Christenverfolgung 2011: Helft den bedrängten Christen weltweit!

Interview mit Menschenrechtsexperten von Kirche in Not, Berthold Pelster

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MÜNCHEN, 29. November 2011 (ZENIT.org/KIN). - Hilfe für bedrängte Christen in aller Welt zu leisten, ist die Aufgabe des weltweiten katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“. Vor Weihnachten macht das Hilfswerk darum regelmäßig auf die Brennpunkte von Christenverfolgung und Unterdrückung Andersgläubiger aufmerksam. Einen Überblick über die weltweite Lage der Christen im Jahr 2011 gibt der Menschenrechtsexperte von „Kirche in Not“, Berthold Pelster.

Das Gespräch führte André Stiefenhofer.

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KIN: Herr Pelster, wie bewerten Sie die weltweite Lage der Religionsfreiheit für Christen im zu Ende gehenden Jahr 2011 ganz allgemein?

Pelster: Die größte Umwälzung im Vergleich zu 2010 hat in diesem Jahr der „Arabische Frühling“ in Nordafrika und im Nahen Osten gebracht. Wie sich die Revolutionen in der arabischen Welt auf die Religionsfreiheit in der Region konkret auswirken werden, ist noch nicht ganz klar. Wir sehen hier zwar durchaus Chancen, aber auch Gefahren. Die Christen in der Region sind verunsichert und viele fürchten, dass sich ihre Lage durch die Umbrüche grundlegend verschlechtern könnte.

Hoffnung in Sachen Religionsfreiheit machen uns Hinweise darauf, dass die Militär-Junta in Myanmar offensichtlich einen Kurs der Öffnung betreibt. So hat sie unter gewissen Auflagen Demonstrationen zugelassen und verfolgt Kritiker nicht mehr in dem Maße wie es bisher der Fall war. Wir spüren hier ein deutliches Aufatmen in der Kirche des Landes.

Wir haben uns außerdem sehr gefreut, dass Papst Benedikt XVI. gleich zu Beginn des Jahres seine Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar unter das Thema: „Religionsfreiheit - ein Weg für den Frieden“ gestellt hat. In seiner Neujahrsansprache bezeichnete er den weltweiten Schutz der Religionsfreiheit als eine Herausforderung „von dramatischer Dringlichkeit". Wie dringlich diese Aufgabe ist, zeigte eine Reihe von schweren Anschlägen auf christliche Kirchen und Gläubige im zu Ende gehenden Jahr, vor allem in Ägypten mit mehr als fünfzig Toten und mehreren Hundert Verletzten. Es gibt also nach wie vor viel zu tun, um den Schutz des grundlegenden Menschenrechtes auf Religionsfreiheit weltweit durchzusetzen.  

KIN: Die Situation von Christen in den Ländern des „Arabischen Frühlings“ macht Ihnen momentan am meisten Sorgen. Können Sie ein erstes Fazit ziehen, welche Auswirkungen die Umbrüche in Nordafrika und im Nahen Osten auf die Grundrechte der Menschen dort hatten?

Pelster: Der politische Wandel, der bei uns oft als „Arabischer Frühling“ bezeichnet und als Aufbruch zur Demokratie verstanden wird, könnte für die Christen nachteilige Folgen mit sich bringen. Es könnte nämlich sein - und das ist gar nicht unwahrscheinlich -, dass bei freien Wahlen Parteien an die Macht kommen, die dem politischen Islam zugerechnet werden müssen. In Tunesien ist dies bereits geschehen. Auch zum Beispiel in Ägypten wird die Muslimbruderschaft vermutlich einen großen Teil der Wählerstimmen erhalten. Gemeinsames Merkmal vieler solcher religiös-ideologischer Bewegungen ist das politische Ziel, eine „islamische Ordnung“ zu errichten, einen islamischen Staat, in dem das islamische Recht, die Scharia, in ihrer Ganzheit zur Anwendung kommt. In solch einem islamischen Musterstaat gelten nur die Muslime als vollwertige Bürger. Andersgläubigen, also zum Beispiel Christen, werden dagegen nur eingeschränkte Bürgerrechte eingeräumt. Diese Gefahr zeichnet sich am Horizont ab. Ob sie tatsächlich so eintritt, ist aber im Moment ungewiss.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch einige positive Auswirkungen. Bei den Demonstrationen in Ägypten etwa war immer wieder eine große Geschlossenheit zwischen Muslimen und Christen zu beobachten. Und die Forderungen der Demonstranten gingen nicht in Richtung eines islamischen Gottesstaates, sondern zielten auf Gerechtigkeit, sozialen Ausgleich und Teilhabe am gesellschaftlichen Fortschritt.

