"Christus selbst ist der Friede": Osterbotschaft 2006 von Papst Benedikt XVI.

Der Papst denkt vor allem an die Krisenregionen Afrikas, die unsichere Lage im Irak und den schwellenden Konflikt im Heilige Land

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ROM, 16. April 2006 (ZENIT.org).- Heute, am Ostersonntag, hat Papst Benedikt XVI. zum ersten Mal in seinem knapp einjährigen Pontifikat die traditionelle päpstliche Osterbotschaft vorgetragen.



An seinem 79. Geburtstag appellierte der Petrusnachfolger inständig an alle Menschen, sich für den Frieden des auferstandenen Christus zu öffnen. Vor Hunderttausenden von Gläubigen, die auf dem Petersplatz zusammengekommen waren und auch die Via della Conziliazione säumten, rief er insbesondere zu einer baldigen Lösung des schwellenden Konflikts im Heiligen Land an. In diesem Zusammenhang forderte er die internationale Staatengemeinschaft dazu auf, die Errichtung eines Palästinenserstaates nicht auf die "lange Bank" zu schieben.

Allen Gläubigen rief der Papst vom Balkon an der Hauptfassade des Petersdoms aus zu: "Die Menschheit des dritten Jahrtausends scheue sich nicht, ihm [Christus] das Herz zu öffnen. Sein Evangelium stillt in Fülle den Durst nach Frieden und Glück, der in jedem menschlichen Herzen wohnt." Die Auferstehung Jesu Christi "wird dank der Taufe, die uns in ihn 'einfügt', unsere Auferstehung".

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Liebe Brüder und Schwestern!

Christus resurrexit! – Christus ist auferstanden!

Die große Vigilfeier in dieser Nacht hat uns das entscheidende und stets aktuelle Ereignis der Auferstehung, das zentrale Mysterium des christlichen Glaubens, neu erleben lassen. Unzählige Osterkerzen sind in den Kirchen entzündet worden, um das Licht Christi zu symbolisieren, das die Menschheit erleuchtet hat und weiter erleuchtet, indem es die Finsternis der Sünde und des Bösen für immer besiegt. Und heute ertönen machtvoll die Worte, welche die Frauen in Erstaunen setzten, die am ersten Tag nach dem Sabbat zum Grab gekommen waren, wo man den eilig vom Kreuz abgenommenen Leichnam Jesu beigesetzt hatte. Betrübt und untröstlich über den Verlust ihres Meisters, hatten sie den großen Stein schon vom Eingang weggewälzt vorgefunden, und beim Eintreten in das Grab sahen sie, dass sein Leib nicht mehr da war. Während sie so verunsichert und verloren dastanden, wurden sie von zwei Männern in leuchtenden Gewändern überrascht, die sagten: "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden" (Lk 24,5-6). "Non est hic, sed resurrexit" (Lk 24,6). Seit jenem Morgen hören diese Worte nicht auf, im Universum nachzuklingen als Verkündigung der Freude – eine Verkündigung, die unverändert die Jahrhunderte durchzieht und zugleich reich ist an unendlichen und immer neuen Resonanzen.

"Er ist nicht hier… er ist auferstanden." Die himmlischen Boten teilen zunächst mit, dass Jesus "nicht hier" ist: Der Sohn Gottes ist nicht mehr im Grab, denn er konnte unmöglich ein Gefangener des Todes bleiben (vgl. Apg 2,24), und das Grab konnte den "Lebendigen" (vgl. Offb 1,18), der die Quelle des Lebens selber ist, nicht festhalten. Wie Jona im Bauch des Fisches, so blieb auch der gekreuzigte Christus im Verlauf eines Sabbats "verschlungen" im Innern der Erde (vgl. Mt 12,40). Es war wirklich "dieser Sabbat ein großer Feiertag", wie der Evangelist Johannes schreibt (19,31): der feierlichste der Geschichte, denn an ihm führte der "Herr über den Sabbat" (Mt 12, 8) das Schöpfungswerk zur Vollendung (vgl. Gen 2, 1-4a), indem er den Menschen und den gesamten Kosmos in die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes erhob (vgl. Röm 8,21). Nachdem dieses außerordentliche Werk vollbracht war, ist der leblose Leib vom lebendigen Atem Gottes durchweht worden, hat das Hindernis des Grabes gesprengt und ist glorreich auferstanden. Darum erklären die Engel: "Er ist nicht hier", er kann sich nicht mehr im Grab befinden. Er ist auf der Erde der Menschen unterwegs gewesen und hat seinen Weg im Grab beendet wie alle, doch er hat den Tod überwunden, und in absolut neuer Weise, durch einen Akt reiner Liebe, hat er die Erde geöffnet, sie weit aufgerissen zum Himmel hin.

