„Christus selbst ist das Evangelium": Was es heißt, dem Wort zu dienen

Monatsbrief von Erzbischof Mauro Piacenza an die Priester

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ROM, 16. September 2009 (ZENIT.org).- In seinem dritten Monatsbrief an die Priester schreibt der Sekretär der Kongregation für den Klerus, Erzbischof Mauro Piacenza, über den „Dienst am Wort". Er macht darauf aufmerksam, dass kein Priester sich selbst oder seine eigenen Ideen verkünden soll, sondern Jesus Christus, „die einzige echte Antwort auf die Bedürfnisse des menschlichen Herzens". Das gelinge, wenn der Priester unter anderem durch den vertrauten Umgang mit der Heiligen Schrift selbst zum „lebendigen Evangelium" werde.

Die Betrachtungen von Erzbischof Paicenza zum Priesterjahr wollen zu einer tiefen geistlichen Erneuerung beitragen und jedem Priester die Schönheit seiner Berufung neu vor Augen führen. Anlass für das Priesterjahr ist der 150. Todestag des heiligen Johannes-Maria Vianney, Pfarrer von Ars, den die Kirche am 4. August beging.

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„Seid ihr bereit, in der Verkündigung des Evangeliums und in der Darlegung des katholischen Glaubens den Dienst am Wort Gottes treu und gewissenhaft [digne et sapienter] zu erfüllen?"

(Pontificale Romanum. De Ordinatione Episcopi, presbyterorum et diaconorum,
editio typica altera, Typis Polyglottis Vaticanis 1990)

 

Aus dem Vatikan, 12. September 2009

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst!

Die „Neuevangelisierung" ruft einen jeden zu immer neuem Einsatz im Apostolat und in der Verkündigung auf. In diesem Sinne ist der Auftrag des Herrn an die Apostel ausdrücklich und unmißverständlich: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet" (Mk 16,15-16a). Die während der Priesterweihe übernommene Pflicht besteht genau darin, „den Dienst am Wort zu erfüllen", das heißt, sein ganzes Leben herzugeben, um Jesus Christus, das fleischgewordene Wort, zu verkündigen, - ihn, den Auferstandenen von den Toten, die einzige echte Antwort auf die Bedürfnisse des menschlichen Herzens.

Die Sorge um den „Dienst am Wort" kann nicht einfach die Sorge einiger Priester sein, die sich besonders zu dieser Aufgabe berufen fühlen. Sie ist eine charakteristische und unverzichtbare Eigenschaft des priesterlichen Dienstamts und bildet einen wesentlichen Teil jenes munus docendi, das der Priester vom Geist im Sakrament der Weihe empfangen hat.

Der Ritus sieht vor, daß sich der Priester in diesem Dienst „treu" und „gewissenhaft" [digne et sapienter] einsetzt. Die Würde verweist unmittelbar auf den Gegenstand der Verkündigung: Jesus Christus, den Heiland. Kein Priester verkündet sich selbst oder seine eigenen Ideen, ebensowenig personalistische oder subjektive Interpretationen des einen ewigen Evangeliums. Wir sind berufen, die höchste „Würde" dessen anzuerkennen, zu dessen Überbringer wir geworden sind, und folglich in „würdiger" Weise diesen Dienst zu erfüllen. Ein derartiges Bewußtsein muß zum Bemühen um eine ständige Vertiefung der Heiligen Schrift führen, denn sie ist „Gottes Rede, insofern sie unter dem Anhauch des Heiligen Geistes schriftlich aufgezeichnet wurde" (Dei verbum, 9); gewiß handelt es sich dabei um eine exegetisch-theologische, vor allem aber jedoch um eine geistliche Vertiefung. Wahre Schriftkenntnis ist jene des Herzens, sie entsteht im täglich vertrauten Umgang mit ihr, sie ist Frucht der Lectio divina, die im Geist der großen Tradition der Kirchenväter getan wird; sie geht aus der tiefen Betrachtung hervor, die schrittweise, aber wirksam die Seele dem Evangelium gleichgestaltet und jeden Priester in ein „lebendiges Evangelium" verwandelt. Wir wissen wohl: „Das Evangelium ist im letzten nicht bloß Wort - Christus selbst ist das Evangelium" (Benedikt XVI., Predigt am 12.9.2009). Wir sind dazu berufen, uns ihm gleich zu gestalten, auch durch die Ausübung des Dienstes der Verkündigung.

Neben der Würde eines derartigen Dienstes verweist die heilige Liturgie auf das Merkmal der „Gewissenhaftigkeit". Diese setzt Klugheit sowie die Fähigkeit voraus, die Wirklichkeit ansatzweise in allen ihren Faktoren zu überblicken. Dabei verabsolutiert sie menschliche Gesichtspunkte nicht, sondern setzt alles in Beziehung zu dem einzigen Absoluten, Gott. Eine gewissenhafte Verkündigung trägt vor allem den wirklichen Bedürfnissen derer Rechnung, an die sie gerichtet ist; nie zwingt sie dabei willkürliche, noch zu kurz greifende Interpretationen auf, sondern begünstigt immer das, was allein notwendig ist: die wirkliche Begegnung der unserer Sorge anvertrauten Brüder und Schwestern mit Gott. Die Gewissenhaftigkeit ist imstande, sich auf Umstände und Zeiten einzustellen, die rechten Modalitäten zu finden, sie ist demütig und läßt es nicht zu, daß sich der Verkünder über den erhebt, den er verkündigen soll; ebenso wenig erhebt er sich über die Kirche, die seit 2000 Jahren das Evangelium lebendig bewahrt. Schließlich bedeutet die gewissenhafte Erfüllung des „Dienstes am Wort" auch, daß man sich bei der Verkündigung immer ganz klar des Wirkens Gottes bewußt ist: Er ist es, der die Herzen vorbereitet, er ist es, der den Menschen begegnet, er ist es, der die Blüten der Umkehr aufkeimen und die Früchte der Liebe reifen läßt. Allein uns selbst gegenüber dürfen wir „relativistisch" eingestellt sein: Als Verkünder müssen wir ganz „auf Gott Bezug nehmen"!

Auf diese Weise werden wir entdecken, wie wirksam und schön der Dienst ist, der uns mit der Verkündigung des Wortes anvertraut ist. Wir werden wahrnehmen, wie der Herr uns im Innern begleitet, wie er den freudigen Geber liebt, wie er seinen Diener nie allein läßt; wir werden mit Rührung die Früchte betrachten, die er schenkt, und wir werden seine Begleitung auch dann wahrnehmen, wenn wir an unserem Kreuz tragen.

+ Mauro Piacenza

Titularerzbischof von Victoriana

Sekretär