Ebenfalls in Ägypten ist im Sommer 2011 ein Gesetzentwurf eingereicht worden, der den Bau von Gebetsstätten deutlich vereinfachen soll. Bislang waren der Neubau und die Renovierung von Kirchengebäuden in Ägypten ein komplizierter und langwieriger Prozess. Die Genehmigungsverfahren konnten sich über viele Jahre hinziehen. Nach dem neuen Gesetz soll das Ganze einfacher und vor allem schneller erfolgen, nämlich innerhalb von drei Monaten. Muslimische und christliche Gemeinden sollen dabei gleich behandelt werden.

KIN: Das Regime von Baschar al-Assad in Syrien geht mit blutiger Gewalt gegen die Demonstrationen vor. Was hätten die Christen von einem Regierungsumsturz in Syrien zu erwarten?

Pelster: Wie in vielen anderen arabischen Staaten, so herrscht auch in Syrien eine autoritäre Regierung. Große Teile der politischen und wirtschaftlichen Elite gehören der religiösen Minderheit der Alawiten an, so auch Präsident Baschar al-Assad. Die Alawiten sind eine Abspaltung des schiitischen Islam. Die große Mehrheit der syrischen Bevölkerung gehört aber dem sunnitischen Islam an. Die in Syrien dominierende Partei ist die Baath-Partei. Sie verfolgt eine säkulare Politik mit sozialistischer Ausrichtung. Diese politische und religiöse Konstellation sorgte bislang dafür, dass islamistische Kräfte in Syrien kleingehalten wurden und Christen ihre Religion vergleichsweise frei praktizieren konnten. In Syrien herrschte ein Ausmaß von Religionsfreiheit wie in sonst keinem anderen arabischen Staat.

Sollte es in Syrien zum Sturz des autoritären Regimes und zu freien Wahlen kommen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die bislang eher unterdrückte Bevölkerungsmehrheit der Sunniten an die Macht kommt, möglicherweise auch über islamistische politische Parteien. Dadurch würde das politische System auch in Syrien eine deutlich stärkere islamische Prägung erhalten, mit möglichen negativen Folgen für die christliche Minderheit.

Nicht wenige Christen fürchten auch, dass nach einem Sturz des jetzigen Regimes Chaos und Gewalt ausbrechen könnten, ein Bürgerkrieg um Macht und Einfluss, ähnlich dem, was die Syrer seit einigen Jahren im Nachbarland Irak beobachten können.

KIN: Beobachten Sie eine Verschärfung der Lage für Christen in islamisch geprägten Ländern weltweit oder kann man das so allgemein nicht sagen?

Pelster: Die religiöse und kulturelle Prägung der Länder mit islamischer Bevölkerungsmehrheit ist von Land zu Land verschieden, denken Sie nur an so unterschiedliche Länder wie Saudi-Arabien, Iran, Indonesien oder die Türkei. Dementsprechend ist auch die Lage religiöser Minderheiten in diesen Ländern verschieden. Allerdings hat in den letzten zwanzig, dreißig Jahren der Einfluss islamistischer Bewegungen weltweit deutlich zugenommen, bis in den politischen Bereich hinein. In vielen dieser Länder ist eine deutliche Rückbesinnung auf die islamische Religion und islamische Werte zu beobachten. Das führt nicht selten zu einer stärkeren Abgrenzung von den Christen bis hin zur Benachteiligung, im schlimmsten Fall auch zur Unterdrückung der Christen. Gewalt gegen Christen geht dabei aber immer nur von fanatischen, extremistischen Splittergruppen aus.

In einigen islamischen Ländern ist die Lage der Christen allerdings so schwierig, dass immer mehr Christen in den Westen auswandern wollen. Die Tendenz, dass die christlichen Gemeinschaften im Orient schrumpfen, ist leider bislang ungebrochen. Das erfüllt uns bei „Kirche in Not“ mit großer Sorge, weil die Gefahr besteht, dass in einigen Regionen die christliche Kultur und Tradition für lange Zeit verlorenzugehen drohen.

KIN: In Pakistan unterstützt „Kirche in Not“ die Christen bereits seit Jahren in ihren Bemühungen gegen die sogenannten Blasphemie-Gesetze. Was hat es damit auf sich und wie hat sich die Lage 2011 entwickelt?

