Christoph Kardinal Schönborn über Mission als zentrales Thema im interreligiösen Dialog

\"Die Mission ist Zeichen der Vitalität der Religionen, sie birgt aber auch ein großes Konfliktpotential\"

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WIEN, 17. November 2005 (ZENIT.org).- Aus Anlass der internationalen Konferenz über den \"Islam in einer pluralistischen Welt\", die vom 14. bis zum 16. November in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien getagt hat, ging Christoph Kardinal Schönborn in einem Vortrag der grundlegenden Frage nach, ob es zwischen zwei missionarischen Religionen wie dem Islam und dem Christentum überhaupt einen Dialog geben könne. Dabei betonte der Wiener Erzbischof: \"Als Religionen mit Missionsauftrag sind wir, so bin ich überzeugt, vor Gott und der Welt verantwortlich dafür, dass wir die Gemeinsamkeiten unserer Missionsaufträge suchen und sie auch gemeinsam praktizieren.\"



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Meine Damen und Herren!
Geschätzte Gäste!

Gott gebe uns heute Vormittag ein gutes Gespräch, gute Gedanken und gute Schlussfolgerungen!

Im Jahr 2001 durfte ich Gast der religiösen Autoritäten des Iran sein. Unter anderem hielt ich einen Vortrag an der islamischen Imam-Sadiq-Universität in Teheran. Es war in dem von Präsident Khatami angeregten und von der UNO ausgerufenen \"Jahr des Dialogs der Kulturen\". So nahm ich dieses Thema auch zum Thema meines Vortrages. Ich begann gleich mit der schwierigsten Frage, die ich auch an den Anfang dieses kleinen Gesprächsbeitrages stellen möchte:

Kann es zwischen missionarischen Religionen einen Dialog geben? Dialog wird oft als Gegensatz zur Mission gesehen: entweder Mission oder Dialog. Nun sind unsere beiden Religionen eindeutig missionarisch. Das zeigt ihre ganze Geschichte, ihre Gegenwart und vor allem ihre Gründungsgeschichte. Da ich weder Politiker noch Diplomat bin, glaube ich, dieses Thema, das sicher zu den heikelsten zählt, aber zum Kern unseres jeweiligen religiösen Selbstverständnisses gehört, ansprechen zu müssen.

In der christlichen Bibel steht am Schluss des Matthäusevangeliums, der universale Sendungsauftrag, den Jesus vor seiner Himmelfahrt den Aposteln und damit den Christen gegeben hat. Jesus sagt: \"Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie ... und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: ich bin bei euch, alle Tage, bis zum Ende der Welt\" (Mt 28,19-20). Tatsächlich haben die Christen von Anfang an versucht, diesen Auftrag Jesu zu erfüllen; sie tun es bis heute, und täten sie es nicht, dann wären sie dem Auftrag ihres Stifters untreu.

Aber auch der Islam versteht sich als missionarische Religion: In der Offenbarung des Korans sei der Weg gewiesen, der allen Menschen von Gott zugedacht ist. Alle Menschen sollen ihn kennen lernen und sich so für den wahren Weg entscheiden können. Tatsächlich war auch der Islam vom ersten Moment an missionarisch und ist es auch heute, und wäre er es nicht, so würde er sich selber verraten.

Wie soll da ein Dialog zwischen unseren Religionen gedeihen? Wird er nicht immer nur ein strategischer Zwischenschritt auf dem Weg der Weltmission sein? Wird er nicht immer von den eifrigen Vertretern beider Religionen nur als \"weiche Lösung\" gesehen und verachtet werden? Wird auch bei den offensten Vertretern unserer beiden Religionen nicht doch im Innersten immer die geheime Sehnsucht da sein, den anderen überzeugen zu können? Wird nicht immer die geheime oder die ganz offen ausgesprochene Hoffnung dahingehen, dass einmal alle Menschen, oder wenigstens möglichst viele, die Schönheit, die Wahrheit, die Gutheit der eigenen Religion erkennen und sich daher zum Islam beziehungsweise zum Christentum bekennen? Ist das so verwunderlich, wenn wir annehmen, dass unsere jeweilige Religion die endgültige und daher allgültige Offenbarung des Willens Gottes für die Menschen darstellt?

Tatsächlich spielt die Frage der Mission eine oft unausgesprochene, aber entscheidende Rolle, die auch in dieser Konferenz nicht fehlen darf. Wie sollen wir diese delikate und essenzielle Frage angehen? Möglichst realistisch! Denn der Realismus ist eine gute Dialogbasis.

Weder das Christentum noch der Islam sind Monolithen. Die Christenheit lebt, wie der Islam, in einer Vielfalt von Richtungen, die sich zum Teil heftigst bekämpft haben und immer noch bekämpfen. Einig sind sich alle in der Grundüberzeugung, dass Mission Teil ihrer Religion ist. Uneinigkeiten bestehen hüben und drüben über die Methode, den Weg der Mission. Ob Mission nur den Weg der persönlichen Überzeugung des anderen gehen darf oder sich auch politischer, militärischer, wirtschaftlicher Druckmittel bedienen darf, darauf haben Christentum und Islam in ihrer konfliktreichen aber auch kontaktreichen Geschichte sehr unterschiedliche Antworten gegeben. Wir haben einander nicht viel vorzuwerfen, wenn wir ehrlich mit unserer jeweiligen Missionsgeschichte umgehen. Sie war wahrhaftig nicht immer ein Ruhmesblatt der Toleranz und des Dialoges.

