„Christus verkünden“: Erste Predigt des neuen Münchner Erzbischofs Reinhard Marx

„Er ist die Botschaft, die wir gemeinsam leben und bezeugen wollen“

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MÜNCHEN, 2. Februar 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der neue Erzbischof von München und Freising, Dr. Reinhard Marx, am Samstagvormittag zu seiner Amtseinführung im Münchner Liebfrauendom gehalten hat.

Der 73. Nachfolger des heiligen Korbinian erklärte, dass die Hauptaufgabe jedes Hirten darin bestehe, auf Jesus Christus zu verweisen, und bekräftigte, dass das Evangelium „in die Mitte der Gesellschaft“ gehöre, weil es an alle gerichtet sei. „Christus ist Gottes Licht und Aufklärung für die ganze Welt!“

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Liebe Schwestern und Brüder!


I.


Die Einführung eines Bischofs ist ohne Zweifel ein großes Fest. Wer wollte das angesichts des heutigen Tages, aber auch im Blick auf die Tage seit meiner Einholung am 30. Januar leugnen? Es ist offensichtlich nicht nur ein Fest für eine kleine Gruppe, dieses Ereignis findet Aufmerksamkeit im Erzbistum und darüber hinaus in einer breiteren Öffentlichkeit. Ist das nicht alles etwas übertrieben? Ist die Kirche und damit ein Bischof dieser katholischen Kirche noch von so großer Bedeutung? Es galt ja eigentlich unter Religionssoziologen als ausgemacht, ja erwiesen, dass in der fortschreitenden Moderne Religion immer mehr an Einfluss verlieren und langsam wie Schnee unter der „Sonne der Aufklärung“ verschwinden würde.

Diese Annahmen haben sich überholt. Religion verschwindet nicht, sie bleibt auch in der modernen Gesellschaft präsent, die religiösen Fragen und Auseinandersetzungen finden weiterhin, ja verstärkt großes Interesse. Das zeigt sich bis in die Einschaltquoten der Medien und die Bestsellerlisten der Buchhandlungen hinein.

Zwar wird das Suchen und Fragen im Bereich der Religion bunter und vielfältiger, und der christliche Glaube steht nicht allein im Mittelpunkt des Interesses, aber es bleibt dabei: die Diskussion um Glaube und Religion findet eine breite Aufmerksamkeit. Und darüber freue ich mich als Bischof und bin dankbar dafür.

Aber ist nicht gerade dann ein solches Fest eher hinderlich? Verdeckt es nicht gleichsam die tiefen Fragen nach Gott und zelebriert einen menschlichen Personenkult? Feiern wir uns hier selbst? Zelebriert sich die katholische Kirche und zeigt, wie großartig sie ist? Wenn es so wäre, dann hätten wir alle etwas falsch verstanden: Es wäre ein grandioses Missverständnis! Dann wäre das alles eine schöne Inszenierung, ein beeindruckendes Theater!

II.


Genau das soll und will es ja gerade nicht sein. Liebe Brüder und Schwestern, alle Festlichkeit in diesen Tagen, aller Glanz der Liturgie, ja die Person des Bischofs selbst ist – pointiert gesprochen – Mittel zum Zweck! Die Kirche selbst versteht sich ja als Zeichen und Werkzeug, als Instrument, damit den Menschen geholfen wird, Gott zu suchen und zu finden.

Der neue Bischof ist nicht die Botschaft dieser Tage, er ist Zeuge für die Frohe Botschaft, das Evangelium Gottes, das im Leben und Wirken Jesu von Nazareth sichtbar geworden ist. Alles muss ihm, dem geheimnisvollen und doch menschenfreundlichen Gott dienen. Alles, was wir tun, muss ihm den Weg zu uns bereiten und uns helfen, ihm zu begegnen. Und weil Gott der immer Größere ist, der all unser Verstehen-, Begreifen- und Erfahrenkönnen übersteigt, ist für ihn – menschlich gesprochen – das Schönste „gerade gut genug“, wird die Erfahrung der Gemeinschaft mit ihm zum großen Fest, das seinen Höhepunkt findet in der Feier der heiligen Eucharistie.

Aber ist eine solche Begegnung denn wirklich möglich? Machen wir uns da nicht etwas vor? Können Schöpfer und Geschöpf Gemeinschaft haben? Unterliegen wir hier nicht der Gefahr der Selbsttäuschung und Illusion? Damit sind wir genau in der Mitte der immer wieder aufbrechenden Diskussion um Glaube und Religion, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede, die auszusprechen erst einen wirklichen Dialog der Religionen ermöglicht. Und so können wir nun auf das schauen, was das heutige Fest der Darstellung des Herrn, wie es die katholische Kirche nennt, zu dieser Kernfrage zu sagen hat, wie dieses Fest uns hinein-führen kann in die Mitte unseres Glaubens und so in die Begegnung mit Gott selbst.

III.


Zunächst strahlt dieses Fest noch weihnachtlichen Glanz aus und damit unterstreicht es, was die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus auch betont: Mit menschlichen Mitteln, mit noch so ausgeklügelten religiösen Praktiken und Opfern, magischen oder esoterischen Ritualen kann der Mensch Gott nicht erreichen, sich selbst nicht den Weg zu ihm erschließen. Dann wäre Gott nicht Gott. Nur er selbst, der unbegreifliche und unsichtbare Gott kann sich begreifbar und sichtbar machen. Und wenn der Mensch frei sein soll, kann sich Gott nicht aufzwingen mit Gewalt, sondern muss es einen Weg gehen, der diese Freiheit respektiert und fördert. Genau das ist Weihnachten!

