"Christen und Muslime: dasselbe Blut, dieselbe Sprache, dasselbe Land"

KiN berichtet über die dramatische Lage in der Zentralafrikanischen Republik

Luzern, (KiN Schweiz/Fürstentum Liechtenstein) | 419 klicks

Dieudonné ist ein junger Priester aus der Diözese Alindao. Als im März vergangenen Jahres die Séléka-Rebellen in seine Pfarrei kamen, starteten sie einen Angriff, der zahlreiche Zerstörungen hinterliess. Er selbst wurde mit dem Tod bedroht und musste zusammen mit einem Grossteil der Pfarrangehörigen in einem Kanu fliehen. Sie konnten den Mbomou-Fluss überqueren und am anderen Ufer, in der Demokratischen Republik Kongo, landen.

Sie gehören zu den mehr als 80 000 Zentralafrikanern, die in Nachbarländer fliehen mussten. Weitere 600 000 Einwohner sind Binnenflüchtlinge – eine ungeheure Zahl angesichts der Gesamtbevölkerung der Zentralafrikanischen Republik von knapp viereinhalb Millionen Einwohner.

Einige Monate später konnte Dieudonné in seine Pfarrei zurückkehren. Anfang Dezember hielt er sich in Bangui auf, um sich bei seinen Eltern im Stadtviertel Lakuanga zu erholen. Am 5. Dezember begannen die Angriffe auf die Hauptstadt, die in nur vier Tagen mehr als 500 Todesopfer forderten. Die Gewalt- und Rachespirale nahm bald eine konfessionelle Wendung: Es gab zahlreiche Angriffe und Zusammenstösse zwischen Christen und Muslimen.

Evangelium ruft nicht zu Hass und Gewalt auf

Am Montag, den 9. Dezember war Dieudonné abends bei seinen Eltern, als er draussen ein besorgniserregendes Brausen hörte. Er ging auf die Strasse und fand eine vielköpfige Gruppe aufgeregter junger Männer, die sich verbündeten, um die Läden von muslimischen Geschäftsleuten anzugreifen. Ohne zu zögern, rief er den Stadtviertel-Vorsteher an. Zusammen versuchten die beiden, die Jugendlichen zu beruhigen und sie davon abzubringen, Muslime anzugreifen. Mehrere christliche junge Männer stellten sich sogar vor die Häuser und die Läden der Muslime, um sie zu beschützen. Seit Wochen predigt Dieudonné in der 6,15 Uhr-Messe, um die Gemüter zu beruhigen und die Christen daran zu erinnern, dass Gewalt und Hass dem Evangelium völlig entgegengesetzt sind. Sein Mitbruder in der Pfarrei und er veranstalteten zwei Versöhnungstage für Christen und Muslime. Er weist auf ein Plakat am Schwarzen Brett der Pfarrei hin, auf dem mehrere Menschen unter dem Motto „Christen und Muslime: ein Land, ein Blut“ zu sehen sind.

Pater Dieudonné handelte nicht als Einziger. Kobine Layama ist muslimischer Imam und Vorsitzender der islamischen Gemeinschaft in Bangui. Anfang Januar riefen der katholische Erzbischof  Dieudonné Nzapalainga und der protestantische Pastor Nicolas Guerekoyame zusammen mit Kobine Layama eine interkonfessionelle Friedensgruppe ins Leben. In der Zeit, als das halbe Land von den Séléka-Rebellen besetzt war, führten die drei Männer Friedensmissionen durch. Sie vermittelten zwischen den Parteien im Innern des Landes, um zu verhindern, dass die Auseinandersetzungen zu einem offenen Krieg würden.

Gegenseitiger Respekt gefordert

Als die Séléka-Rebellen Bangui besetzten und die Macht an sich rissen, befand sich Imam Kobine in einer schwierigen persönlichen Lage: Viele zentralafrikanische Muslime sahen dies als Zeichen, dass ihre Zeit gekommen sei, die Macht zu übernehmen. Vielerorts gab es eine offene Zusammenarbeit zwischen Séléka-Rebellen und Muslimen. Kobine Layama ist ein religiöser Mensch, ein frommer Muslim, der davon überzeugt ist, dass Muslime und Christen in Frieden und gegenseitigem Respekt leben sollen. Er wurde zu einem unbequemen Menschen für die Séléka-Rebellen, weil er predigte: „Was Ihr tut – stehlen, töten, Frauen vergewaltigen und die Menschen terrorisieren – ist gegen das, was uns Gott im Koran aufgibt.“ Im August rief ihn die gefürchtete Nummer zwei der Séléka, der General Nouroudine Adam im Büro an: „Hör auf, Dich auf die Seite der Christen zu schlagen und uns zu kritisieren. Sonst musst Du die Folgen tragen.“ Als am 5. Dezember die Gewalt Bangui überflutete und in drei Tagen 500 Todesopfer forderte, suchte Kobine bei seinem Freund dem Erzbischof Schutz. Denn er wusste, dass er von den Extremisten mit dem Tod bedroht wurde. Seitdem ruft er unermüdlich zu Ruhe und Versöhnung auf. Kobine hat seine muslimischen Brüder, die Waffen besitzen, dazu aufgerufen, sie abzugeben. Viele haben seine Haltung nicht verstanden.

Soziale und politische Auseinandersetzung

Der zentralafrikanische Konflikt ist keine religiöse, sondern eine soziale und politische Auseinandersetzung. Aber die Gewalt- und Rachespirale wird von denjenigen geschürt, die den Ausbruch des Kampfes zwischen Christen und Muslimen wünschen. Sie stellt die Bürger des Landes immer wieder vor Grenzsituationen. Der Erzbischof, der Pastor und der Imam sind drei mutige Stimmen, die unermüdlich zum Frieden aufrufen, und die deshalb Risiken eingehen. Die in diesen Tagen in Bangui ums Leben Gekommenen werden auf etwa 500 geschätzt. Wenn es solche Menschen wie sie und den Abbé Dieudonné nicht gäbe, wären es sicherlich viel mehr gewesen. 

Spenden mit dem Vermerk «Zentralafrik. Republik» können gerichtet werden an:

KIRCHE IN NOT
Schweiz/Fürstentum Liechtenstein 

Cysatstrasse 6, 6004 Luzern, Telefon 041 410 46 70; Fax 041 410 31 70
E-Mail: mail@kirche-in-not.ch; Internet: www.kirche-in-not.ch
Postkonto 60-17200-9; Credit Suisse, Luzern, Konto 0463-997.427-10-1