Christsein ohne Kirche?

Fastenhirtenbrief von Bischof Kurt Koch

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BASEL, 7. März 2009 (ZENIT.org).- „Unser Glauben ist immer Mit-Glauben mit der Kirche“, schreibt der Basler Diözesanbischof und Vorsitzende der Schweizer Bischofskonferenz Kurt Koch in seinem aktuellen Bischofswort zur Österlichen Bußzeit.

„Von der Taufe her wird uns neu bewusst, dass unser Christsein nicht nur eine individuelle Wirklichkeit und subjektive Entscheidung des Einzelnen ist, sondern auch etwas sehr konkret Gemeinschaftliches, nämlich das Leben in der Familie der Kirche.“ Bischof Koch zeigt auf, warum Christsein und kirchliche Gemeinschaft zusammengehören.

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Liebe Schwestern und Brüder

„Ein Christ ist kein Christ.“ Mit diesem kurzen und prägnanten Satz hat bereits am Beginn des dritten Jahrhunderts der afrikanische Kirchenschriftsteller Tertullian zum Ausdruck gebracht, dass man nicht allein, sondern nur in der Gemeinschaft der Kirche Christ sein kann. Diese Aussage versteht sich heute keineswegs mehr von selbst, zumal in einer gesellschaftlichen Atmosphäre wie der heutigen, die von einem starken Individualisierungsschub und einer Konzentration auf den einzelnen Menschen und seine Selbstbestimmung geprägt ist. Man kann dabei zunehmend den Eindruck gewinnen, dass jeder Mensch eine Insel des eigenen Fühlens und Denkens zu werden droht und dass diese Inseln manchmal nur noch wenig Verbindung miteinander und mit dem Festland haben. Diese Mentalität wirkt sich auch in der Kirche aus und artikuliert sich vor allem in einem Slogan, der seit einigen Jahrzehnten Mode geworden ist und besagt: „Jesus ja – Kirche nein“.

Gottes Ruf in die Kirche
Dieser Slogan steht freilich quer zur biblischen Botschaft, wie sie uns in den heutigen Verkündigungstexten vor Augen tritt: In der alttestamentlichen Lesung aus dem Buch Genesis steht der Bund im Vordergrund, den Gott nach der Sintflut mit Noach und seinen Söhnen schliesst, der aber letztlich auf die ganze Menschheit zielt. Dies wird vor allem im Bundeszeichen des Regenbogens deutlich, der für alle Menschen sichtbar ist und von dem Gott ausdrücklich sagt, er solle das Bundeszeichen „zwischen mir und der Erde“, „zwischen mir und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch“ sein (Gen 9, 13 und 15). In der ganzen alttestamentlichen Heilsgeschichte zielt Gottes Ruf auf sein Volk und auf einzelne Menschen nur insofern, als sie zu einem besonderen Dienst in und an diesem Volk berufen werden.

Diese universale Linie setzt sich auch im Wirken Jesu fort, der im heutigen Evangelium seine Botschaft in zwei kurzen Sätzen zusammenfasst: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1, 15). Zum Kommen des Reiches Gottes in unserer Welt gehört bereits in der jüdischen Überzeugung die Sammlung und Reinigung der Menschen für das Reich Gottes; und das inständige Gebet um diese Sammlung zum Reich Gottes war ein zentraler Inhalt des Betens des Volkes Gottes in der spätjüdischen Zeit. Von daher sieht sich Jesus in der Zeit der Erfüllung dieses Betens und stellt sein ganzes Leben in den Dienst der Sammlung des endzeitlichen Gottesvolkes.

Die Versammlung des neuen Gottesvolkes ist die Kirche. Jesus Christus als der Verkünder des Reiches Gottes und Kirche als Sammlung für das Reich Gottes gehören unlösbar zusammen. Zwischen Christus und der Kirche kann es keinen Wider-spruch geben, und zwar trotz der vielen Sünden der Menschen, die die Kirche bilden. Der Slogan „Jesus ja – Kirche nein“ ist deshalb mit der Intention Jesu nicht zu vereinbaren und deshalb nicht biblisch, (wie Papst Benedikt XVI. eindringlich betont hat: „Dieser individualistisch ausgesuchte Jesus ist ein Phantasie-Jesus. Wir können nicht Jesus ohne die Wirklichkeit haben, die er geschaffen hat und in der er sich mitteilt. Zwischen dem fleischgewordenen Sohn Gottes und seiner Kirche gibt es eine tiefe, un-trennbare und geheimnisvolle Kontinuität, kraft derer Christus heute in seinem Volk gegenwärtig ist.“ )

