"Christus trägt die rettende Barmherzigkeit Gottes zu uns"

Katechese von Papst Franziskus während der Generalaudienz am 24. April

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 2050 klicks

Bei der heutigen Generalaudienz, die heute Vormittag um 10.30 auf dem Petersplatz begann, traf der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Erde zusammen. In seiner in italienischer Sprache gehaltenen Ansprache setzte der Papst die dem „Jahr des Glaubens“ gewidmete Katechesen-Reihe fort. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stand folgender Satz aus dem Credo: „Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.“

Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen richtete Papst Franziskus einen besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen. Anschließend richtete er einen Appell für den Frieden in Syrien unter Bezugnahme auf die Entführung des griechisch-orthodoxen und des syrisch-orthodoxen Metropoliten von Aleppo.

Die Generalaudienz endete mit dem „Vaterunser“ und dem apostolischen Segen.

Wir veröffentlichen die Worte von Papst Franziskus in einer eigenen Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Im Credo bekennen wir unseren Glauben daran, dass Jesus „in Herrlichkeit wiederkommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten“. Die Menschheitsgeschichte beginnt mit der Erschaffung von Mann und Frau nach dem Ebenbild Gottes und endet mit dem jüngsten Gericht Christi. Oft vergessen wir diese beiden Pole der Geschichte; vor allem ist der Glaube an die Wiederkunft Christi und an das Jüngste Gericht in den Herzen der Christen oft nicht so klar und gefestigt. In seinem öffentlichen Leben verweilte Jesus oft bei dem Ausblick auf seine letztliche Wiederkehr. Heute möchte ich eine Betrachtung dreier Texte aus dem Evangelium vornehmen, die uns bei dem Eintritt in dieses Mysterium hilfreich sind. Es handelt sich dabei um die Gleichnisse von den zehn Jungfrauen, vom anvertrauten Geld und vom Weltgericht. Alle drei Texte sind Teil der im Matthäusevangelium enthaltenen Endzeitrede Jesu.

Erinnern wir uns zunächst daran, dass der Sohn Gottes durch die Himmelfahrt die uns eigene und von ihm angenommene Menschlichkeit zum Vater gebracht hat. Er möchte alle an sich ziehenund die gesamte Welt dazu aufrufen, sich von den offenen Armen Gottes aufnehmen zu lassen, damit am Ende der Zeit die gesamte Wirklichkeit dem Vaters übergeben werde. Zwischen der ersten und der letzten Ankunft Christi liegt allerdings die „unmittelbare Zeit“; jene Zeit, in der wir leben. In den Kontext der „unmittelbaren Zeit“ fügt sich das Gleichnis von den zehn Jungfrauen ein (vgl. Mt. 25,1-13). Dieses Gleichnis handelt von zehn Mädchen, die auf die Ankunft des Bräutigams warten. Dieser verspätet sich allerdings,und die Mädchen sinken in den Schlaf. Auf sie die Nachricht von der Ankunft des Bräutigams ereilt, bereiten sie sich auf den Empfang vor, doch während die fünf klugen jungen Frauen für Öl zur Speisung ihrer Lampen gesorgt haben, verbleiben die anderen fünf törichten mit verloschenen Lampen, da sie kein Öl haben. Während sie sich auf die Suche nach Öl begeben, trifft der Bräutigam ein. Daher finden die törichten Jungfrauen die Tür, hinter der das Hochzeitsfest gefeiert wird, verschlossen vor. Ihr beharrliches Klopfen ist vergebens, denn sie sind zu spät gekommen: Der Bräutigam gibt an, sie nicht zu kennen. Bei Letzterem handelt es sich um den Herrn. Die Zeit des Wartens auf sein Kommen ist die uns von ihm uns allen mit Barmherzigkeit und Geduld geschenkte Zeit, die seiner endgültigen Wiederkunft vorausgeht. Es ist eine Zeit der Wachheit, in der unsere Lampen des Glaubens, der Hoffnung und der Barmherzigkeit brennen sollen, in der unser Herz für die Schönheit, für das Gute und für die Wahrheit offen sein soll; es ist eine im Sinne Gottes zu lebende Zeit, denn wir kennen weder den Tag, noch die Stunde der Wiederkehr Christi. Wir sind dazu aufgefordert, auf eine Begegnung, eine schöne Begegnung mit Christus, vorbereitet zu sein. Daher müssen wir die Zeichen seiner Gegenwart erkennen und unseren Glauben durch das Gebet und die Sakramenten am Leben erhaltenund uns mit Wachheit vor dem Einschlafen und einem Vergessen auf Gott bewahren. Das Leben eingeschlafener Christen ist kein fröhliches Leben, sondern ein trauriges. Ein Christ muss fröhlich sein und Jesus Freude bereiten. Lasst uns nicht einschlafen!

