Christen sollen bescheiden, aber nie distanziert sein

Der Erzbischof von Mailand in einem Interview mit Avvenire

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MAILAND, 23. November 2011 (ZENIT.org).  – „Unter den Einwohnern Mailands habe ich die Gegenwart Gottes feststellen können“. Das erklärte Kardinal Angelo Scola in einem Interview mit der Zeitung Avvenire zwei Monate nach seinem Amtsantritt als Erzbischof von Mailand.

Er übernahm die bevölkerungsreichste, vielfältigste und in vieler Hinsicht bedeutendste Diözese Europas von Kardinal Dionigi Tettamanzi. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, dürfe man niemals die Gegenwärtigkeit Christi vergessen, waren die Worte des Kardinals zu seinem Antritt.

Andernfalls werde sich das pastorale Amt in eine „großzügige, aber oft fragmentierte und deshalb schwer vermittelbare Tätigkeit verwandeln“. Der Schwerpunkt dieser Aufgabe müsse „eine täglich erneuerte Beziehung zu Jesus und den Brüdern“ sein.

Die wirklichen Christen müssten, um überzeugend zu sein, bescheiden sein, aber gleichzeitig Zeit nie kühl und distanziert, betonte das Oberhaupt der ambrosianischen Diözese nachdrücklich.

Bei seinen Begegnungen mit den Glaubensgemeinden der Stadt erklärte Kardinal Scola, „interessante Welten und eine Stadt, die sich ihrer internationalen Bedeutung bewusst ist“ vorgefunden zu haben.

Der Erzbischof von Mailand hob außerdem hervor, die Einheit der Menschen sei ein Mittel gegen eine „Zersplitterung“, der Ursache vieler gesellschaftlicher Missstände.

Die wahre Evolution der bürgerlichen Gesellschaft sei hingegen die aristotelische „philia“, die Freundschaft unter Bürgern, die dem Bestehen jeder Einrichtung zugutekomme, von der Familie über die Hausgemeinschaft und die Stadtgemeinde bis hin zu Europa.

Nach „Caritas in veritate“ von Benedikt XVI. forderte Kardinal Scola seine Mitbürger auf, die Logik „der unentgeltlichen Gabe und des objektiven Wertes der Handlung in sich“ wieder zu entdecken, „unabhängig von dem Nutzen oder Vorteil, die sie mit sich bringen können“.

„Wenn eine Stadt wie Mailand die Bedeutung der karitativen Handlung unterschätzt, wird sie niemals all das weitergeben können, was sie an Mitteln und Möglichkeiten birgt“, so der Erzbischof weiter.

Außerdem müsse der Gemeinplatz beseitigt werden, nach dem die Bindungen als Freiheitseinschränkung betrachtet werden, während sie eigentlich Freiheit bedeuteten.

Der für die Mailänder typische Hang zur Arbeit sei , um es mit Peguys Worten zu sagen, dann positiv, wenn er den Willen bedeute, die eigene Arbeit unabhängig von ihrem Marktwert gut zu verrichten, hingegen werde sie zu einem Problem, wenn man die Arbeit den familiären Bindungen vorziehe. Bei all dem solle man nicht vergessen, dass die Kirche eine große Familie und keine Firma sei.

Wenn man die Realität der mailändischen Diözese auf die des ganzen Landes übertragen wolle, erkannte Scola an, wie sehr in Italien das Christentum unter dem Volk gefühlt und gelebt werde, und wie sehr es, mehr oder weniger stark, an die christliche Tradition gebunden sei, die am Ende immer einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft habe. Es sei nicht das Gesetz, das einen guten Bürger ausmache, sondern die Tugend. Der hl. Thomas behauptete, der Sinn eines Gesetzes sei der, nach der Tugend zu leben, fügte der Kardinal hinzu. Und deshalb sei es nicht genug, über Moralität und Legalität zu reden. Denn wenn man die Tugenden nicht lebe, stünden diese Diskussionen in Widerspruch zu den Schwächen der Menschen.

Kardinal Scola betonte aber, die italienische Gesellschaft habe den Vorteil, sicherlich die vielfältigste Europas zu sein.

Einen kritischen Punkt stellten hingegen die mittleren Generationen zwischen 20 und 60 Jahren dar, die am kirchlichen und gesellschaftlichen Leben überhaupt nicht teilnähmen, da sie von alltäglichen Problemen, Beruf und emotionalen Enttäuschungen in Anspruch genommen würden.

„Normalerweise haben diese Personen nichts gegen den Glauben“, so Scola weiter, „sie erkennen aber einfach nicht mehr, wie der Glaube mit ihrem eigenen Leben zusammenhängt. Deshalb muss die Kirche ins alltägliche Leben, unter die Leute vordringen“.

Zum Weltfamilientag im Mai 2012 sagte Kardinal Scola, es sei eine einzigartige Gelegenheit, die verschiedenen Realitäten zu vereinen, das Gefühlsleben, das Berufsleben, die Feiertage. Außerdem sei es eine wichtige Bewährungsprobe für die Stadt Mailand, die eigene Gastfreundschaft zu zeigen.

Die Teilnahme von Papst Benedikt XVI an diesem Ereignis sei außerdem eine Gelegenheit, „seine Anwesenheit unter uns wahrzunehmen und den Sinn und die Bedeutung unserer ambrosianischen Kirche zu bestätigen“.

Auf die letzte Frage nach der Zukunft der Jugendlichen erinnerte Kardinal Scola, die richtige Erziehung bedeute, ihnen den vollkommenen Sinn des Lebens zu vermitteln. Auf dieses Ziel hin müsse auch das gesamte Bildungswesen überdacht werden, nicht nur in seinen Strukturen, sondern auch in seiner Bedeutung.

Sowohl die schulische wie auch die berufliche Ausbildung dürfte nicht rein zweckmäßig sein. „Wenn man den Horizont nicht erweitert, klingen alle an die Jugendlichen gerichteten Worte demagogisch“ schloss Kardinal Scola.  

[Übersetzung aus dem Italienischen von Cora Ebeling]