Christen und Muslime im Kosovo: ein Beispiel gelebter Toleranz zwischen den Religionen

Es werden Kirchen gebraucht

Rom, (ZENIT.orgKIN) | 2045 klicks

Für Bischof Dodë Gjergi, Apostolischer Administrator von Prizren im Kosovo, ist die Osternacht 2013 ein freudiges Ereignis: In der Mutter-Teresa-Kathedrale in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, tauft er elf Erwachsene. Unter den Neu-Christen ist auch Ramadan Lima, ein bekannter Militärangehöriger. Er hatte sich mit Koran und Bibel auseinandergesetzt und Bischof Gjergi nach sorgfältiger Lektüre erklärt: „Nachdem ich den Koran und die Bibel studiert habe, weiss ich für mich, dass das Christentum meine Religion ist.“

In vielen Ländern ist die Konversion vom Islam zum Christentum mit Gefahren verbunden, nicht jedoch im Kosovo, wo offiziell 9 von 10 Einwohnern Muslime sind. Die Osternacht wurde live im Staatsfernsehen RTK übertragen. Alle Bürger konnten mitverfolgen, wie Ramadan Lima mit der Taufe auch seinen Namen wechselte und sich nun Dani Lima nennt. Bischof Dodë Gjergi, der gute Kontakte zu serbisch-orthodoxen und muslimischen Würdenträgern pflegt, wies gegenüber Mitarbeitern des internationalen katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“ darauf hin, dass die Kathedrale in Pristina nicht bewacht wird: „Bewachung ist nicht nötig – wir leben friedlich miteinander.“ Bischof Dodë Gjergi ergänzt: „Die katholische Kirche gehört zum Kosovo, obwohl nur knapp 2,5 Prozent der Menschen Katholiken sind.“ Rund 7 Prozent sind serbisch-orthodox, wobei es sich fast ausnahmslos um Serben handelt, die im heutigen Kosovo leben.

Durch die Herrschaft der Osmanen sind im Laufe der Jahrhunderte viele Christen Muslime geworden. Dennoch ist der Islam nicht stark verwurzelt. In den letzten Jahren sind in vielen Dörfern zwar Moscheen gebaut worden; sie wirken jedoch wie Fremdkörper, so der katholische Priester Don Marjan Uka: „Diese Moscheen wurden alle mit Geld aus dem Ausland finanziert, aber in der Regel versammeln sich nur wenige Menschen dort zum Gebet.“ Er führt weiter aus, dass dies aber nicht bedeutet, dass die Menschen nicht an Gott glauben – viele lassen sich inzwischen taufen.

Neue Kirchen braucht es

Ein Beispiel: In Llapushnik, etwa 30 Kilometer außerhalb Pristinas, feiert Don Marjan die heilige Messe in der Wohnung der Familie Sopi. Dort gibt es keine katholische Kirche. Ein Sohn der Sopis, Alban, studiert Wirtschaft an der Universität in Pristina. Vor einigen Jahren ließ er sich zusammen mit seinem Bruder taufen. Seine Eltern werden im Mai 2013 im Marienwallfahrtsort Letnica getauft. Alban erklärt: „Meine Vorfahren waren ursprünglich katholisch. Es ist für mich wie eine Rückkehr zum Glauben meiner Ahnen und zu meinem Ursprung.“ Er bestätigt, dass es an seiner Universität muslimische Studenten gibt, die seinen Schritt nicht nachvollziehen können. Es gebe unter seinen Freunden aber auch viele Muslime, die mit seinem Entschluss kein Problem hätten.

Don Marjan arbeitet viel mit angehenden Katholiken. Für ihn ist es wichtig, dass sie richtig unterwiesen und betreut werden. Neben Llapushnik wirkt er auch in Kravaseri. Beide Orte liegen zwischen Pristina und Prizren, den grössten Städten des Landes. In Kravaseri und in Llapushnik möchte der Priester Kirchen und Pfarrzentren bauen. „Neue Kirchen sind wichtig, damit die Katholiken einen Ort haben, wo sie Gott nah sein und gemeinsam beten können.“ Don Marjan ist davon überzeugt, dass sich viele Menschen in den von ihm betreuten Dörfern taufen lassen werden, weshalb er die Neubauten vorantreibt. Dabei ist er auf Hilfe von aussen angewiesen, etwa auf die Unterstützung von “KIRCHE IN NOT“.

Priester ohne Einkommen

Ausser Mess-Stipendien hat der Priester kein Einkommen. Die Existenzhilfe vermittelt ihm sein Bischof. Dazu Don Marjan: „Gott schaut, dass ich jeden Tag etwas auf dem Teller habe und er hilft mir, dass meine Kirchen gebaut werden.“ Dieses Gottvertrauen ist für die Menschen im Kosovo typisch, die über Jahrhunderte fremden Mächten unterworfen waren. Heute muss der Kosovo seine Rolle in der Staatengemeinschaft noch finden. Bisher hat nur etwa die Hälfte der Mitgliedsländer der Vereinten Nationen den jungen Staat anerkannt. Ungeklärt ist zudem das Verhältnis zum Nachbarn Serbien. Auch die wirtschaftliche Entwicklung ist schwierig: Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos. Das Monatseinkommen beträgt durchschnittlich nur rund 375 CHF.

Im Kosovo leben rund 65.000 Katholiken. Es gibt 25 Pfarreien, in denen 47 Priester wirken, von denen 35 Weltpriester sind. Zudem sind 100 Ordensfrauen im Kosovo tätig. Sie erteilen häufig Katechese in Pfarreien und kümmern sich um Arme. “KIRCHE IN NOT“ hilft der Kirche im Kosovo seit Jahren. Unterstützt wurden unter anderem der Bau der Mutter-Teresa-Kathedrale in Pristina, der Bau von Schwesternhäusern sowie die Renovierung von Pfarrhäusern. Auch bei der Finanzierung von Transportmitteln für die Seelsorge hat das Hilfswerk geholfen.

Ivo Schürmann