Christentum an einem Scheideweg

Professor für Islamische Studien spricht über die Situation des Christentums im Nahen Osten [Teil I]

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ROM, den 9. Mai 2012 (WGW.org). - In Zusammenarbeit mit „Kirche in Not“ hat Mark Riedemann für „Wo Gott weint“ („Where God Weeps“) ein Interview mit dem Jesuitenpater Samir Khalil Samir SJ, Professor für Geschichte der Arabischen Kultur und Islamische Studien, geführt. Professor Samir ist Experte für Fragen des interreligiösen Dialogs in Rom und Beirut.

WGW: Ich würde mir gern zunächst ein Bild von der Lage der Christen in Nahost machen. Welche Zahlen können uns hierüber Auskunft geben? Und welche Art von Erfahrungen machen Christen in den Ländern des Nahen Ostens?

Prof. Samir: Genaue Zahlen sind schwierig auszumachen. Ich würde sagen, es gibt dort etwa 16 Millionen Christen. Die größte Anzahl befindet sich in Ägypten, circa 8 bis 10 Millionen. Im Patriarchat meint man, es seien viel mehr, doch die Regierung behauptet ihrerseits, es seien viel weniger. Im Libanon finden wir den größten Bevölkerungsanteil an Christen – obwohl er zahlenmäßig gering ist, wohnen hier immerhin 2 Millionen Christen. Dann gibt es Christen in Syrien, in Jordanien, in Palästina und im Irak; in diesen Regionen leben Christen, die ursprünglich dort geboren sind. Außerhalb von Ägypten lebt die Mehrzahl der Christen auf der Arabischen Halbinsel; ihre Ursprungsländer sind die Philippinen, Sri Lanka und Indien…

WGW: …dies sind Arbeitskräfte, die aus dem Ausland kommen...

Prof. Samir: … Arbeitskräfte, die aus dem Ausland kommen, importiert werden und die dann aufgrund der Lage in diesen Ländern viel leiden. Die Situation in Ägypten ist schwierig, aber immerhin gibt es keine Verfolgung, es handelt sich – sagen wir einmal – um Diskriminierung. Dann gibt es die vom Krieg gegeißelten Zonen wie Irak und Palästina, im letzten Fall herrschen kriegsähnliche Zustände seit über 60 Jahren. In beiden Fällen haben die Christen sehr darunter zu leiden. In Palästina haben sie die Hoffnung aufgegeben und verlassen das Land, sofern es in ihrer Macht steht. Im Irak finden wir mehr oder weniger die gleiche Situation vor. Dort wandern die Christen aus ihren Gebieten nach Norden ab, nach Kurdistan, in den Norden Iraks.

WGW: Wir wollen die Frage des Kriegs einen Moment beiseitelassen. Wenn Sie so wollen, wie sähe, ganz konkret, die Unterscheidung zwischen Diskriminierung und regelrechter Verfolgung aus?

Prof. Samir: Krieg ist die schlimmste Situation und Diskriminierung, wie wir sie in Ägypten haben, die nächstschlimme. Zum Beispiel wird man übers ganze Jahr hinweg jeden Tag ab fünf Uhr früh mit islamischer Propaganda berieselt. Um diese Uhrzeit beginnt man, mit Lautsprechern Predigten zu halten, und das geschieht fünfmal am Tag. Dann läuft vieles über Radio und Fernsehen; oftmals hören sich die Nachbarn diese Programme in hoher Lautstärke an. Man kann sich nicht beschweren, denn dann wird der Nachbar sich rechtfertigen und sagen, dass dies das Wort Gottes ist. Film und Fernsehen sind ebenso mit islamischer Propaganda überflutet. In den Schulen beginnen die Jungen und Mädchen ihren Tag mit islamischen Lehrsprüchen. Es beginnt damit, dass die Schüler auf dem Hof islamischer Propaganda ausgesetzt werden; man nennt dies „Khutbah“. Wenn der Lehrer gewechselt wird, wiederholt sich das gleiche Ritual. Wenn man auf dem Arbeitsmarkt – vor allem im öffentlichen Bereich – nach einer Arbeitsstelle sucht, wird man nach seinem Namen gefragt, was normal ist, aber in Ägypten will man den vollständigen Namen wissen; so geht man hier vor, denn gerade in Ägypten erfährt man durch den Namen des Betreffenden, den Namen des Vaters und des Großvaters, ob jemand Christ ist oder nicht, denn in diesem Falle kommt in der Serie von Namen der Name Mohammeds nicht vor.

WGW: Auch im Personalausweis wird die Religionszugehörigkeit erwähnt.

