Christliche Freude und freundliches Wesen: P. Raniero Cantalamessa zum dritten Adventsonntag

Kommentar zum Adventsonntag „Gaudete“ im Lesejahr C

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ROM, 15. Dezember 2006 (ZENIT.org).- P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, betrachtet anhand der Lesungen des dritten Adventssonntags (Zef 3,14-18a; Phil 4,4-7; Lk 3,10-18) das Thema der Freude, die in ihrer irdischen Form nie vollkommen sein werde und stets Wehmut hinterlasse. Aber die wahre Freude scheine in der Freundlichkeit durch; sie bedeute ein aktives Zeugnis der Güte und Sanftmut inmitten einer von Brutalität gekennzeichneten Gesellschaft.



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Freut euch zu jeder Zeit!

Der dritte Adventssonntag ist ganz und gar vom Thema der Freude beherrscht. Dieser Sonntag wird deshalb traditionsgemäß „Gaudete“ genannt, also Sonntag des „Freut euch“, der nach den Worten des heiligen Paulus in der zweiten Lesung benannt worden ist, wo es heißt: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4,4).

In der ersten Lesung haben wir die Worte des Propheten Zefanja gehört: „Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich, und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem!“ (Zef 3,14).

Im Antwortpsalm gesellen sich zu diesem außerordentlich reichen Vokabular der Freude noch andere Bezeichnungen hinzu: „Denn meine Stärke und mein Lied ist der Herr. Er ist für mich zum Retter geworden. Ihr werdet Wasser schöpfen voll Freude aus den Quellen des Heils… Jauchzt und jubelt, ihr Bewohner von Zion“ (Jes 12,2.3 und 5-6).

Bei diesem Wort wollen wir innehalten. (Das Tagesevangelium fährt mit der Botschaft von Johannes des Täufers fort, die wir letzten Sonntag kommentiert haben). Giacomo Leopardi hat dasselbe auf wunderbare Weise in seinem Gedicht „Il sabato del villaggio“ („Samstag im Dorf“) ausgedrückt. Die größte Freude ist nicht die des Sonntags, sondern die Freude am Sonnabend; nicht die Freude beim Fest, sondern die freudvolle Erwartung auf das Fest. Das ist ein „Tag voller Hoffnung und voller Freude“; so erfüllend, weil er gerade voller Vorfreude ist.

Das Warten auf das Fest ist oft das Beste am Fest. Der Besitz des Guten bringt nichts anderes hervor als Enttäuschung und Langeweile, denn jedes endliche Gut wird als geringer erkannt als die Erwartung und ermattet; nur die Erwartung kann lebendige Freude hervorbringen. Und genauso ist die christliche Freude in dieser Welt: die Samstagsfreude, die dem Sonntag vorausgeht, der nicht zu Ende geht, weil er das ewige Leben ist.

Der heilige Paulus sagt, dass die Christen „fröhlich in der Hoffnung“ sein müssen (Röm 12,12). Damit meint er nicht nur, dass sie darauf vertrauen müssen, einmal fröhlich sein können (nämlich nach dem Tod), sondern dass sie froh sein sollen, dass sie hoffen dürfen; dass sie sich bereits jetzt freuen sollen – aus dem einfachen Grund, dass sie hoffen dürfen. Der Apostel gibt sich hier aber nicht damit zufrieden, nur ein Kommando zum Sich-Freuen zu geben; er zeigt auch, wie es eine Gemeinschaft aussehen muss, damit sie die Freude bezeugen und sie anderen gegenüber glaubwürdig sichtbar machen kann. Er sagt: „Eure Güte werde allen Menschen bekannt“ (Phil 4,4). Das griechische Wort, das wir mit „Güte“ übersetzen, bedeutet eine ganze Reihe von Haltungen: angefangen bei der Güte über die Fähigkeit, nachgeben zu können und freundlich zu sein, tolerant und einladend. Wir könnten dies alles mit „Freundlichkeit“ übersetzen.

Vor allem ist es notwendig, den menschlichen Wert dieser Tugend neu zu entdecken. Freundlichkeit ist eine Tugend, die bedroht ist, die in der Gesellschaft, in der wir leben, Gefahr läuft auszusterben. Die sinnlose Gewalt in Film und Fernsehen, die vorsätzlich vulgäre Sprache, dieses Rennen um die Ausweitung der Grenzen des Tolerierbaren in dem, was Brutalität und Sex angeht, lassen jeden Ausdruck von Hässlichkeit und Vulgarität in der Öffentlichkeit zur Gewohnheit werden.

Die Freundlichkeit aber ist ein Balsam für unsere menschlichen Beziehungen. In der Familie lebte es sich viel besser, wenn es nur ein wenig mehr Freundlichkeit gäbe in Gesten, Worten und vor allem in den Regungen des Herzens. Nichts löscht die Freude so sehr aus wie ein ruppiger Umgang: „Eine sanfte Antwort“, so heißt es in der Heiligen Schrift, „dämpft die Erregung, eine kränkende Rede reizt zum Zorn… Eine sanfte Zunge ist ein Lebensbaum, eine falsche Zunge bricht das Herz“ (Spr 15,1.4). „Sanfte Rede erwirbt viele Freunde, freundliche Lippen sind willkommen“ (Sir 6,5). Ein freundlicher Mensch hinterlässt, wohin sie auch geht, eine Spur der Sympathie und der Bewunderung.

Neben diesem menschlichen Wert müssen wir auch den evangeliumsgemäßen Wert der Freundlichkeit wiederentdecken. In der Bibel haben die Bezeichnungen „Milde“ und „Sanftmut“ nicht die passive Bedeutung von „unterwürfig“ oder „ergeben“, sondern meinen aktiv einen Menschen, der den anderen mit Respekt, Höflichkeit und Güte begegnet.

Freundlichkeit ist vor allem für denjenigen unerlässlich, der den anderen helfen will, Christus zu entdecken. Der Apostel Petrus ermahnte die ersten Christen, stets bereit zu sein, „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“; er jedoch sofort hinzu: „Aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig“ (1 Petr 3,15), was soviel bedeutet wie das, was wir Freundlichkeit nennen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]