Christus ist ganz Gott: Papst Benendikt XVI. über Hilarius von Poitiers

„Der Vater und der Sohn sind eines Wesens“

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ROM, 10. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, während der Generalaudienz gehalten hat.



Der Heilige Vater führte seine Katechesen-Reihe über die frühchristlichen Kirchenväter fort, indem er vor Gläubigen und Pilgern aus aller Welt Leben und Werk einer der bedeutendsten Bischofsgestalten des vierten Jahrhunderts, Hilarius von Poitiers (* um 310, † 367), ausbreitete.

Papst Benedikt würdigte den Heiligen insbesondere für dessen großes Talent, „Standhaftigkeit im Glauben und Sanftmut in den zwischenmenschlichen Beziehungen miteinander in Einklang zu bringen“. Der Ausgangspunkt für die Theologie des Hilarius war der Taufglaube.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich über einen großen Kirchenvater des Westens sprechen, den heiligen Hilarius von Poitiers, eine der großen Bischofsgestalten des vierten Jahrhunderts. In der Auseinandersetzung mit den Arianern, die Jesus, den Sohn Gottes, nur als Geschöpf betrachtet haben, wenn auch als das hervorragendste Geschöpf, widmete Hilarius sein ganzes Leben der Verteidigung des Glaubens an die Gottheit Jesu Christi, Sohn Gottes und Gott wie der Vater, der ihn von Ewigkeit her gezeugt hat.

Wir verfügen über keine sicheren Angaben über den Großteil des Lebens des Hilarius. Die alten Quellen berichten, dass er in Poitiers wahrscheinlich um das Jahr 310 geboren wurde. Aus einer wohlhabenden Familie stammend, empfing er eine achtbare literarische Ausbildung, die in seinen Schriften gut erkennbar ist. Es hat nicht den Anschein, dass er in einem christlichen Umfeld aufgewachsen wäre. Er selbst spricht von einem Weg der Suche nach der Wahrheit, der ihn Schritt für Schritt zur Annahme des Schöpfergottes und des Mensch gewordenen Gottes geführt habe, der gestorben ist, um uns das ewige Leben zu schenken. Um das Jahr 345 empfing er die Taufe und wurde dann um 353/354 zum Bischof seiner Geburtsstadt gewählt. In den folgenden Jahren schrieb Hilarius sein erstes Werk, den Kommentar zum Matthäusevangelium. Es handelt sich um den ältesten erhaltenen Kommentar zu diesem Evangelium in lateinischer Sprache. 356 nahm Hilarius als Bischof an der Synode von Béziers im Süden Frankreichs teil, der „Synode der falschen Apostel“, wie er selbst sie nannte, insofern die Versammlung von Bischöfen dominiert wurde, die dem Arianismus freundlich gesinnt waren und die Gottheit Jesu Christi leugneten. Diese „falschen Apostel“ forderten von Kaiser Constantius die Verurteilung des Bischofs von Poitiers zum Exil. So war Hilarius gezwungen, Gallien im Sommer 356 zu verlassen.

In der Verbannung in Phrygien in der heutigen Türkei kam Hilarius mit einer religiösen Umgebung in Kontakt, die ganz vom Arianismus beherrscht war. Auch dort drängte ihn seine Hirtensorge, tapfer für die Wiederherstellung der Einheit der Kirche auf der Grundlage des rechten Glaubens zu arbeiten, wie ihn das Konzil von Nizäa formuliert hatte. Zu diesem Zweck nahm er die Verfassung seines wichtigsten und bekanntesten dogmatischen Werks in Angriff: De Trinitate (Über die Dreifaltigkeit). In ihm legt Hilarius seinen persönlichen Lebensweg zur Erkenntnis Gottes dar und trägt Sorge dafür aufzuzeigen, dass die Schrift eindeutig die Gottheit des Sohnes und seine Gleichheit mit dem Vater nicht nur im Neuen Testament, sondern auch an vielen Stellen des Alten Testaments bezeugt, wo bereits das Geheimnis Christi aufleuchtet. Den Arianern gegenüber besteht er auf der Wahrheit der Namen „Vater“ und „Sohn“. Seine ganze Trinitätstheologie entwickelt er von der Taufformel her, die uns der Herr selbst geschenkt hat: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

Der Vater und der Sohn sind eines Wesens. Und wenn einige Stellen des Neuen Testaments vielleicht daran denken lassen, dass der Sohn gegenüber dem Vater einen niedereren Rang einnähme, so bietet Hilarius genaue Regeln, um irreführende Auslegungen zu vermeiden: Einige Stellen der Schrift sprechen von Jesus als Gott, andere hingegen rücken seine Menschheit in den Vordergrund; einige beziehen sich auf ihn in seiner Präexistenz beim Vater, andere wiederum legen das Hauptaugenmerk auf seinen Stand der Entäußerung (kenosis), seinen Abstieg bis hin zum Tod; andere schließlich betrachten ihn in der Herrlichkeit der Auferstehung.

