Christentum und Globalisierung, neues Buch von Bischof Giampaolo Crepaldi

Von John Finn

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ROM, 3. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Bischof Giampaolo Crepaldi, Sekretär des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden („Iustitia et Pax“), bietet in einem neuen Buch einen Überblick über die Haltung der Kirche zur Globalisierung. Auf über 100 Seiten fasst der Bischof Schwerpunkte zu dieser komplexen Thematik zusammen. Darüber hinaus beinhaltet das Buch Texte aus verschiedenen kirchlichen Dokumenten.



Das vorerst nur auf Italienisch erhältliche Werk, das im Cantagalli-Verlag erschienen ist, trägt den Titel „Globalizzazione: Una prospettiva cristiana“ („Globalisierung: Eine christliche Perspektive“). Es beginnt mit dem Hinweis darauf, dass die Kirche bis dato noch keine systematische Behandlung zum Thema der Globalisierung vorgelegt habe. Allerdings, so wird hinzugefügt, habe sie sich im Rahmen von Vorträgen und Lehrschreiben durchaus mit den entsprechenden Fragestellungen beschäftigt.

Das Fehlen eines ausschließlich der Globalisierung gewidmeten kirchlichen Dokuments bedeute nicht, dass die Kirche dieser Thematik keine Aufmerksamkeit schenke, betont Bischof Crepaldi. Die ersten Sozialenzykliken hätten sich in erster Linie auf die Grundprinzipien christlichen Wirtschaftens konzentriert, und die ausdrückliche Behandlung der „Globalisierung“ finde sich erstmals in der Enzyklika Centesimus annus von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1991.

In der Einleitung weist der Bischof darauf hin, dass die Globalisierung unser tägliches Leben sehr beeinflusse, dass dies aber oft leise geschehe und oft nicht wirklich durchschaubar sei. Als Beispiel führt er die schwierige Frage an, ob die ungleiche Wirtschaftskraft zwischen den verschiedenen Ländern und Regionen nun durch die Globalisierung verursacht worden sei oder vielleicht eher dadurch, dass sich die ärmeren Staaten nicht im ausreichenden Maße in den Globalisierungsprozess eingliedern ließen.

Die Globalisierung sei auch deshalb schwer zu durchschauen, weil es sich dabei um einen Prozess handle, der noch nicht abgeschlossen und dessen Ausgang ungewiss sei. Dieser Verständnisschwierigkeit liege im Letzten eine noch tiefere Ursache zugrunde: unser defizitäres Vermögen zu regieren. Konkret bedauert Bischof Crepaldi in diesem Zusammenhang das Fehlen einer ethischen Vision, die den einzelnen Regierungen Orientierung geben könnte.

Genau diese ethische Perspektive biete die Kirche der Gesellschaft an, fährt der Bischof fort. Papst Johannes Paul II. merkte in seiner Sozialenzyklika an, dass die Globalisierung an sich weder gut noch schlecht sei und dass ihre positiven beziehungsweise negativen Auswirkungen vielmehr von unseren eigenen Entscheidungen abhingen. Die Steuerung des Globalisierungsprozesses erfordere daher zuallererst Klugheit, Statistiken und andere empirische Fakten alleine genügten nicht.

Die Grundlage zur Steuerung dieses Prozesses ist nach Bischof Crepaldi in der menschliche Natur zu finden, die alle Menschen vereint. Aus diesem Grund sei es von entscheidender Bedeutung, dieses anthropologische gemeinsame Fundament anzuerkennen, um so auch dem Irrtum eines kulturellen Werterelativismus zu entgehen. Angesichts der Globalisierung erinnere die Kirche die Welt daran, dass die menschliche Natur in der ganzen Welt dieselbe ist, dass sie weltweit gelte und eine universale Solidarität zwischen den Völkern erforderlich mache.

Drei Fehler

Nach der Einleitung geht Bischof Crepaldi auf drei Fehler ein, die bei der Analyse des Phänomens der Globalisierung häufig aufträten. Der erste, eine Art „ökonomischer Determinismus“, besteht seiner Ansicht nach darin, dass die Globalisierung als ein unwiderruflicher Prozess betrachtet wird, der im Letzten nicht zu steuern sei. Es könne geschehen, dass wir uns ohnmächtig fühlten angesichts der Veränderungen, die einfach passieren und unserer Kontrolle gänzlich entzogen sind, und deshalb sei es nötig, dass internationale Organisationen und die mächtigeren und einflussreicheren Staaten den ärmeren und schwächeren keine wirtschaftlichen Maßnahmen auferlegen, welche die Bedürfnisse und Probleme vor Ort unberücksichtigt lassen.

Die Kirche, so Crepaldi weiter, fordere auch die Respektierung einheimischer Traditionen und Kulturen und eine Globalisierung, die nicht nur von wirtschaftlichen Kriterien bestimmt sei. Es sei unbedingt nötig, dass der Mensch im Vordergrund stehe. Dies erfordere die uneingeschränkte Achtung und Wahrung der menschlichen Freiheit; kein Mensch dürfe wie ein bloßer Wirtschaftsfaktor betrachtet und behandelt werden.

Aus einem solchen Blickwinkel stelle sich die Globalisierung nicht als ein technisches Problem dar, sondern als ein Prozess, der vom Menschen gelenkt werden müsse. Ökonomische und technische Prozesse mögen die Menschen zwar einander näher bringen, aber nicht unbedingt zu einer Einheit zusammenführen, warnt der Bischof. Wenn man den Globalisierungsprozess verabsolutiert, bestehe sogar die Gefahr, dass die Menschheit gespalten werde, fügt er hinzu.