Prof. Samir: Genau, aber man wird Sie nicht um Ihren Personalausweis bitten, sondern einfach nur um Ihren Namen. Dann aber wissen Sie Bescheid, dass Sie in eine Schublade gesteckt worden sind, und es könnte Anlass dafür sein, dass Ihnen eine Arbeitsstelle verweigert wird oder vergleichbare Dinge geschehen. Man spürt, dass man anders behandelt wird. Die ganze Umgebung zielt auf die Islamisierung der Gesellschaft ab. Während der Zeit des Ramadan folgt alles einem anderen System. Der Tagesablauf und seine Stunden werden umgestellt. Die öffentlichen Verkehrsmittel stellen ihren Dienst von 17:00 Uhr nachmittags bis um 8:00 Uhr morgens ein; das Leben hängt von der eigenen Religion ab, und da es sich in diesem Fall um den Islam handelt, fühlt man sich als Christ übergangen oder man fühlt sich an den Rand gedrängt. Dies sind einfache Dinge, doch man findet auch Diskriminierung an der Universität. Als Christ kann man nicht Gynäkologe sein oder Arabisch lehren. Gemeinhin hält man es nämlich für unmöglich, dass ein Christ Arabisch lehren kann, da diese Sprache auf dem Koran basiert – und wie kann man den Koran lehren, wenn man nicht Moslem ist?

WGW: …und Frauenarzt darf man offensichtlich nicht sein, da man als Christ unmöglich eine muslimische Frau anschauen darf...

Prof. Samir: Ja, oder wenn eine junge Frau als Christin in der Öffentlichkeit keinen Schleier trägt, wird das so vehement kritisiert, dass es am Ende besser ist, nachzugeben. Diesem Druck ist man ausgesetzt. In den Städten gibt es das Problem nicht, aber in den kleinen Dörfern wird dies umso offensichtlicher.

WGW: Könnte man sagen, dass dies die Situation in vielen Ländern quer über den Nahen Osten wiederspiegelt?

Prof. Samir: Nein, nicht unbedingt. Natürlich gilt es für die Arabische Halbinsel. Aber ich rede von jenen Ländern, in denen das Christentum vor dem Islam ansässig war, wie z.B. in Ägypten, Syrien, dem Libanon, Jordanien und Palästina, wo es stets landeseigene Christen gab; Ägypten ist der schlimmste Fall. Am anderen Ende der Skala steht der Libanon, ein Land, das kein muslimischer, sondern ein arabischer Staat ist. Es ist der einzige arabische Staat, der nicht muslimisch, sondern religiös geprägt ist und wo Christen und Moslems gleichgestellt sind; das heißt, wir erkennen an, dass Religion eine wesentliche Dimension der Gesellschaft, des Systems und des Staates darstellt. Deshalb gibt es im libanesischen Parlament 64 Christen und 64 Moslems, Christen verschiedener Konfession und Moslems verschiedener Konfession – in diesem Fall drei oder mehr.

WGW: Hier stehen wir also vor einer Situation, die man als Idealmodell für ein Zusammenleben bezeichnen könnte …

Prof. Samir: …und dazwischen liegen Länder wie Syrien und was einmal der Irak war, Staaten, die vorgeben, weltlich orientiert und unter der politischen Partei, der BAATH-Partei, organisiert zu sein, was immer noch auf die Lage in Syrien zutrifft. Der Staat weiß Bescheid welcher Religion der Einzelne angehört, doch man ist frei, und die Politik ändert sich nicht. Gewiss, der Präsident von Syrien ist Moslem, aber das System ist weltlich orientiert.

WGW: Obwohl es keine Religionsfreiheit gibt, sondern nur eine Kultfreiheit.

Prof. Samir: Ja, aber unterm Strich ist es nicht so schlecht. Ein Moslem kann konvertieren, aber es ist nicht leicht, denn die Familie und die Gesellschaft üben Druck aus, nicht jedoch weil es ein Gesetz gäbe oder es in der Konstitution des Staates verankert wäre; das ist der Unterschied. In Ägypten wird man bestraft aufgrund des „Scharia-Gesetzes“, das eine Grundlage der ägyptischen Verfassung darstellt. Die gleiche Situation wie in Syrien findet man in Jordanien vor. König und Königreich sind offen eingestellt, besonders gegenüber den Christen. Tatsächlich heißen sie die Christen mit großer Wertschätzung willkommen. Die Christen sind gehören vorwiegend zum lateinischen Ritus und stammen von arabischen Volksstämmen ab. Deshalb können sie ihnen nicht vorwerfen, sie kämen aus dem Westen. Sie sprechen die Sprache der Beduinen; sie sind schlichtweg Araber.

WGW: Sie gehören zu den Ursprüngen des Landes.

Prof. Samir: Ja, so wie Bischof Twal, der Patriarch von Jerusalem, und der Bischof von Algier. Beide stammen von arabischen und jordanischen Volksstämmen ab. In Saudi-Arabien darf man überhaupt nichts tun, nicht einmal beten.

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[Teil II folgt am Donnerstag, dem 10. Mai 2012]

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Dieses Interview wurde von Mark Riedemann für „Wo Gott weint“, eine wöchentliche TV & Radioshow, geführt und von „Catholic Radio & Television Network“ in Zusammenarbeit mit dem katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ produziert.

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]