In den Jahren seines Exils schrieb Hilarius auch ein Buch über die Synoden, in dem er für seine Mitbrüder im Bischofsamt in Gallien die Glaubensbekenntnisse und weitere Dokumente der Synoden wiedergibt und kommentiert, die Mitte des vierten Jahrhunderts im Osten stattfanden. Trotz seines stets standhaften Widerstands gegen die radikalen Arianer legt der heilige Hilarius einen versöhnenden Geist gegenüber jenen an den Tag, die bereit waren zu bekennen, dass der Sohn dem Vater im Wesen ähnlich war, wobei er natürlich versuchte, sie zum vollen Glauben zu führen, nach dem es sich nicht allein um eine Ähnlichkeit, sondern um eine wahre Gleichheit des Vaters und des Sohnes in der Gottheit handelt. Auch das scheint mir kennzeichnend zu sein: der Geist der Versöhnung, der sich darum bemüht, diejenigen zu verstehen, die noch nicht zum vollen Glauben an die wahre Gottheit des Herrn Jesus Christus gelangt sind, und ihnen mit großer theologischer Klugheit hilft, zu ihm zu kommen.

Im Jahr 360 oder 361 konnte Hilarius endlich aus der Verbannung in die Heimat zurückkehren. Er nahm sofort die pastorale Tätigkeit in seiner Kirche wieder auf. Der Einfluss seines Lehramtes fand aber weit über deren Grenzen hinaus Verbreitung.

Eine in Paris im Jahr 360 oder 361 abgehaltene Synode nimmt die Sprache des Konzils von Nizäa auf. Einige alte Schriftsteller denken, dass diese antiarianische Wende des gallischen Episkopats zu einem Großteil der Standhaftigkeit und dem Sanftmut des Bischofs von Poitiers zu verdanken sei. Genau darin bestand sein Talent: Standhaftigkeit im Glauben und Sanftmut in den zwischenmenschlichen Beziehungen miteinander in Einklang zu bringen.

In seinen letzten Lebensjahren verfasste er noch den Traktat über die Psalmen, einen Kommentar zu 58 Psalmen, die nach dem folgenden Prinzip ausgelegt werden, wie in der Einleitung dieses Werks hervorgehoben wird: „Es besteht kein Zweifel, dass alles, was in den Psalmen gesagt wird, gemäß der Botschaft des Evangeliums zu verstehen ist, so dass alles, welcher Art auch die Stimme sei, mit der der prophetische Geist gesprochen hat, auf die Erkenntnis des Kommens unseres Herrn Jesus Christus, Fleischwerdung, Leiden und Reich, sowie auf die Herrlichkeit und die Macht unserer Auferstehung zu beziehen ist“ (Instructio Psalmorum 5). Er sieht in allen Psalmen dieses Durchscheinen des Geheimnisses Christi und seines Leibes, der die Kirche ist. Zu verschiedenen Gelegenheiten traf sich Hilarius mit dem heiligen Martin: Gerade in der Nähe von Poitiers gründete der zukünftige Bischof von Tours ein Kloster, das es noch heute gibt. Hilarius starb im Jahr 367. Sein liturgischer Gedenktag wird am 13. Januar begangen. 1851 erklärte ihn der selige Pius IX. zum Kirchenlehrer.

Um das Wesentliche seiner Lehre zusammenzufassen, möchte ich sagen, dass Hilarius eben den Ausgangspunkt seiner theologischen Reflexion im Taufglauben findet. In De Trinitate schreibt Hilarius: Jesus „hat befohlen, ‚im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes‘ zu taufen (vgl. Mt 28,19), das heißt im Bekenntnis des Urhebers, des Eingeborenen und des Geschenkes. Urheber von allem ist nur einer. Denn ‚einer ist Gott Vater, aus dem alles hervorgeht‘. Und ‚einer ist unser Herr Jesus Christus, durch den alles geschaffen ist‘ (1Kor 8,6), und ,einer ist der Heilige Geist‘ (Eph 4,4), Geschenk in allen. In nichts kann eine derart große Vollkommenheit als fehlend ausgemacht werden, in der im Vater und im Sohn und im Heiligen Geist die Unendlichkeit im Ewigen, die Offenbarung im Bild, die Freude im Geschenk zusammenkommen“ (De Trinitate 2,1). Da Gott Vater ganz Liebe ist, kann er dem Sohn seine Gottheit in Fülle mitteilen. Ich finde die folgende Formulierung des heiligen Hilarius besonders schön: „Gott vermag es weder, irgend etwas anderes als Liebe zu sein, noch etwas anderes als Vater zu sein. Wer liebt, neidet nicht, und wer Vater ist, der ist es in seiner Gesamtheit. Dieser Name lässt keinen Mittelweg zu, so als wäre Gott gleichsam in einer Hinsicht Vater und in anderer Hinsicht nicht“ (ebd. 9,61).

