"Christen sind zwar keine Friedenstörer, aber sie betätigen sich massiv als Störenfriede": Bischof Heinz Josef Algermissen über die Konsequenzen des Auferstehungsglaubens

Ansprache zum Hessentag 2006

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FULDA, 2. Juni 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Bischof Heinz Josef Algermissen während des ökumenischen Gottesdienstes zum diesjährigen Hessentag gehalten hat.



Ausgehend vom Brief des Apostels Paulus an die Römer (6, 3-8) eröffnete der Diözesanbischof von Fulda das abenteuerliche Panorama eines Lebens aus dem Glauben. Dabei unterstrich er: Wer die Auferstehung Christi vom Tode bekennt, "darf doch nicht zur Tötung ungeborener Kinder schweigen, muss klar Stellung beziehen in der Frage der auch in unserem Land diskutierten Euthanasie".

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In der Taufe als Grundlagensakrament aller Christinnen und Christen, das uns grundsätzlich und wesentlich eint vor jeder konfessionellen Differenz, werden wir hineingenommen in den österlichen Prozess des Gekreuzigten und Auferstandenen.

"Christus ist auferstanden!" Mit diesen Worten begrüßen sich an Ostern die Christen in der östlichen Kirche. "Ja, er ist wahrhaft auferstanden!", lautet die Antwort auf den Ostergruß. Dieses Glaubenszeugnis will für den Wirklichkeitsbezug des Auferstehungsglaubens bürgen.

Besonders der Apostel Paulus hat die Konsequenzen dieses Glaubens in Klarheit und Schärfe formuliert, indem er sagt: "Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos" (1 Kor 15, 14). Die Geschichte Jesu Christi wird zur Menschheitsgeschichte, sein Geschick zu unserem Geschick. "Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm lebendig werden" (Röm 6, 8), so argumentiert Paulus weiter. Dieses "mit Christus" wird für den Apostel das entscheidende Vorzeichen vor der Klammer unseres ganzen menschlichen Lebens. Es steht vor dieser Klammer nun jenes alles verändernde und bestimmende Vorzeichen "mit Christus". So können wir alles in einem anderen Licht sehen, was in der Klammer steht – im Grunde auch unsere Angst, Leid und Not. Das rückt unser menschliches Leben aus der blinden Schicksalhaftigkeit zufälliger Verhältnisse und notwendiger Prozesse heraus. Das ist die tragende und unser Dasein fundamental verwandelnde Osterperspektive des Auferstehungsglaubens.

Seitdem der Stein vom Grab des Gekreuzigten weggewälzt wurde, ist die Welt und ihre Geschichte ein aufgebrochener und grundsätzlich offener Raum. Es haben zwar immer noch die alten Mächte und Gewalten ihre Kraft, aber sie haben wirklich ihr letztes und endgültiges Wort verloren. Das ist die Botschaft der Kirche in unsere Welt hinein: "Um Gottes Willen – Ihr sollt leben!"

Am Ende des Neuen Testamentes steht die Vision der neuen Schöpfung und der neuen Stadt. Das ist keine fromme Utopie, das hat Konsequenzen! Unsere Städte und Dörfer sind weiß Gott noch nicht die neue Stadt, aber sie sollen durch Menschen, die an das österliche Leben glauben, neu werden. Man kann nicht an das Leben der Auferstehung glauben, ohne sich um die Verbesserung der irdischen Lebensbedingungen in unserer kleinen und in der weiten Welt zu mühen.

Im Klartext: Wer die Auferstehung Christi vom Tode bekennt, darf doch nicht zur Tötung ungeborener Kinder schweigen, muss klar Stellung beziehen in der Frage der auch in unserem Land diskutierten Euthanasie. Der Glaube an die Erlösung durch Kreuz und Auferstehung führt von selbst in den Aufstand gegen alle Formen des vorzeitigen gesellschaftlich wie politisch, wirtschaftlich wie militärisch organisierten Todes. Christen sind zwar keine Friedenstörer, aber sie betätigen sich massiv als Störenfriede, wo immer die Mächte des Todes am Werk sind – sei das im privaten, im gesellschaftlichen wie politischen Bereich.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Aus der Bresche des Ostergrabes dringt zu allen Zeiten ein unendlicher Strom von Auferstehung und Leben in unsere Welt hinein. Im Hinblick auf die Auferstehung unseres Erlösers schauen wir voll Hoffnung in die Gegenwart und Zukunft unserer Welt. Was der Sauerstoff für die Lunge ist, das bedeutet österliche Hoffnung für unsere menschliche Existenz. Und unsere Hoffnung ist nicht begründet in menschlicher Weisheit und Klugheit, sondern im Ostergruß der Christen: "Christus ist erstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!" Ich wünsche Ihnen die Kraft zum Leben aus dieser alles verändernden Gewissheit. Amen.

[Vom Bistum Fulda veröffentlichtes Original]