Wird das heute anders sein? Gestatten Sie mir zu sagen, dass die Missionsfrage auch heute eine der Schlüsselfragen für den Dialog der Religionen darstellt. Wird es gelingen, die missionarische Dynamik, die wesentlich zu unseren Religionen gehört, mit den Grundhaltungen des Respekts vor dem Gewissen des anderen, vor der Religionsfreiheit und der Toleranz zu verbinden?

Gestatten Sie mir, einige Beispiele zu nennen, die unsere Unruhe und Sorge erwecken, auf verschiedenen Seiten, und die Zweifel am Erfolg des Dialogs aufkommen lassen. Die gewaltigen Fortschritte der islamischen Mission in Afrika sehen viele Christen mit Sorge. Die stark gewachsene Radikalisierung hinduistischer Kreise in Indien besorgt viele Muslime und auch Christen. Die Buddhisten (und auch die Christen) in Sri Lanka sind besorgt über den Fortschritt der islamischen Mission. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Dazu kommen die Sorgen über die Missionsaktivitäten bestimmter Gruppen innerhalb unserer Religionsgemeinschaften. In Lateinamerika ist die katholische Kirche tief besorgt über die rapiden Fortschritte der zum Teil fundamentalistischen christlichen Gruppen, besonders aus den USA, die Millionen von Katholiken abwerben, was auch erhebliche politische Konsequenzen hat. Ich denke, ähnliche Sorgen gibt es innerhalb des Islam, in dem so genannte \"Fundamentalisten\" die religiöse und gesellschaftliche Lage verändern und radikalisieren.

Diese wenigen Hinweise genügen, um daran zu erinnern, dass die Missionsfrage sowohl innerhalb unserer Religionsgemeinschaften als auch zwischen ihnen zu den Hauptpunkten der Agenda unseres Dialogs gehören sollten. Die Mission ist Zeichen der Vitalität der Religionen, sie birgt aber auch ein großes Konfliktpotential.

Es wäre völlig müßig, im Dialog zu verlangen, auf Mission zu verzichten. Dieser Verzicht wäre die Selbstaufgabe unserer Religionen. Wir müssen uns auch bewusst sein, dass die missionarische Dynamik unserer Religionen für nicht wenige Zeitgenossen der Grund für ihre Ablehnung der Religionen ist. Sie sehen in ihnen zu viel Potenzial an Intoleranz und Konflikten.

Was können wir tun, um mit dem Missionsauftrag unserer Religionen so umzugehen, dass wir ihm einerseits nicht untreu werden, andererseits aber seine Kompatibilität mit den Anforderungen einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft fördern?

Lassen Sie mich für diese wichtige Agenda drei Aufgaben formulieren:

1. Wir brauchen innerhalb des Christentums, des Islam (und anderer Religionsgemeinschaften) einen klärenden Dialog über die Frage, was unser konstitutiver Missionsauftrag bedeutet. Was ist im Sinne Jesu, was ist im Sinne des Korans Mission? Wie soll, wie darf Mission geschehen? Wie steht sie zur Gewissens- und Religionsfreiheit? Wie stellt sie sich auf die Herausforderungen einer pluralistischen Welt ein?

2. Innerhalb unserer jeweiligen Religionsgemeinschaften gibt es einen erheblichen Dialog- und Klärungsbedarf über die \"Proselytismus\"-Frage. Christen werfen Christen vor, sie würden sich gegenseitig \"missionieren\" und abwerben. Diese Frage ist ein Dauerthema zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche. Ich denke, es ist ein großes Thema in der weltweiten islamischen Gemeinschaft. Noch vor wenigen Tagen wurde mir wieder bestätigt, was ich selber von muslimischen Verantwortlichen in Indonesien Anfang des Jahres gehört habe: die Sorge um den \"Proselytismus\" radikaler oder fundamentalistischer Gruppen im indonesischen Islam.

3. Wir brauchen einen interreligiösen Dialog über die Frage der Mission, der unsere Missionsgeschichte betrachtet (die weiß Gott nicht nur dunkle Seiten hat, sondern auch großartige, kreative und positiv prägende!), der unsere gegenseitigen Sorgen offen auf den Tisch legt, der Gefahren der Intoleranz, der Verletzungen der Religionsfreiheit offen benennt und zum Gegenstand gemeinsamer Korrekturbemühungen macht.

Diese drei Punkte gehören auf die Agenda der nächsten Jahre – dringend und ohne zu zögern. Aber es gibt einen vierten Punkt, der uns wahrscheinlich am Besten bei dieser Agenda helfen kann: Als Religionen mit Missionsauftrag sind wir, so bin ich überzeugt, vor Gott und der Welt verantwortlich dafür, dass wir die Gemeinsamkeiten unserer Missionsaufträge suchen und sie auch gemeinsam praktizieren: Hat der Allmächtige uns nicht allen durch Offenbarung und die Stimme des Gewissens die heilige Pflicht gegeben, überall für die Gerechtigkeit einzutreten, Not zu lindern, Armut zu bekämpfen, Bildung zu fördern, die Tugend des Zusammenlebens zu stärken und so zu einer humaneren Welt beizutragen? Einmal werden wir vor Gott darüber Rechenschaft ablegen müssen, ob wir gemeinsam unsere Mission erfüllt haben. Und wir werden darüber Rechenschaft geben müssen, ob wir den vielen Menschen, die nicht an Gott glauben können, ein glaubwürdiges Zeugnis über den Glauben an Gott gegeben haben oder ob wir durch unsere Konflikte den Atheismus verstärkt haben.

Möge unser Dialog uns diese Verantwortung bewusst machen!

[Von der Erzdiözese Wien veröffentlichtes Original]