Christsein nach Joseph Ratzinger

Seminar an der Päpstlichen Lateranuniversität: Chancen und Gefahren neuer geistlicher Bewegungen

| 1341 klicks

Von Jan Bentz

ROM, 1. März 2012 (ZENIT.org). – Prof. Achim Buckenmaier, Dozent für Dogmatik und Direktor des Lehrstuhles für „Theologie des Volkes Gottes“ an der Päpstlichen Lateranuniversität, leitet eine Seminarreihe, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Theologie Joseph Ratzingers zu vertiefen und zugänglich zu machen. Die Seminarreihe gründet sich auf dem Buch „Einführung in das Christentum“ von Joseph Ratzinger, das 1968 zum ersten Mal erschienen ist. Sie trägt den Titel: „Im Dialog mit den sechs ‚Strukturen des Christseins‘ von Joseph Ratzinger“, wie sie im zentralen Kapitel der „Einführung in das Christentum“ beschrieben werden. Unten den Reizthemen, die in dieser Seminarreihe behandelt werden, sind: Neue Bewegungen in den Pfarreien; Priester ohne Zölibat?; die Sünde, die Fälle von Pädophilie und die pastoralen Konsequenzen; die ungelöste Frage der Befreiungstheologie; Lehramt und Wissenschaft, Tradition und neue Sprache.

Prof. Buckenmaier liegt besonders am Herzen, bei der Seminargestaltung die teilnehmenden Studenten zu Wort kommen zu lassen, eine in Rom eher weniger verbreitete Lehrmethode.

Am gestrigen Donnerstag, dem 29. Februar, stand in der zweiten Ausgabe der Seminarreihe das Thema: „Neue Bewegungen und ihre Stellung im Pfarrleben“ im Mittelpunkt.

In seiner kurzen historischen Einführung erklärte Buckenmaier, dass das Buch „Einführung in das Christentum“ sich in eine Serie von „Wesensbeschreibungen“ des Christentums einreihe, angefangen von Feuerbach („Das Wesen des Christentums“, 1841), über Harnack („Das Wesen des Christentums“, 1900), und Leo Baeck, der im Jahr 1905 im jüdischen Umfeld ein Werk mit dem Titel: „Das Wesen des Judentums“ verfasst hatte. Auch Karl Adam schrieb ein Buch in demselben Forschungsbereich „Das Wesen des Christentums“, das 1924 veröffentlicht wurde.

Besonders beeindruckend sei, dass Ratzinger schon zur Zeit der ersten Veröffentlichung seiner „Einführung“ im Jahr 1968 die Probleme der Kirche klar erkannt oder sogar vorausgesehen habe. Er habe beispielsweise sein Buch besonders auch für „Nicht-Gläubige“ geschrieben und damit bereits die Grundlagen für den interreligiösen Dialog oder den Umgang mit der Gnosis und Agnostikern gelegt.

Buckenmaier kommentierte, dass gerade im geschichtlichen Kontext deutlich werde, dass bei der Entwicklungsbewegung von Doktrinen und Lehren der Rückbezug auf den zentralen Kern eines religiösen Systems (wie dem Christentum) in den Mittelpunkt des Interesses rücke.

Die ganze christliche Religion beziehe sich auf das „Ganze“, auf die ganze Schöpfung, aber sie sei auf einen einzelnen Mittelpunkt konzentriert, nämlich auf Jesus Christus. Das neue Aufleben des Glaubens an Jesus Christus werde besonders in den neuen geistlichen Bewegungen der Kirche spürbar, die  sich im Spannungsfeld zwischen den beiden „Polen“ – dem Ganzen und dem Einzelnen - befänden.

Dazu gehörten in der nachkonziliaren Zeit vor allem der Neokatechumenale Weg, die Bewegung „Comunione e Liberazione“ (CL) und die charismatischen Bewegungen. Zu den kirchlichen Dokumenten, die sich mit diesen neuen Strukturen innerhalb der Kirche auseinandersetzten, gehöre beispielsweise „Pastor Bonus“ von Johannes Paul II. Aber auch in der Philosophie fänden sich Anhaltspunkte für diese neuen Bewegungen. Der hl. Thomas von Aquin beispielsweise halte daran fest, dass das missionarische Leben von höherer Bedeutung sei als das rein kontemplative Leben.

Ein weiterer Aspekt der Geschichte vieler neuer Gründungen sei, dass sie auf den einschneidenden Verlust eines Gemeinschaftsgefühls antworteten, der eine Wirkung des zweiten Weltkrieges sei. Historisch gesehen seien Probleme immer dann entstanden, wenn eine neue Bewegung in die Städte eingezogen sei. Das gelte bereits für die alten sogenannten Bettelorden, aber auch für die neuen Bewegungen. Schon damals hätten sich die Bischöfe darüber beschwert, dass die Gläubigen aus den Pfarreien verschwunden seien, um in Scharen zu den guten Predigern, wie den Dominikanern, zu strömen.

Die Untersuchung drehe sich also um drei Punkte, den Einzelnen, das Ganze und deren Vermittlung, die in Jesus Christus ihren Höhepunkt finde, erklärte Prof. Buckenmaier. Die Vermittlung finde also in einer Person statt, im fleischgewordenen Gott. Mit der Leiblichkeit Christi sei auch die Leiblichkeit der Kirche erfasst.

Buckenmaier sprach auch die beiden Gefahren der neuen Bewegungen in der Kirche an. Eine Gefahr bestehe darin, dass in den neuen Gemeinschaften der Schwerpunkt auf der Gruppe liege, auf der Gemeinschaft, der Einzelne dagegen untergehe. Auf der anderen Seite sei aber der Einzelne  in Gefahr, sich selber in einer verstärkten Individualisierung zu verabsolutieren, etwas, was deutlich generell  in der gegenwärtigen Zeit im Subjektivismus und einem übertriebenen Individualismus aufzufinden sei.

Die einzelne Bewegung insgesamt wiederum stehe in der Gefahr, sich gegen das „Ganze“ der Kirche „abzuschotten“ und somit ihr einzelnes Mitglied nicht mehr dem „ganzen“ Glauben zu öffnen, sondern nur noch einer Parzelle, nämlich der jeweiligen Spiritualität.

Damit schloss das Seminar und machte „Lust“ auf die folgenden. Die Seminarreihe in den Räumen der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom steht allen Besuchern offen (ZENIT berichtete).