Pelster: Das Blasphemie-Gesetz ist Teil des pakistanischen Strafgesetzbuches und sieht für abwertende Aussagen über den Islam drastische Strafen vor: Die Entehrung des Korans wird mit lebenslanger Haft bestraft, die Beleidigung des Propheten sogar mit der Todesstrafe. Das Gefährliche an diesem Blasphemie-Gesetz ist, dass es oft für falsche Anschuldigungen missbraucht wird, etwa im Zusammenhang mit privaten Grundstücksstreitigkeiten.

Schon die pure Anschuldigung, den Koran oder den Propheten entehrt zu haben, reicht für manche Fanatiker aus, in Eigenjustiz gegen die so Beschuldigten vorzugehen, falls diese vom zuständigen Gericht wegen mangelnder Beweise freigesprochen werden. Mehr als zwei Dutzend Personen wurden seit Einführung des Blasphemie-Gesetzes von solchen religiösen Fanatikern umgebracht, darunter mehrere Christen.

Gerichtlich verhängte Todesstrafen wurden zum Glück bis heute niemals vollstreckt. Allerdings erregte der Fall der Christin Asia Bibi weltweites Aufsehen: Sie wurde im November 2010 wegen angeblicher Beleidigung des Propheten gerichtlich zum Tod verurteilt. Seitdem sitzt sie in Einzelhaft.

Menschenrechtsorganisationen und Politiker setzen sich weltweit für eine Begnadigung von Asia Bibi und eine Abschaffung oder zumindest Abmilderung des Blasphemiegesetzes ein, ebenso Papst Benedikt XVI. Auch in Pakistan gibt es Politiker, die öffentlich Kritik an dem Gesetz äußern. Zwei von ihnen bezahlten diesen Einsatz mit dem Leben: im Januar der Gouverneur der Provinz Punjab, Salman Taseer, ein Muslim, und im März Shahbaz Bhatti, ein Katholik, als Minister für religiöse Minderheiten der einzige Christ in der pakistanischen Regierung. Beide wurden von religiösen Fanatikern umgebracht.

KIN: Neben religiösen Beweggründen gibt es auch politische Hintergründe für die Diskriminierung und Verfolgung von Christen, wie zum Beispiel zu Zeiten des „Eisernen Vorhangs“ in der Sowjetunion. Gibt es diese Art der Repression gegen Christen auch heute noch?

Pelster: Ja, und zwar ausgerechnet im größten Volk der Erde: In China herrscht seit nun über sechzig Jahren eine kommunistische Regierung. Zur Staatsideologie zählt nach wie vor der Atheismus. Die Religionsgemeinschaften in China unterliegen bis heute einer strengen staatlichen Kontrolle. Der Staat hat sogar eigene Leitungsorgane eingerichtet, in denen zum Teil Parteifunktionäre über das Leben und Wirken der Religionsgemeinschaften entscheiden.

Im Bereich der katholischen Kirche ist ein seit Jahrzehnten immer wiederkehrender Streitpunkt die Vorgehensweise bei der Ernennung und Weihe der katholischen Bischöfe. Im November 2010 kam es nach mehreren Jahren erstmals wieder zu einer Weihe eines katholischen Bischofs ohne vorherige Zustimmung und Erlaubnis des Papstes. In diesem Jahr wurden zwei weitere Bischöfe ohne päpstliche Zustimmung geweiht. Das hat zu einer schweren Beeinträchtigung der Beziehungen zwischen dem Vatikan und der chinesischen Regierung geführt.

Die Gläubigen werden durch diese Ereignisse stark verunsichert: Bischöfe, die ohne Erlaubnis des Papstes geweiht wurden, haben sich dadurch gemäß Kirchenrecht selbst exkommuniziert und dürfen keine Sakramente mehr spenden; auch die von solchen Bischöfen geweihten Priester dürfen das nicht. All das bringt Unruhe und Spaltungen in die Kirche hinein und bringt massive Probleme für das kirchliche Leben mit sich. Letztlich ist der chinesische Staat der Auslöser dafür, indem er die Religionsfreiheit in ernster Weise einschränkt.

Insgesamt fährt die chinesische Regierung seit ein, zwei Jahren einen sehr restriktiven und konfrontativen Kurs. Beobachter führen das auf den bevorstehenden Parteitag der Kommunistischen Partei im Jahr 2012 zurück. Dann wird auch das Zentralkomitee neu gewählt und es könnte sein, dass sich interessierte Bewerber durch größere Linientreue profilieren möchten, zum Beispiel durch einen restriktiveren Kurs gegenüber den Religionsgemeinschaften.

