Christus ist der Erlöser der ganzen Menschheit

Interview mit Angela Ales Bello von der Päpstlichen Lateranuniversität

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ROM, 10. April 2009 (ZENIT.org).- Dreißig Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Enzyklika von Papst Johannes Paul II., Redemptor Hominis, vertieft die Kirche noch immer ihr Verständnis für die Bedeutung dieses Dokuments, meint die Philosophieprofessorin Angela Ales Bello. Letzten Monat nahm sie am Kongress „30 Jahre nach ‚Redemptor Hominis’: Gedächtnis und Prophetie“ an der Päpstlichen Lateranuniversität teil und hielt dabei einen Vortrag über den Personalismus Karol Wojtylas.

Im folgenden Interview mit ZENIT geht Bello auf die Enzyklika Johannes Pauls II. und seine Überzeugung ein, dass Christus der Schlüssel zum Verständnis des Menschen ist. Bello ist Professor für die Geschichte der zeitgenössischen Philosophie an der Lateranuniversität.



ZENIT: Was sind die Grundlagen von „Redemptor Hominis”?

Bello:
Zweifellos steckt die gesamte Tradition der katholischen Kirche hinter dieser Enzyklika, angefangen von den Kirchenvätern. Freilich: Das Zweite Vatikanische Konzil im Besonderen widmete dem Volk Gottes große Aufmerksamkeit. Es gab der Gemeinschaft eine beträchtliche Funktion, und diese wichtige Komponente kommt wieder in dieser Enzyklika vor.

ZENIT: Welchen Beitrag leistet diese Enzyklika zur Christologie?

Bello:
Sie ist von fundamentaler Bedeutung, denn sie setzt im Wesentlichen die Betrachtung der Person Christi und seiner menschlichen und göttlichen Einheit fort. Im Hinblick auf diese Einheit wird ein großartiges Verständnis des Menschen möglich, das durch das Licht Christi erhellt wird.

Bereits im Titel „Erlöser des Menschen“ sieht man die besondere Funktion [des Erlösers], die in der Erlösung und im Geben einer grundlegenden Antwort auf wesentliche Bedürfnisse aller Menschen besteht. Es ist aber eine Antwort, die sich nicht nur an Christen wendet. Sie richtet sich an alle Menschen, denn Christus hat alle gerettet. Die erlösende Rolle Christi erstreckt sich auch auf die gesamte Menschheit.

ZENIT: Welche Bedeutung hat die Enzyklika für die Kirche und ihre anhaltende Sorge um den Menschen?

Bello:
Dem Gedankengang der Enzyklika zu folgen bedeutet, Licht auf die Gegenwart Christi in den Handlungen der Kirche zu bringen, sei es nun von einem doktrinellen, intellektuellen oder pastoralen Standpunkt aus. Die Kirche hat Bedeutung, weil diejenigen, die zu ihr gehören, auch jene sind, die mit Christus vereint sind und ihn nachahmen wollen. Das muss die Botschaft der katholischen Kirche sein.

ZENIT: Auf welche anthropologischen Grundlagen stützt sich die Enzyklika im Hinblick auf die Verteidigung des Lebens und der Menschenwürde?

Bello:
Die anthropologische Basis befindet sich bereits im Werk, das Papst Johannes Paul II. als Philosoph geschrieben hat und das auch dessen theologische Position begründet. In diesen Werken sieht man die große Bedeutung, die er der menschlichen Person gibt. Sie erscheint in der Tat als einzigartiges, einmaliges und unwiederholbares Wesen, das nicht manipuliert und dessen Natur durch Umwandlungen nicht verändert werden darf.

ZENIT: Wie entwickelt sich das Denken Wojtylas in dieser Enzyklika?

Bello:
Ich glaube, dass es Johannes Paul II. genau in dieser Enzyklika gelingt, sein gesamtes Wissen auf organische wie pastorale Weise zu vereinen, und zwar aus Sicht der philosophischen Anthropologie, der theologischen Anthropologie und – wie es „Fides et Ratio“ ausdrückt – einer allgemeinen Betrachtung der Beziehung zwischen Theologie und Philosophie in diesem Text, weil beide einem konkreten Auftrag und eine starke Wechselwirkung aufweisen.

ZENIT: Wie präsentiert der Papst in diesem Text Christus als Modell psychischer, spiritueller und biologischer Integrität?

Bello:
Die Nachahmung Christi bedeutet für den Menschen einen Bezugspunkt für seine Werte. Die Handlungen einer lebenden geschichtlichen Person müssen gestützt auf diese Person, Christus, hin vorgenommen werden. Alles, was Leib und Geist betrifft, und auch unsere Gefühle, die gut oder schlecht sein können, darf nicht ignoriert werden. Sie müssen zur Tat führen, die positiv und wertvoll ist.

Wenn mich zum Beispiel eine Person stört, so kann ich diese spontane, natürliche Reaktion nicht kontrollieren, aber ich kann mich fragen: Ist es richtig von mir, mich schlecht gegenüber dieser Person, die mich stört, zu verhalten? Was würde Jesus tun? Auf diese Weise kann ich meine psychischen und emotionalen Regungen kontrollieren.

ZENIT: Welchen Beitrag leistet die Enzyklika zur Person als sozialem Wesen?

Bello:
Es ist notwendig zu verstehen, was Gemeinschaft bedeutet. Es bedeutet in christlicher Hinsicht, dass wir Freunde der Personen, die wir kennen, sein müssen.

Es gibt spontane emotionale Bewegungen gegenüber denjenigen, die nett sind und die wir mögen. Wir müssen als Gemeinschaft auch einen weiteren Beitrag leisten, so dass wir eine gegenseitige Gemeinschaft zwischen Personen bilden, und wir haben ein großartiges Beispiel von Gemeinschaft, das Jesus mit seinen Jüngern bildete. Das ist für uns ein grundlegender Bezugspunkt.

ZENIT: Wie nimmt die Kirche heute, sprich dreißig Jahre später, die Botschaft dieser Enzyklika auf?

Bello:
In denke, einige Elemente wurden behandelt. Es ist nicht nötig, pessimistisch zu sein, denn auch wenn einige Keime verloren gingen, wurden andere sehr wohl erfasst.

Vielleicht verstand es nicht jeder, sie angemessen aufzunehmen. Wie auch immer, einige grundlegende Dinge repräsentieren Punkte, auf die man im Prozess der Aneignung der christlichen Botschaft zurückschauen kann, weil es in der Tat das menschliche Bemühen ist, die christliche Botschaft immer besser und besser zu verstehen.

Das Interview führte Carmen Elena Villa; Übersetzung von Stefan Beig