In Treue zur Intention des Wirkens Jesu und im Anschluss an die jüdische Synagoge hat sich die werdende Kirche als „Ekklesia“ verstanden, was genau übersetzt die „Herausgerufene“ heisst. Die werdende Kirche hat dabei Mass genommen an den Volksversammlungen Israels, als deren Urbild die Sinaiversammlung galt. Von daher betrachtete sich die werdende Kirche als die von Gott zusammengerufene Versammlung, die vor allem zusammen kommt, um das Wort Gottes zu hören und Eucharistie zu feiern. Das Wort „Ekklesia“ weist zentral auf den christlichen Kult und damit auf jene Versammlung hin, die sich von Christus zur gottesdienstlichen Gemeinschaft zusammenrufen lässt, und macht so sichtbar, dass Kirche im Kern Gottesdienstgemeinschaft ist.

Kirche als Lebensraum der Getauften
Die enge Zusammengehörigkeit von Christus und Kirche wird uns in der Heiligen Schrift mit verschiedenen Bildern nahe gebracht. Paulus verwendet vor allem das Bild vom Leib Christi, der viele Glieder hat und dessen Haupt Christus ist. Noch intimer ist das Bild vom Weinstock, das Johannes verwendet und damit die Getauften als Reben bezeichnet, die nur in der Verbindung mit dem Weinstock Frucht bringen können. (Ebenso tief ist das Bild vom Tempel des Heiligen Geistes, in dem Gottes Geist selbst wohnen will und von dem der Heilige Augustinus sagt: „Willst auch du vom Geist Christi leben? So sei im Leib Christi.“)

Diese sprechenden Bilder weisen darauf hin, dass die Kirche nicht einfach eine Organisation wie andere gesellschaftlichen Institutionen ist, dass sie vielmehr ein lebendiger Organismus ist, in dem die Getauften voneinander und füreinander und alle gemeinsam von Dem leben, Der für uns gelebt und gelitten hat und uns durch seinen Geist an sich zieht und zur Gemeinschaft der Kirche zusammenführt. Die Kirche ist deshalb der Lebensraum, der den Glaubensentscheidungen der Einzelnen bereits voraus liegt und in den sie eintreten.

Dies wird vor allem sichtbar in der Taufe. Denn niemand kann sich selbst taufen und zum Christen machen. In der Taufe wird der einzelne Mensch vielmehr in die Kirche aufgenommen, die aus vielen Völkern besteht und die uns im Zeichen des Wassers eine erfreuliche Verheissung zuspricht. In allen grossen Religionen ist das Wasser Symbol für Leben, Fruchtbarkeit und Mutterschaft. In der christlichen Kirche steht dabei das Wasser für den Mutterschoss der Kirche, weshalb Tertullian das erstaunliche Wort sagen konnte: „Christus ist nie ohne Wasser.“ Er wollte damit die christliche Überzeugung ausdrücken, dass Christus nie ohne die Kirche, die Mutter der Glaubenden ist. Denn wenn wir in der Taufe als Töchter und Söhne Gottes adoptiert werden, dann werden wir zugleich in die neue Familie Gottes aufgenommen, die in der Kirche Gestalt angenommen hat.

Von der Taufe her wird uns neu bewusst, dass unser Christsein nicht nur eine individuelle Wirklichkeit und subjektive Entscheidung des Einzelnen ist, sondern auch etwas sehr konkret Gemeinschaftliches, nämlich das Leben in der Familie der Kirche. Die Taufe bedeutet nicht nur den Übertritt eines Menschen zum christlichen Glauben, sondern auch seinen Eintritt in die Glaubensgemeinschaft der Kirche. Die Grundberufung des Christen und der Christin besteht aufgrund von Taufe und Firmung darin, Glieder des Leibes Christi zu werden und als solche zu leben.

Das „Wir“ des Glaubens und Betens

Die Gemeinschaft der Kirche ist dem Einzelnen vorgegeben, und unser Glauben ist immer Mit-Glauben mit der Kirche. Dies lässt sich an zwei weiteren grundlegenden Sachverhalten im kirchlichen Leben verdeutlichen. Ohne die Kirche gäbe es erstens die Bibel nicht. Ohne die Kirche wäre sie nichts anderes als eine geschichtliche Literatursammlung von Schriften oder ein erst nachträglich zusammengeschnürtes Paket von 73 Büchern, dessen Entstehung sich durch ein ganzes Jahrtausend hindurch gezogen hat. Aus dieser Literatursammlung ist die Bibel als „ein“ Buch erst und nur durch das in der Geschichte wandernde Volk Gottes geworden, das die Heilige Schrift als Einheit hört oder liest. Wenn die Bibel in diesem grundlegenden Sinn ein Buch der Kirche ist, versteht es sich auch von selbst, dass der privilegierte Ort, an dem wir das Wort Gottes gemeinsam hören, die Liturgie der Kirche ist.

