Christentum an einem Scheideweg

Professor für Islamische Studien spricht über die Situation des Christentums im Nahen Osten [Teil II]

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ROM, 10. Mai 2012 (WGW.org). - In Zusammenarbeit mit „Kirche in Not“ hat Mark Riedemann für „Wo Gott weint“ („Where God Weeps“) ein Interview mit dem Jesuitenpater Samir Khalil Samir SJ, Professor für Geschichte der Arabischen Kultur und Islamische Studien, geführt. Professor Samir ist Experte für Fragen des interreligiösen Dialogs in Rom und Beirut.

[Teil I hier]

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WGW: Ich würde jetzt gern auf das Problem der Auswanderung von Christen zurückkommen, das aufgrund der Aussicht, diskriminiert oder sogar offenen verfolgt zu werden, entsteht. Von welchen zahlenmäßigen Größenordnungen sprechen wir hier eigentlich?

Prof. Samir: Das ist schwer zu sagen. Wir müssen Land für Land in Augenschein nehmen, aber eines ist sicher, nämlich dass die Zahl der Auswanderer im Steigen begriffen ist, während die Zahl der Christen überall jährlich abnimmt. Mir wurde gerade vom Bischof von Tier, einer im Libanon liegenden Stadt, in der es keine Diskriminierung gibt, gesagt: In den 50er Jahren, als ich noch ein Kind war, hatte Tier 10.000 Einwohner, 5.000 waren Christen und 5.000 Moslems. Heute gibt es 3.000 Christen, aber 80.000 Einwohner.

WGW: Hier müssen wir also feststellen, dass wirtschaftliche Gesichtspunkte eine Rolle spielen, denn Sie sagen, im Libanon gebe es keine Diskriminierung. 

Prof. Samir: Ganz genau; es gibt keine Diskriminierung, und ich darf hier unterstreichen, dass die schwindende Anzahl hauptsächlich auf Faktoren zurückzuführen ist, die nicht von religiöser Natur sind; meine Familie ist in die Vereinigten Staaten und nach Kanada ausgewandert. Meine Brüder befinden sich noch dort, und niemand hat sie davon abgehalten, zurückzukehren. Genau wie ich fühlen sie einfach, dass dies nicht mehr unser Land ist. Die Umgebung verändert sich; es ist etwas Psychologisches. Man spürt, dass es nicht mehr jene Freiheit gibt, an die wir gewöhnt waren. Christen sind für Freiheit zugänglicher als Moslems; Moslems fördern sie nicht. Deswegen werden die Christen auch auswandern, sofern sich ihnen die Gelegenheit bietet, sei dies aus kulturellen, politischen oder gesellschaftlichen Gründen. Möglicherweise haben sie auch Familie, die im 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts ausgewandert ist, oder sie sprechen fließend Sprachen des Westens. Zuhause sprach man in meiner Familie fließend Französisch und etwas Englisch, sodass die Anpassung und Einbindung in die Kultur der Vereinigten Staaten nicht so schwierig war. In anderen Ländern könnten die Gründe religiöser Natur sein.

WGW: Was Sie da sagen, klingt extrem pessimistisch; der Trend ist steigend. Gibt es Möglichkeiten, ihn umzukehren?

Prof. Samir: Wenn wir die Sache ihren natürlichen Lauf nehmen lassen, dann ist sie unumkehrbar, denn die Lage wird sich in den nächsten 20 Jahren nicht verändern. Die Demokratie wird nicht plötzlich vom Himmel fallen. Man muss eine Generation von freiheitsliebenden Menschen heranbilden – und das ist ein wichtiger Faktor, die Freiheit. Die Islamische Bewegung versucht, Islamisierung zu betreiben. Die Bevölkerung wird zunehmen, und dieser Trend wird innerhalb unserer Lebenszeit nicht zum Stillstand kommen. So wird also die Bevölkerung wachsen, und sobald ein bestimmter Punkt überschritten ist – wir haben das in der Türkei gesehen, wie dort der Prozentsatz von Christen Anfang des 20. Jahrhunderts über 20 bis 24 Prozent lag und heute bei einem Anteil von 0,2 Prozent, hundertmal weniger als vor hundert Jahren, liegt, dann wird klar, dass ab einem gewissen Punkt, 1 oder 2 Prozent, Bewegung entsteht …

WGW: Es ist eine Katze, die sich in den Schwanz beißt.