Seine Auferstehung wird dank der Taufe, die uns in ihn "einfügt", unsere Auferstehung. Das hatte der Prophet Ezechiel vorhergesagt: "Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraus. Ich bringe euch zurück in das Land Israel" (Ez 37,12). Diese prophetischen Worte bekommen am Ostertag eine einzigartige Gültigkeit, denn heute erfüllt sich die Verheißung des Schöpfers; heute, auch in dieser unserer von Unruhe und Unsicherheit gezeichneten Zeit, erleben wir erneut das Ereignis der Auferstehung, die das Wesen unseres Lebens verwandelt, die Geschichte der Menschheit verändert hat. Vom auferstandenen Christus erwarten – manchmal auch unbewusst – all jene Hoffnung, die immer noch eingezwängt sind durch die Fesseln des Leidens und des Todes.

Möge der Geist des Auferstandenen Erleichterung und Sicherheit bringen, in Afrika besonders für die Bevölkerung von Darfur, die sich in einer nicht mehr erträglichen dramatischen humanitären Situation befindet; für die Menschen in der Region der Großen Seen, wo viele Wunden noch nicht verheilt sind, und für die verschiedenen Völker Afrikas, die sich nach Versöhnung, Gerechtigkeit und Entwicklung sehnen. Über die tragische Gewalt im Irak, die weiterhin erbarmungslos Opfer dahinrafft, obsiege endlich der Friede. Frieden wünsche ich von Herzen auch denen, die in den Konflikt im Heiligen Land verwickelt sind, und ermutige alle zu einem geduldigen und beharrlichen Dialog, der die alten und neuen Hindernisse aus dem Wege räumt. Die Internationale Gemeinschaft, die das Recht Israels auf eine Existenz in Frieden erneut bekräftigt, möge dem palästinensischen Volk helfen, die prekären Umstände, unter denen es lebt, zu überwinden und seine Zukunft aufzubauen, indem es der Bildung eines wirklichen Staates entgegengeht. Der Geist des Auferstandenen löse in den Bemühungen der Länder Lateinamerikas eine erneute Dynamik aus, damit die Lebensbedingungen von Millionen von Menschen verbessert werden, die verabscheuenswürdige Plage der Entführungen ausgemerzt wird die demokratischen Institutionen gefestigt werden in einer Grundhaltung der Eintracht und der tätigen Solidarität. Was die internationalen Krisen im Zusammenhang mit der Atomkraft angeht, so möge durch ernsthafte und aufrichtige Verhandlungen eine für alle ehrenvolle Schlichtung erreicht werden; bei den Verantwortlichen der Nationen und der Internationalen Organisationen stärke sich der Wille, ein friedliches Zusammenleben zwischen Ethnien, Kulturen und Religionen zu verwirklichen, das die drohende Gefahr des Terrorismus fernhält.

Der auferstandene Herr mache überall seine Kraft des Lebens, des Friedens und der Freiheit spürbar. An alle sind heute die Worte gerichtet, mit denen der Engel am Ostermorgen die verängstigten Herzen der Frauen beruhigte: "Fürchtet euch nicht! … Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden" (Mt 28,5-6). Jesus ist auferstanden und schenkt uns den Frieden; er selbst ist der Friede. Darum wiederholt die Kirche mit Nachdruck: "Christus ist auferstanden – Christós anésti." Die Menschheit des dritten Jahrtausends scheue sich nicht, ihm das Herz zu öffnen. Sein Evangelium stillt in Fülle den Durst nach Frieden und Glück, der in jedem menschlichen Herzen wohnt. Christus lebt im Jetzt und geht mit uns. Welch unermessliches Geheimnis der Liebe! Christus resurrexit, quia Deus caritas est! Alleluia!

[Vor der Spendung des traditionellen Ostersegens "Urbi et Orbi" (für die Stadt Rom und den Erdkreis) formulierte der Papst in 62 Sprachen Ostergrüße. Auf deutsch sagte er:]

Euch allen ein gesegnetes und frohes Osterfest! Der Friede und die Freude des auferstandenen Herrn seien mit Euch!

[© Copyright 2006 der deutschen Übersetzung – Libreria Editrice Vaticana]