Ein zweiter Fehler ist laut Bischof Crepaldi ein Reduktionismus, der alle Probleme und alle sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen auf die Globalisierung zurückführt, ohne die jeweilige Situation genauer zu analysieren. Auch wenn die Globalisierung auf das menschliche Lebens unbestreitbaren Einfluss habe, könne sie nicht für alle Übel verantwortlich gemacht werden.

Zahlreiche Menschen hätten von der Globalisierung profitiert, und es träfe keineswegs immer zu, dass die wirtschaftlichen Fortschritte einer Nation auf Kosten einer anderen gingen. Die Probleme der unterentwickelten Länder seien oft die Folge mehrerer verschiedenartiger Faktoren.

Ähnlich verhält es sich mit dem dritten Fehler. Er bestehe darin zu meinen, dass nunmehr alles „globalisiert“ sei. In diesem Zusammenhang weist Bischof Crepaldi darauf hin, dass es Bereiche gibt, die sich nicht auf globaler Ebene integrieren lassen. Außerdem gehe mit der Globalisierung eine größere Wertschätzung lokaler und regionaler Identität einher.

Eine neue Kultur

Damit diese und andere Fehler vermieden werden können, müsse eine „neue Kultur“ geschaffen werden, die den Globalisierungsprozess steuere. Zu dieser „neuen Kultur” habe bereits Papst Johannes Paul II. aufgerufen. Sie erfordere zweierlei: das Erkennen der bereits vorhandenen positiven kulturellen Elemente sowie die die Förderung neuer Elemente.

Die Unterscheidung zwischen den positiven und negativen Elementen sei nötig, um zu vermeiden, dass man sich eine Auffassung von Globalisierung zu Eigen mache, die sich selbst als Teil eines postmodernen Prozesses sieht, in dem der Freiheit ein absoluter Wert beigemessen wird und Tradition und Religion keinen Platz mehr haben. Die Kirche ihrerseits stelle eine Kultur vor Augen, die auf einem christlichen Menschenbild beruhe und darauf abziele, eine neue Menschlichkeit zu errichten.

Die Globalisierung ist nach den Aussagen von Bischof Crepaldi mitverantwortlich daran, dass den Prinzipien der katholischen Soziallehre, die in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt wurden, größere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Einsichten wie zum Beispiel die, dass die irdischen Güter und das Gemeinwohl für die ganze Menschheit bestimmt sind, hätten heute angesichts der Globalisierungsdebatte ein größeres Gewicht bekommen.

Die Kirche verweise uns zudem auf die universalen unveränderlichen sittlichen Normen, denen die Globalisierung dienen müsse. Die globalen Veränderungen hätten Fragen bezüglich des universalen Fortschritts und der Güterverteilung neu aufgeworfen – Fragen und Probleme, für die noch Lösungen gefunden werden müssten, und zwar solche, die der Hierarchie der sittlichen Werte entsprechen müssten. Dies wiederum erfordere ein rechtes Verständnis der Würde des Menschen und seiner Rechte, was jedoch nicht möglich sei, wenn wir uns mit einem System zufrieden gäben, das einem ethischen Relativismus verhaftet ist.

Die universalen moralischen Prinzipien leiten sich, so Bischof Crepaldi, von unserer menschlichen Natur ab, deren Inhalt nicht leicht zu begreifen sei. Würde jedoch die Globalisierung nicht von moralischen Prinzipien gelenkt, so hätte dies alle Arten von Ungerechtigkeit zur Folge.

Solidarität

Ein weiterer wesentlicher Aspekt dessen, was die Kirche zur Globalisierung lehrt, ist gemäß Bischof Crepaldi die Förderung der Solidarität – einer globalen Solidarität, die sicherstellt, dass alle Völker von dem sich vollziehenden ökonomischen Wandel Nutzen ziehen können. Die christliche Solidarität bestehe darin, dass wir Verantwortung für das Wohlergehen der anderen übernehmen. Sie bestehe aus mehr als nur Mitleid und Gefühlen, da sie in den menschlichen Beziehungen ganz auf Gegenseitigkeit beruhe.

Die Einheit der ganzen Menschheit sei vom Augenblick der Schöpfung an offensichtlich, denn im Buch Genesis heißt es, dass Gott den Menschen erschuf und wir daher einen gemeinsamen Ursprung haben. Die gemeinsame Bestimmung des Menschen trete zudem deutlich zutage in der Menschwerdung Jesu Christus, der Mensch werden wollte, um die Menschheit zu erlösen.

Die Botschaft Jesu mache nicht nur die Verbundenheit zwischen allen Menschen deutlich, sondern auch die Tatsache, dass wir alle Geschwister sind. Im tiefsten Grunde beruhe die Einheit der Menschen auf der trinitarischen Einheit. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, erfordere die wachsende gegenseitige Abhängigkeit, die sich aus der Globalisierung ergibt, eine neue Dimension, die sie vor einem rein technischen oder ökonomischen Reduktionismus bewahren müsse.

Auch die Subsidiarität, das heißt die Vermeidung einer allzu starken Machtkonzentration auf höheren Ebenen, spiele in der Soziallehre der Kirche eine wichtige Rolle. Dieses Prinzip gewährleiste, dass Institutionen wie der Familie, den Kommunen und ethnischen Gruppen genug Autonomie eingeräumt wird, um sich zu entfalten.

Fazit: Es ist unbedingt nötig, dass die Globalisierung zu einem Prozess wird, in dem die Achtung vor der menschlichen Freiheit das tragende Element ist. Eine Globalisierung, die auf diese Weise an christlichen Prinzipien orientiert ist, gewährleistet, dass die Menschheitsfamilie zu einer harmonischen Einheit zusammengeführt wird.