Christen ohne Glaubenswissen sind nicht zum interreligiösen Dialog fähig

Kein Platz für Synkretismus und Relativismus; ohne Furcht von eigenen Überzeugungen Rechenschaft ablegen

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Von Jan Bentz

VATIKANSTADT, 12. Oktober 2012 (ZENIT.org). – Den interreligiösen Dialog zur Vertiefung des eigenen Glaubens nutzen sei die Aufgabe des Christen, erklärte Kardinal Jean-Louis Tauran, Präsident des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, in seinem freien Wortbeitrag am 10. Oktober bei der fünften Generalkongregation der Bischofssynode in der Synodenaula vor den 250 versammelten Synodenvätern. Er bezog sich auf Nr. 73 des „Instrumentum laboris“.

„Christen, die oft die Inhalte ihres Glaubens nicht kennen und daher nicht fähig sind, ihn zu leben und aus ihm zu leben, sind nicht geeignet für den interreligiösen Dialog, der stets von der Bekräftigung der eigenen Überzeugungen ausgehen muss“, so Tauran.

Die vorrangige Angelegenheit einer Neuevangelisierung sei deshalb, glaubensfeste Christen heranzubilden, die fähig sind, „mit einfachen Worten und ohne Furcht für ihren Glauben Rechenschaft abzulegen.“ Auch der interreligiöse Dialog werde somit zu einer Gelegenheit der Vertiefung des Glaubens und des Zeugnisses für ihn, betonte der Kardinal.

Drei Herausforderungen sehe sich der Christ gegenübergestellt:

„Die eigene Identität: Wer ist mein Gott? Stimmen mein Leben und meine Überzeugungen überein?

Die Herausforderung der Andersheit: Wer einer anderen Religion als der meinigen angehört, ist nicht notwendigerweise ein Gegner, sondern vielmehr ein Pilger der Wahrheit.

Die Herausforderung des Pluralismus: Gott wirkt in jedem Menschen, auf Wegen, die er allein kennt.“

Es gehe nicht darum, den Glauben auszuklammern oder angesichts der Verfolgungen und Diskriminierungen nachzugeben, denen viele der christlichen Brüder und Schwestern in der ganzen Welt ausgesetzt seien. Vielmehr müsse man mit großer Entschiedenheit die Gewalt verurteilen, durch die Menschen verletzt und getötet werden. Sie sei vor allem dann nicht zu rechtfertigen, wenn sie von einer Religion als Vorwand benutzt werde.

Positiv zu bewerten seien alle Gesten der Brüderlichkeit und Nähe. „Die Harmonie zwischen den Gläubigen schenkt den Gesellschaften, denen sie angehören, eine geistliche Dimension des Lebens, die ein Gegenmittel für Entmenschlichung und Konflikte ist.“

Ein Beispiel für dieses Gegenmittel sei der jüngste Libanonbesuch des Papstes gewesen, wo der Mufti der Republik bekräftigt habe, für die Muslime sei die Anwesenheit von Christen ein Reichtum.

Kardinal Touran: „Sie, Heiliger Vater, haben dort an die Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben erinnert: das Vertrauen in den anderen, die Anerkennung der eigenen Schuld, die Zurückweisung von Rache und der Mut zur Vergebung. ‚Nur so‘, ich zitiere hier Ihre Worte, ‚können das gute Einvernehmen zwischen den Kulturen und den Religionen, die gegenseitige Wertschätzung ohne Herablassung und die Achtung vor den Rechten jeder Seite wachsen.‘”

Im Konzilsdokument „Nostrae aetate“ vom 28. Oktober 1965 über die östlichen religiösen Traditionen sei zu lesen, dass „die katholische Kirche nichts von alledem ablehnt, was in diesen Religionen wahr und heilig ist ... die nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet” (Nostra aetate, 2).

Dieses Prinzip möchte der Präsident des Päpstlichen Rates für interreligiösen Dialog auch auf andere Religionen angewendet wissen mit der Begründung, trotz aller Schwierigkeiten, Missverständnisse und Rückschläg habe keiner der Dialogpartner dies bisher in Frage gestellt.

„Und dies ist vielleicht so, weil Männer und Frauen hier und dort den Mut gehabt haben, weiterzumachen, und dadurch zeigen, dass das religiöse Bekenntnis den Frieden fördert, die Solidarität stärkt, die Gerechtigkeit fördert und die Freiheit schützt“, schloss der Kardinal.

Auch der apostolische Vikar von Istanbul, Louis Pelatre, wies in seinem Redebeitrag auf die Notwendigkeit einer sorgfältigen Ausbildung von Katecheten durch den Katechismus der Katholischen Kirche hin; es dürfe keine Improvisationen in diesem Bereich geben. Er erklärte:

„Die Kirche in der Türkei steht in Kontinuität zur ersten Evangelisierung Kleinasiens durch die Apostel. Nach einer Blütezeit haben die Wechselfälle der Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Zahl der Christen auf weniger als 1 Prozent der Bevölkerung reduziert.

Die Empfänger der Evangelisierung sind heute: die kleine Herde der treu praktizierenden Gläubigen, die Masse der nicht-praktizierenden Katholiken, die anderen christlichen Konfessionen sowie fast die Gesamtheit der Einwohner des Landes, die praktizierende oder ihrer Herkunft nach Muslime sind.

Im Hinblick auf letztere betrifft uns, dass unter Nr. 74 im Instrumentum laboris gesagt wird, „dass es nicht hinreichend ist, die Evangelisierung mit den quantitativen Maßstäben des Erfolgs zu messen”. Redemptoris Missio halte unter Nr. 55 bis 57 ganz klar fest: „Der Dialog ist ein Weg zum Reich Gottes” (Nr. 57). „Das ist es, was wir feststellen können, wenn wir die Verwirklichung von interreligiösen Aktivitäten sehen, so zum Beispiel ein Chor, der aus fünf Konfessionen besteht und der gemeinsam die religiösen Lieder der verschiedenen Konfessionen aufführt.

In bestimmten Situationen ist die Verkündigung Christi möglich. Der Katechismus der Katholischen Kirche wurde zusammen mit anderen Veröffentlichungen ins Türkische übersetzt. Die junge Generation informiert sich im Internet über den Glauben. Da es praktisch keinen Zugang zum öffentlichen Radio und Fernsehen gibt, kann man dennoch die privaten Anbieter nutzen, was von den Protestanten mehr getan wird als von den Katholiken.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit von gut ausgebildeten und qualifizierten Arbeitern für die Ernte, die auf uns wartet. Dieses besondere Apostolat darf sich nicht mit gutem Willen und Improvisation zufriedengeben.“