In dieselbe Richtung zielt zweitens auch das Gebet, das uns Jesus hinterlassen hat. Bereits der Umstand, dass die Jünger Jesu auf ihn zukommen und von ihm ein Gebet erbitten, deutet auf Gemeinschaft hin. Denn bei den religiösen Gruppierungen in der Umwelt Jesu war die eigene Gebetsordnung ein wesentliches Kennzeichen ihrer Gemeinschaft. Aber auch am Inhalt des Vaterunser wird deutlich, dass es sich um ein gemeinsames Gebet der neuen Familie Jesu handelt. Denn „Vater“ kann nur sagen, wer auch „unser“ sagen kann.

In den vergangenen Jahrzehnten ist viel darüber nachgedacht werden, was das Vater-Sein Gottes bedeutet. Heute jedoch ist es notwendig, uns auf das „Wir“ des Herrengebetes zu besinnen, (wie dies Jean Calvin, der Reformator von Genf, dessen 500. Geburtstag wir in diesem Jahr begehen, getan hat: „Der Christenmensch muss seine Gebete nach der Regel richten, dass sie auf die Gemeinschaft bezogen sind und alle umfassen, die in Christus seine Brüder sind. Damit schliesst er nicht nur ein, die er gegenwärtig als seine Brüder um sich sieht, sondern alle Menschen, die auf der Erde leben.“).

Christus-Sonne und Mond-Kirche
In diesem stellvertretenden Gebet für alle Menschen nimmt die Kirche das gemeinsame Priester-tum aller Getauften wahr. Und nur solches universales Beten kann verhindern, dass die notwendige Rückbesinnung auf die Kirche als Lebensraum des Christseins nicht zu einem Kreisen der Kirche um sich selbst führt, wie wir dies heute teilweise erleben. Denn eine Kirche, die sich vorwiegend selbst anschaut, wird glanzlos oder, wie es ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wer auf sich selbst sieht, leuchtet nicht.“

Die Kirche ist aber dazu da, dass sie leuchtet, freilich nicht ihr eigenes Licht ausstrahlt, sondern jenes Licht reflektiert, das Christus selbst ist. Es muss bleibend zu denken geben, dass die Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche mit dem Satz beginnt: „Christus ist das Licht der Völker.“ Das erste Wort in der neuen Familie der Kirche heisst nicht Kirche, sondern Christus. Nur weil Christus das Licht der Welt ist, gibt es auch den Spiegel dieses Lichts, nämlich die Kirche, die sein Leuchten weitergibt.

Die Kirche darf sich nicht selbst sonnen wollen, sondern muss sich damit zufrieden geben, Mond zu sein, und auf Christus als die wahre Sonne hinzuweisen. Wie der Mond sein ganzes Licht von der Sonne empfängt, um es in die Nacht hinein strahlen zu lassen, so hat auch die Kirche kein eigenes, sondern von Christus herkünftiges Licht und besteht ihre Sendung darin, das Licht der Christussonne in die Weltnacht der Menschen hinein zu strahlen und den Menschen erleuchtende Hoffnung zu schenken.

In diesem Licht Jesu Christi können wir auch mit den menschlichen Schwächen der Kirche, freilich auch mit den eigenen Fehlern, unbefangener umgehen, wie dies der grosse Humanist Erasmus von Rotterdam mit den Worten ausgesprochen hat: „Ich ertrage diese Kirche, bis ich eine bessere sehe; und sie ist gezwungen, mich zu ertragen, bis ich besser werde.“ Nur wenn wir beides beherzigen, leben wir ehrlich in der Kirche und können wir uns auch für die positive Seite des zu Beginn zitierten Satzes von Tertullian, dass ein Christ kein Christ ist, öffnen, und diese heisst: Ein Christ ist nie allein, weil er in der Gemeinschaft der Kirche als Leib Christi und vor allem in der Verbundenheit mit Christus selbst leben darf. Indem wir uns in dieses Lebensgeheimnis der Kirche vertiefen, entsprechen wir der Einladung der Österlichen Busszeit, die ihren Sinn auch darin hat, als jährliche Exerzitien für die ganze Kirche zu dienen.

Dazu entbiete ich Ihnen meine besten Segenswünsche

+ Kurt Koch
Bischof von Basel

Solothurn, Österliche Busszeit 2009

[Vom Bistum Basel veröffentlichtes Original]