Daher ist der Sohn ganz Gott, ohne den geringsten Mangel oder die geringste Verkürzung: „Wer vom Vollkommenen kommt, ist vollkommen, denn wer alles hat, der hat ihm alles gegeben“ (ebd. 2,8). Nur in Christus, Gottessohn und Menschensohn, findet die Menschheit Heil. Indem er die menschliche Natur angenommen hat, hat er jeden Menschen mit sich vereinigt: „Er ist unser aller Fleisch geworden“ (Tractatus in Psalmos 54,9). „Er hat in sich das Wesen jedes Fleisches aufgenommen, und durch das Fleisch ist er der wahre Weinstock geworden; er trägt in sich die Wurzel eines jeden Rebschosses“ (ebd. 51,16). Gerade deshalb ist der Weg hin zu Christus für alle offen – denn er hat alle in sein Menschsein aufgenommen, auch wenn immer die persönliche Umkehr geboten ist: „Durch die Beziehung mit seinem Fleisch ist der Zugang zu Christus für alle offen, unter der Bedingung, dass sie sich des alten Menschen entkleiden (vgl. Eph 4, 22) und ihn an sein Kreuz nageln (vgl. Kol 2,14); unter der Bedingung, dass sie die Werke von früher aufgeben und umkehren, um mit ihm in seiner Taufe begraben zu werden, in Erwartung des Lebens (vgl. Kol 1,12; Röm 6,4)“ (ebd. 91,9).

Die Treue zu Gott ist ein Geschenk seiner Gnade. Deshalb bittet der heilige Hilarius am Ende seiner Abhandlung über die Dreifaltigkeit darum, immer dem Taufglauben treu bleiben zu können. Das ist ein Merkmal dieses Buches: Die Reflexion wandelt sich zum Gebet, und das Gebet geht wiederum in der Reflexion auf. Das ganze Buch ist ein Gespräch mit Gott. Ich möchte die heutige Katechese mit einem dieser Gebete abschließen, das so auch unser Gebet wird: „O Herr“ – so betet Hilarius vom Geist erfüllt –, „lass mich immer die Treue zu dem wahren, was ich im Glabensbekenntnis meiner Wiedergeburt bekannt habe, als ich getauft worden bin im Vater, im Sohn und ihm Heiligen Geist. Lass mich dich immer anbeten, dich, unseren Vater, und zusammen mit dir deinen Sohn; lass mich deines Heiligen Geistes würdig werden, der aus dir hervorgeht durch deinen Eingeborenen… Amen“ (De Trinitate 12,57).

[Bei der Zusammenfassung auf Deutsch bediente sich der Papst des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Der heilige Hilarius von Poitiers, über den ich heute sprechen möchte, zählt zu den großen Verteidigern des Glaubens an die Gottheit Jesu Christi im vierten Jahrhundert. Hilarius wurde um 310 in Potiers geboren und empfing als Erwachsener die Taufe, nachdem ihn die Suche nach der Wahrheit zum christlichen Glauben geführt hatte. Zum Bischof seiner Heimatstadt gewählt, geriet Hilarius bald in die theologischen und politischen Auseinandersetzungen über den Arianismus. 356 wurde er in die Verbannung nach Phrygien in Kleinasien geschickt, wo er die verschiedenen Strömungen der östlichen Theologie kennen lernte.

Mit versöhnlichem Geist suchte er die weniger radikalen arianischen Gruppen an den nizänischen Glauben heranzuführen und so die Spaltung zu überwinden. Nach seiner Rückkehr nach Poitiers wirkte er bis zu seinem Tod im Jahr 367 tatkräftig an der Festigung des katholischen Glaubens in Gallien und Norditalien mit.

In seinem theologischen Hauptwerk „De Trinitate“ will Hilarius die Gottheit Jesu Christi und die Einheit und Gleichheit von Vater und Sohn auf der Grundlage des Taufglaubens – des Bekenntnisses zu Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist – und auf dem rechten Verständnis der Heiligen Schrift aufzeigen. Hilarius erinnert schließlich daran, dass der Glaube und die Treue zu Gott ein Geschenk ist, um das wir stets neu bitten müssen.

[Die Pilger aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den Worten:]

Mit Freude grüße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache; unter ihnen die Seminaristen des Bistums Würzburg mit ihrem Bischof Friedhelm Hofmann, Gäste des Collegium Germanicum et Hungaricum, die jungen Musiker von der Humboldt-Universität Berlin mit ihren Gästen und Förderern, die anlässlich der Aufführung der Messe Tu es Petrus nach Rom gekommen sind, sowie die Schulgemeinschaft des Mariengymnasiums Warendorf. Liebe Freunde, der Besuch der Gräber der Apostel hier in Rom erneuere und stärke euch im Glauben an den Dreifaltigen Gott. Dazu schenke euch der Herr seine Gnade.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]