KIN: In welchen Ländern haben Christen zurzeit am meisten unter Diskriminierung oder Verfolgung zu leiden?

Pelster: Wir müssen unterscheiden zwischen einer systematischen Einschränkung der Religionsfreiheit, wie in den noch verbliebenen kommunistischen Staaten oder in den sich selbst ausdrücklich als religiös verstehenden Staaten wie Saudi-Arabien oder Iran, und punktuellen Verfolgungen. In Saudi-Arabien etwa ist es einzig den Muslimen, und zwar auch nur den „rechtgläubigen“ Muslimen, erlaubt, ihre Religion zu praktizieren. Das religiöse Leben der großen christlichen Minderheit von immerhin mehr als einer Million Gläubigen wird dagegen von staatlicher Seite komplett unterdrückt. Es gibt in ganz Saudi-Arabien keine einzige Kirche oder christliche Gebetstätte. Eine eigene Religionspolizei wacht streng darüber, dass ja kein christliches Symbol in die Öffentlichkeit gelangt.

Von eher punktuellen Verfolgungen sollte man bei Anschlägen auf Christen und christliche Einrichtungen reden. Leider gab es auch davon wieder einige im laufenden Jahr. Vor allem in Ägypten gab es einige schwere Anschläge auf koptische Kirchen, mit mehr als fünfzig Toten und mehreren Hundert Verletzten.

Unter ständiger Bedrohung leben die Christen nach wie vor im Irak. Weil dort nach dem Sturz des Diktators Saddam Hussein bis heute noch keine geordneten Verhältnisse wieder eingekehrt sind und der Staat bis heute noch nicht für Sicherheit sorgen kann durch eine funktionierende Polizei und Justiz, treiben dort nach wie vor terroristische Gruppen und kriminelle Banden ihr Unwesen. Darunter leidet vor allem die christliche Minderheit. Religiöse Fanatiker drängen sie dazu, zum Islam überzutreten. Auch Kriminelle versuchen immer wieder, mit der Aufforderung zur Konversion hohe Lösegelder zu erpressen.

Leider nimmt der religiöse Fanatismus inzwischen auch in Afrika zu. In Nigeria etwa machte die islamistische Bewegung „Boko Haram“ durch mehrere blutige Anschläge mit mehr als hundert Toten von sich reden. Ihr Ziel ist die Errichtung einer islamischen Gesellschaft nach der "wahren Lehre" des Islam. Deshalb fordert sie die Einführung der Scharia mit der Gesamtheit ihrer rechtlichen Bestimmungen, ohne Ausnahme. „Boko Haram“ folgt dabei einer sehr strengen Auslegung der islamischen Lehre. Vorbild ist die Taliban-Bewegung in Afghanistan. Um die „ideale“ islamische Gesellschaft errichten zu können, müssen ihrer Meinung nach alle westlichen Einflüsse ausgeschaltet werden. Daraus leitet sich auch der Name ab: „Boko Haram“ bedeutet übersetzt „westliche Bildung ist Sünde“. Die Bewegung will jeden westlichen Einfluss im Land ausmerzen: deswegen auch die Angriffe gegen die „westliche“ Religion der Christen oder der Anschlag auf das Gebäude der UNO in Nigerias Hauptstadt Abuja, bei dem Ende August mehr als zwanzig Menschen ums Leben kamen. 

KIN: Gab es Weltregionen, in denen Sie 2011 eine Verbesserung in Sachen Religionsfreiheit beobachtet haben?

Pelster: Zum Glück gibt es immer wieder auch Zeichen der Hoffnung. Das neue Gesetz zur Erleichterung des Kirchenbaus in Ägypten habe ich bereits angesprochen. Insgesamt nehmen sich Politiker in den westlichen Ländern, in den USA und jetzt auch in Europa, zunehmend des Themas der Religionsfreiheit an. Die Sensibilität ist deutlich geschärft. Ein weiteres Beispiel: In der Türkei hat die islamisch-konservative Regierung im August 2011 ein Dekret erlassen, nach dem der Staat nicht-muslimischen Stiftungen Hunderte von staatlich enteigneten Immobilien zurückgeben oder aber Entschädigungszahlungen leisten will. Sollte dieses Dekret tatsächlich umgesetzt werden, was allerdings noch abzuwarten ist, dürften auch viele christliche Gemeinden ihren ehemaligen Kirchenbesitz zurückerhalten oder zumindest finanziell entschädigt werden.