiziert werden und im Januar 2009 in Kraft treten. Wie bewerten Sie dieses Vertragswerk? Welche Bedeutung hat es im Hinblick auf den Beitrag der Christen für die Zukunft Europas?

Posselt: Zunächst einmal geht es darum, die EU, deren Strukturen im Wesentlichen für eine Sechsergemeinschaft Mitte des 20. Jahrhunderts geschaffen wurden, so zu reformieren, dass sie den Erfordernissen eines Zusammenschlusses von 27 und mehr Mitgliedstaaten im 21. Jahrhundert entspricht. Dazu wäre der Verfassungsvertrag ein hervorragender Beitrag gewesen, und auch der jetzige Reformvertrag, so zusammengestoppelt und unübersichtlich er ist, beinhaltet die wichtigsten Verbesserungen, die der erste Entwurf nach sich gezogen hätte. Auch er macht die EU handlungsfähiger, straffer, aber gleichzeitig demokratischer und anti-zentralistischer.

Entscheidend ist, dass das Europaparlament künftig im Mitentscheidungsverfahren nicht nur wie bisher über 60 Prozent aller EU-Gesetze gleichberechtigt und letztverantwortlich mitbestimmt, sondern über 90 Prozent. Dies bedeutet, dass sich Christen noch aktiver als bisher in die Europapolitik einbringen müssen, denn diese EU-Gesetze greifen maßgeblich in das Leben jedes einzelnen EU-Bürgers ein.

Hinzu kommt die Stärkung der EU in der Außen- und Sicherheitspolitik. Da tut der Vertrag allerdings nur einen ersten Schritt, und spätestens im nächsten Vertrag muss hier nachgebessert werden. Die EU hat mehr Einwohner als USA und Russland zusammen und muss daher verstärkt Verantwortung übernehmen – etwa bei der Friedenssicherung, bei der Verwirklichung von Menschenrechten und beim Schutz von Minderheiten, nicht zuletzt auch von christlichen Minderheiten, in der Welt. Dies alles zu gestalten ist eine großartige Aufgabe für uns Christen.

ZENIT: Zuweilen hat es den Anschein, dass an den Stellen, wo die wichtigen Entscheidungen fallen, christliche Werte nicht immer wirkliche Durchschlagskraft besitzen. Wie sieht es in der Realität aus?

Posselt: Die EU ist weder die automatische Verlängerung des christlichen Abendlandes, wie es manche idealisierend erhoffen, noch eine feindselige Entchristlichungs-Maschinerie, wie es wieder andere befürchten. Sie ist eine politische Ebene wie jede andere auch, und wir als Christen müssen dafür kämpfen, dass sich christliche Werte durchsetzen. Dies müssen wir in der Gesellschaft tun, in der Gemeinde, im Bundesland, im Nationalstaat und eben auch in der EU.

Dort ist eine Schlacht um die inhaltliche Orientierung entbrannt, in der Entscheidungen einmal in unserem Sinne und einmal gegen uns fallen. Jedes Mal sind die Abstimmungen sehr knapp, es geht oft nur um ein oder zwei Stimmen. Dies haben wir bei bioethischen Beschlüssen gesehen, oder auch bei der Auseinandersetzung um die Berufung des gläubigen Christen Rocco Buttiglione zum EU-Kommissar. Er ist im zuständigen Ausschuss an nur einer Stimme Mehrheit der Gegenseite gescheitert.

Dies zeigt, wie wichtig es ist, dass Christen zu den Wahlen gehen und den anderen nicht das Feld überlassen. Europa wird nur so christlich sein, wie seine Christen einsatzbereit und fähig sind.

ZENIT: In welchen Institutionen der EU und bei welchen Bereichen wünschen Sie sich generell ein engagiertes Eintreten für christliche Werte?

Posselt: Die wichtigsten EU-Institutionen sind das direkt von den Völkern alle fünf Jahre gewählte Europaparlament, die vom Europaparlament maßgeblich mit bestimmte EU-Kommission, die inzwischen als eine Art EU-Regierung fungiert, sowie der Rat, der aus den Regierungen der Mitgliedstaaten besteht. Überall braucht man aktive Christen, die sich miteinander vernetzen und sich gegenseitig besser informieren müssen, sonst werden sie gegeneinander ausgespielt.

Mindestens so wichtig wie die Politiker, die im Vordergrund stehen, sind dabei ihre Mitarbeiter, also die Beamten und die Assistenten. In diesen Berufen gibt es jetzt schon Christen, die hervorragende Arbeit leisten, es könnten aber noch wesentlich mehr sein.

ZENIT: Wie können überzeugte Christen darüber hinaus aktiv an der Mitgestaltung Europas mitwirken?

Posselt: Jeder kann in seinem persönlichen Umfeld etwas zur christlichen Prägung Europas beitragen – in der Politik, im Journalismus, im Beruf, in der Familie, bei der Kindererziehung oder einfach im Umgang mit dem Nächsten. Je christlicher unsere Gesellschaft ist, desto christlicher ist auch Europa. Jeder von uns kann außerdem in Versammlungen gehen, Leserbriefe schreiben, E-Mails an Politiker senden, oder – was leider immer wieder vergessen wird – beten.

Das Gebet ist eine Macht, die man nicht unterschätzen sollte. Ich bete, seit ich Abgeordneter bin, mehr als früher, weil das einen die Verantwortung leichter tragen lässt, und ich bin froh, dass uns viele Menschen durch ihr Gebet bei der Arbeit unterstützen.

ZENIT: Wie können Jugendliche für Politik und den Dienst am Gemeinwohl begeistert werden?

Posselt: Sie müssen lernen, dass es schöner ist zu handeln, als behandelt zu werden, mitzuspielen, als nur auf den Zuschauerrängen zu maulen, was völlig fruchtlos ist.

Gott hat uns die Erde geschenkt, damit wir etwas aus ihr machen. Natürlich heißt dies auch, dass man hart arbeiten muss, um etwas zu erreichen, und dass man ein Leben lang versuchen muss, immer dazuzulernen. Das aber ist schön und lohnend, wie man bald merkt, wenn man tätig ist.

Hinzu kommt das völkerverbindende und grenzüberschreitende Element, das speziell an der Europaarbeit so faszinierend ist und dem universalen Charakter unserer Kirche entspricht.

ZENIT: Wie wird Ihrer Meinung nach die Zukunft Europas aussehen?

Posselt: Wenn Europa nicht stark und handlungsfähig wird, wird es untergehen. Nur gemeinsam können wir Europäer mit den USA, Russland, China, Indien oder der islamischen Welt mithalten, um nur diese Beispiele zu nennen.

Europa darf weder das Museum einer ausgestorbenen christlichen Hochkultur werden noch von der Bildfläche verschwinden, sondern wir müssen es erneuern und ohne Arroganz die Zusammenarbeit mit den anderen Kulturen der Welt suchen.

Seine wichtige Friedensfunktion nach außen kann dieses Europa aber nur ausüben, wenn im Inneren die Hausordnung stimmt, also wenn die Freiheit gesichert ist, wenn Menschen- und Minderheitenrechte, Demokratie und Rechtstaatlichkeit, Nächstenliebe und soziale Gerechtigkeit verwirklicht werden. Dazu gehören auch ein sorgsamer Umgang mit der Schöpfung, ein aktiver Menschen- und Lebensschutz sowie die Stärkung von Ehe und Familie. Wenn wir das berücksichtigen, hat Europa eine große Zukunft.