Das zweite Gleichnis ist jenes vom anvertrauten Geld. Dieses regt uns zum Nachdenken darüber an, welche Beziehung zwischen unserem Umgang mit den von Gott empfangenen Geschenken und seiner Wiederkehr besteht, bei der er uns nach unserer Verwendung der Geschenke fragt (vgl. Mt. 25,14-30). Dieses Gleichnis ist uns gut bekannt: Es beginnt mit dem Augenblick der Abreise, in dem ein Herr jedem seiner Diener ein paar Talente gibt und sie beauftragt, sie in der Zeit seines Fernseins gut einzusetzen. Dem ersten überreicht er fünf Talente, dem zweiten zwei und dem dritten eines. Während der Abwesenheit des Herrn vervielfachen die ersten beiden Diener ihre Talente – früher verwendete Geldstücke – während der dritte seines lieber in der Erde vergräbt, um es dem Herrn unversehrt zurückzugeben. Als der Herr zurückkommt, prüft er das Werk seiner Diener. Er lobt die ersten beiden, jagt den dritten aber hinaus in die Finsternis, weil er sein Talent aus Angst versteckt gehalten und sich in sich selbst verschlossen hatte. Ein Christ, der sich in sich selbst verschließt und alles versteckt, was der Herr ihm gegeben hat, ist ein … Er ist kein Christ! Er ist ein Christ, der Gott für all das, was er ihm geschenkt hat, keinen Dank erweist! Daraus erkennen wir, dass das Warten auf die Ankunft des Herrn eine Zeit des Handelns ist – wir leben in der Zeit des Handeln ; die Zeit der nutzbringenden Anwendung der Geschenke Gottes; nicht für uns selbst, sondern für ihn, für die Kirche, für die anderen. In dieser Zeit gilt es, das Gute in der Welt stets wachsen zu lassen. In der gegenwärtigen Zeit der Krise ist es besonders wichtig, sich nicht in sich selbst zu verschließen und sein Talent, seinen spirituellen, intellektuellen, materiellen Reichtum – alles, was der Herr uns geschenkt hat – nicht zu vergraben, sondern sich zu öffnen und dem anderen Solidarität und Aufmerksamkeit zu erweisen. Auf dem Platz sind mir heute sehr viele junge Menschen aufgefallen. Habe ich richtig gesehen?Sind heute viele junge Menschen anwesend? Wo sind sie?Euch, die ihr euch am Anfang eures Lebensweges befindet, frage ich: Habe ihr an die Talente gedacht, die ihr von Gott bekommen habt? Habt ihr euch gefragt, wie ihr sie für den Dienst an den anderen einsetzen könnt? Vergrabt eure Talente nicht. Verschreibt euch großen Idealen, die das Herz erweitern, den Idealen des Dienstes, die unseren Talenten zur Frucht verhelfen. Das Leben ist uns nicht gegeben worden, damit wir es geizig für uns selbst zu behalten, sondern damit wir es zu schenken. Liebe junge Menschen, möge euer Geist weit sein! Habt keine Angst vor dem Traum von großen Dingen!

Zum Schluss möchte ich noch das Gleichnis vom Weltgericht kurz betrachten. Dieser Text handelt von der zweiten Wiederkehr des Herrn, bei der alle Menschen, die Lebenden und die Toten, gerichtet werden (vgl. Mt. 25,31-46). Dazu verwendet der Evangelist das Bild von einem Hirten, der die Schafe von den Ziegen scheidet. Zur Rechten werden all jene versammelt, die dem Willen Gottes nach gehandelt haben und dem hungrigen, durstigen, fremden, nackten, kranken, gefangenen Nächsten Hilfe geleistet haben – ich habe das Wort „fremd“ verwendet und dabei an die vielen Fremden hier in der Diözese Rom gedacht: Was tun wir für sie?—; auf der linken Seite hingegen befinden sich jene, die ihrem Nächsten nicht geholfen haben. Daraus erkennen wir, dass Gott uns nach unserer Barmherzigkeit beurteilt, nach unserer Liebe zu unseren Brüdern, besonders zu den schwächsten und bedürftigsten unter ihnen. Selbstverständlich müssen wir stets bedenken, dass uns verziehen wird, dass wir kraft der Gnade, kraft des Geschenks der Liebe des uns stets vorausgehenden GottesRettung erlangen. Allein vermögen wir nichts. Der Glaube ist vor allem ein Geschenk, das wir erhalten. Damit die Gnade Gottes zur Frucht gelangt, ist unsere Öffnung für ihn vonnöten, unsere freie und konkrete Antwort. Christus trägt die rettende Barmherzigkeit Gottes zu uns. Unsere Aufgabe ist es, ihm zu vertrauen und das Geschenk seiner Liebe mit einem guten Leben, das erfüllt ist von vom Glauben und von der Liebe beseelten Werken, zu erwidern.

Liebe Brüder und Schwestern, der Blick auf das Weltgericht soll uns niemals Angst machen. Er soll uns vielmehr zu einer Verbesserung unseres gegenwärtigen Lebens drängen. Gott schenkt uns diese Zeit mit seiner Geduld und Barmherzigkeit, auf dass wir ihn jeden Tag in den Armen und Kleinen zu erkennen lernen, uns um das Gute bemühen und im Gebet und in der Liebe wachsam seien. Möge uns der Herr am Ende unsered Lebnes und der Zeit als gute und treue Diener erkennen. Danke.