Prof. Samir: Ja, genau. Deswegen ist es wichtig, den Trend jetzt zu stoppen und denen, die ausgewandert sind, vielleicht vorzuschlagen, zurückzukommen. Es ist schwierig.

WGW: Das ist unmöglich. Ich meine, in gewisser Weise, denn während wir auf die – sagen wir einmal – natürliche Tendenz, das Land zu verlassen, schauen, bestehen weitere Motive aufgrund von Gewalt, aufgrund des Kriegs in Irak, der Lage in Palästina, die wiederum eine weitere Radikalisierung unter Moslems und dadurch weiteren Druck auf die Christen hervorrufen, nicht wahr?

Prof. Samir: Ja, richtig. Aber ich werde Ihnen ein Beispiel nennen, um zu zeigen, dass der Trend aufgehalten werden kann. Nehmen wir den Libanon als Beispiel. Ich erinnere mich daran, dass die Hisbollah vor etwa 10 bis 15 Jahren eine islamische Gesellschaft nach dem Vorbild des Iran errichten wollte. Sie sagten sogar, dass sie mehr vom Iran abhingen als vom Libanon. Der Imam Chamseddine (Imam Shaykh Muhammad Mahdi Shams ad Din) war damals die große Gestalt der schiitischen Moslems im Libanon. Er starb vor drei Jahren. Dieser Imam Chamseddine sagt in seiner Biographie, die er in der letzten Woche seines Lebens diktiert hat: „Ich war davon überzeugt, dass eine islamische Gesellschaft der Idealfall sei. Doch jetzt, nach 10 bis 15 Jahren muss ich zugeben, dass die Gesellschaft, so wie sie jetzt im Libanon besteht, besser ist, weil die Christen einen Beitrag leisten“; es ist eine andere Sichtweise gegenüber der unsrigen, die mit uns zusammenlebt. Und die Hisbollah hat aus anderen Gründen das gleiche gesagt. Sie wollen keine islamische Gesellschaft. Da möchte ich also ansetzen: Es ist tatsächlich möglich, diesen Trend in der arabischen Welt aufzuhalten und den Moslems zu zeigen, dass wir Christen für sie eine Chance darstellen, um sich auf eine offenere Gesellschaft hinzubewegen. Wenn ihr bereit seid, können wir zusammenarbeiten.

WGW: Aber das ist gerade die "Wo Gott weint": Wollen sie das überhaupt? In der vom Islam geprägten Gesellschaft ist ein neuer Begriff aufgetaucht, und zwar der „Islamist“. Worin besteht der Unterschied zwischen einem Moslem und einem „Islamisten“, und inwieweit spielt das für unser Thema eine Rolle?

Prof. Samir: Dieses Wort war vor 20 Jahren unbekannt. Im Arabischen unterscheiden wir sehr deutlich zwischen dem Wort „Muslim“, was Moslem bedeutet, und „Islami“, in welchem Fall es sich um eine Wortneuschöpfung handelt, denn die Wirklichkeit, auf die sie Bezug nimmt, ist eine neue. „Islami“, im Plural „Islamiun“ bezieht sich auf diejenigen, die die Absicht hegen, die Gesellschaft zu islamisieren, was auch in Bezug steht zum Salafismus; Salaf [Arabisch für „Ahne“ oder „Vorfahr“] sind die Vorfahren: Wir wollen zurück zu den Vorfahren gehen; das heißt zum frühen Islam; doch keiner weiß, wie der frühe Islam eigentlich aussah, welche Kleidung man trug … aber man kann es sich ausdenken.

