Christoph Kardinal Schönborn: Ist der Mensch die "Krone der Schöpfung"?

Sechste Katechese über "Schöpfung und Evolution" im Wiener Stephansdom

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ROM, 14. März 2006 (ZENIT.org).- Im Rahmen der Katechesenreihe "Schöpfung und Evolution" ging Christoph Kardinal Schönborn, Erzbischof von Wien, am Sonntagabend im Wiener Stephansdom der Frage nach: "Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst?"



Den Menschen als "Krone der Schöpfung" zu bezeichnen, klinge heute in den Ohren vieler Menschen wie eine hochmütige Selbstüberschätzung, erklärte Kardinal Schönborn. Und das, obwohl Gläubige wie Nichtgläubige gemäß dem Zweiten Vatikanischen Konzil darin übereinstimmten, dass "alles auf Erden auf den Menschen hin zu ordnen ist".

Jetzt, zu Beginn des dritten Jahrtausends, stelle sich deshalb mit neuer Aktualität die Frage: "Ist der Mensch innerstes Ziel des gigantischen Werdeprozesses der Welt oder ein Etwas, das an den Rand des Universums gedrängt wurde?" Fest stünde lediglich, dass der Mensch jener Punkt des Universums sei, in dem sich das Universum gedanklich widerspiegeln könne.

Der Kardinal gab zu Bedenken, dass all jene großen Themen, die in Zusammenhang mit der Menschenwürde und den Menschenrechten stehen, um diese Fragen kreisten. Und ihnen dürfe man nicht durch ein Gegeneinander der Religion und der Wissenschaft begegnen, sondern in einem gemeinsamen Bemühen des Denkens, Forschens und Glaubens.

Die Sicht des Philosophen Kelsos, der den Menschen als Teil eines größeren Ganzen gesehen hatte, habe etwas Faszinierendes an sich, so Kardinal Schönborn. "Ich bin nicht nur Teil der Welt. Ich kann ihr gegenübertreten, über sie nachdenken." Nur der Mensch könne sich für seine Verwandtschaft mit den Schimpansen interessieren und habe sogar die Freiheit, seinen Unterschied zum Schimpansen zu leugnen. Denn dazu brauche es Geist, Vernunft und Willen. "Die evolutionäre Erkenntnistheorie, die die menschliche Erkenntnisfähigkeit nur auf evolutionäre Anpassungs- und Überlebensfähigkeiten herleiten will, unterliegt so einem Trugschluss", ist Kardinal Schönborn überzeugt. Das Gehirn ermögliche zwar den Geist, sei aber nicht identisch mit ihm.

In der christlichen Tradition werde der Geist "Seele" genannt, und diese könne nicht Produkt der Materie sein. Kardinal Schönborn bekräftigte in diesem Zusammenhang, dass die Seele von Gott geschaffen ist. Diese Tatsache sei freilich Glaubenslehre und lasse sich wissenschaftlich weder widerlegen noch beweisen, räumte er ein. Aber auch wenn die Seele von Gott geschaffen ist, stelle sich noch immer die Frage, ob der Mensch deshalb auch die Krone der Schöpfung sei. Die rabbinische Antwort auf diese Frage sei: Der Mensch habe keinen Grund hochmütig zu sein, da er erst am 6. Tag erschaffen und somit sogar die Fliege vor ihm erschaffen worden sei.

Die nächste Katechese wird Kardinal Schönborn am Sonntag, dem 2. April 2006, zum Thema "Alles ist auf Ihn hin geschaffen. Christus – Zielpunkt der Schöpfung" halten. Im Mittelpunkt seiner fünften Katechese stand die Schöpfung einer Welt, in der es Leid und Schmerz gibt, in der vierten spürte der Kardinal dem unerfassbaren, aber erahnbaren Wirken Gottes in der Schöpfung nach.