WGW: Ist es wahr, dass, wie die „Islamiun“ vorgeben, Mann und Frau sogar ein gewisses äußeres Erscheinungsbild wahren müssen?

Prof. Samir: Ja, sie meinen, der Prophet trug sicher einen Bart … Deshalb tragen sie einen Bart. Sie tragen alle einen Bart, und wenn er ungestutzt und frei wächst, ist das umso besser. Denn dann ist das umso islamischer in ihren Augen. Sie tragen auch keine Hosen, sondern tragen einen langen weißen Rockmantel. Man kann sie auch an ihren Zähnen erkennen. Sie kauen eine Baumwurzel, die so genannte „miswak“, denn sie glauben, dass der Prophet sie benutzte, um seine Zähne zu reinigen. Er hatte sicher nicht den Zahnstocher made in Japan benutzt, sondern einfach das, was verfügbar war – und Frauen müssen natürlich den Schleier tragen. Im Libanon, wo es verschiedene Bekenntnisrichtungen zum Islam gibt, kann man diese im Einzelnen identifizieren. Mit ein bisschen Praxis kann man diese kleinen Variationen bestimmen und erkennen, ob jemand zu den Schiiten, den Sunniten oder Aleviten gehört. Es handelt sich übrigens vordergründig um eine politische Unterscheidung, nicht um eine religiöse, denn man zeigt, dass man einer bestimmten politischen Gruppe angehört, zum Beispiel wenn man zu den „Hisbollah“ gehört, zieht man gelbe Kleider an, und wenn man zu den Hariri gehört, blaue Kleidung usw. Man zieht diese Kleider nicht aufgrund einer Entscheidung an, die religiös motiviert ist, sondern man trägt sie aus politischen Gründen. Deswegen erkläre ich den Europäern und dem Westen generell, insbesondere in Bezug auf den Libanon, dass es wahr ist, dass jeder frei ist, seine Religion zu wählen, aber es handelt sich mehr um eine politische als um eine religiöse Entscheidung, denn Religion und Politik sind im Unterbewusstsein der Muslime so sehr miteinander verquickt.

WGW: Besitzt also der Moslem selbst im religiösen Bereich keine Kultfreiheit?

Prof. Samir: Was entscheidend ist, vor allem bei den Islamisten, ist deren Ideal und Anschauungsweise: Wir respektieren die Menschen, aber wir drängen alle dazu, gute Moslems zu sein. Ein guter Moslem muss fünf Mal am Tag beten, und wenn jemand während der Gebetszeiten arbeitet, wird er dafür bestraft, damit er lernt, ein guter Moslem zu sein. Eine Art Religionspolizei kommt vorbei und schließt das Geschäft. Wenn man während der Zeit des Ramadan etwas isst, wird man bestraft, ins Gefängnis geworfen und geschlagen, damit man lernt, ein guter Moslem zu sein – es ist für das eigene Wohlergehen. Was diese Menschen nicht verstehen können, ist die Freiheit – dass man frei ist, etwas zu tun, was sie als schlecht einstufen, das aber an und für sich nicht schlecht ist, sondern neutral. Hier stoßen zwei Weltanschauungen aufeinander. Für sie stammt die ideale Gesellschaft von Gott ab. Wir müssen lernen, was innere Freiheit ist, und gerade hier haben wir Christen meiner Meinung nach keinen Verdienst. Das ist mehr ein Teil unserer Tradition, sei es, dass wir durch das Evangelium oder von unseren Freunden aus dem Westen, die Christen sind, gelernt haben, was es heißt, frei zu sein. Und tatsächlich handelt es sich hier um einen ganz wesentlichen Punkt.

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Dieses Interview wurde von Mark Riedemann für „Wo Gott weint“, eine wöchentliche TV & Radioshow, geführt und von „Catholic Radio & Television Network“ in Zusammenarbeit mit dem katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ produziert.

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]