Lukas unterstreicht in seinem Evangelium deshalb die Kontraste, er betont, wie sehr manche Erwartungen enttäuscht werden müssen, weil sie eben falsch sind und der wahren Größe Gottes nicht gerecht werden. Gott kann und will nicht den Kaiser Augustus übertreffen – er wird Mensch im Stall von Bethlehem! Gott kann und will nicht den Frieden mit Gewalt herbeizwingen – er kommt als wehrloses Kind! Gott kann und will nicht seinen Messias, seinen Sohn zum politischen Herrscher Israels machen – dieser Sohn herrscht vom Holz des Kreuzes herab. Und auch dann kann und will Gott nicht den Glauben an die Auferweckung Jesu aus dem Tod erzwingen – er lässt diese umstürzende Erfahrung durch Zeugen, durch Menschen, durch die Kirche proklamieren und leben. Er bindet sich an Menschen, die in voller Freiheit den Weg des Glaubens gehen wollen, die von seinem Heiligen Geist gestärkt eine neue Familie Gottes bilden.

Die Bilder des heutigen Festes illustrieren das in eindringlicher Weise. Der erste Besuch Jesu im Tempel – ganz im Rahmen jüdischer Tradition und Gesetze – verläuft nach außen hin denkbar unspektakulär. Ein Kind wird 40 Tage nach der Geburt als Erstgeborener dem Herrn geweiht, Ausdruck des Glaubens, dass das menschliche Leben letztlich Gott selbst gehört, nicht uns. So wie übrigens auch die ganze Schöpfung nicht unser Eigentum, sondern ein „Lehensbesitz“ ist, für den wir Rechenschaft ablegen müssen.

Der beim Propheten Maleachi drastisch beschriebene Tag des Eintritts Gottes in den Tempel verläuft ganz anders. Ein kleines Kind liegt in den Armen eines alten Mannes, der im Glauben diesen anderen Weg Gottes erkennt und im wahrsten Sinne des Wortes begreift, anfasst und festhält. In diesem kleinen Jungen strahlt Gottes Licht und Herrlichkeit auf; so sieht er es und bekennt laut: Meine Augen haben das Heil gesehen! Er weiß: Durch dieses Kind ist die Stunde der Entscheidung, des Gerichtes da, es gilt: Ja oder Nein! Und so wird es sein während des ganzen Lebens Jesu. Sein Auftreten, seine Verkündigung, sein Tod, seine Auferweckung, all das ist die Stunde der Entscheidung, die drängende Einladung Gottes, zu glauben.

Das Profil, das Unterscheidende des christlichen Lebens und Glaubens wird deutlich: Es ist die Person Jesu Christi selbst. Er ist der Sohn Gottes, in ihm sehen wir Gottes Antlitz. Er ist der Weg und die Wahrheit und das Leben! Gott wird endlich begreifbar, ansprechbar, weil er selbst zu uns spricht und sich unseren Blicken aussetzt, ja jeden von uns persönlich anschaut.

Liebe Brüder und Schwestern, genau das feiern wir in der heiligen Messe, die ja „Quelle und Höhepunkt“ allen kirchlichen Lebens ist, wie das Konzil formuliert hat. Das ist die wichtigste Aufgabe auch des Bischofs: auf ihn hinweisen, der in unserer Mitte unscheinbar gegenwärtig ist, sich uns in die Hände und in unser Herz legt und so wahre Wandlung, Veränderung, neues, unzerstörbares Leben ermöglicht. Auch wenn wir unsere Liturgie großartig entfalten, im Zentrum geht es um ein kleines Stück Brot, in dem Gott alles gibt, was er hat, seinen Sohn. Mehr kann er uns nicht schenken, mit ihm gibt er alles, wie der heilige Paulus sagt. Dafür soll der Bischof Zeugnis ablegen mit den ihm gegebenen Möglichkeiten und Fähigkeiten; jeder Bischof ist in Persönlichkeit und Charakter verschieden, aber die Sendung ist dieselbe: Christus verkünden, unser Leben!

IV.


Klingt das alles nicht sehr fromm und auf den kirchlichen Bereich bezogen? Wo bleibt da der gesellschaftliche und politische Auftrag des Bischofs und der Kirche? Zieht sich die Kirche so nicht zurück auf den engeren Kreis der Gläubigen? Im Gegenteil: Gerade in der Verkündigung des Mensch gewordenen Gottes bringt die Kirche das in die Gesellschaft – durch ihr Wort und auch ihr karitatives Handeln –, was Grundlage wahrer Humanität ist: Der Mensch hat eine Würde, die nicht von Menschen abhängt, die vielmehr von Gott selbst gegeben ist, der unser Bruder geworden ist, der sich in seiner Menschwerdung mit jedem Menschen verbunden hat, wie Johannes Paul II. einmal gesagt hat. Deshalb heißt es in den Wandlungsworten durchaus zu Recht: Mein Leib – für euch und für alle!

Und so muss sich ein Bischof und die Kirche in gewisser Weise - gerade von der weihnachtlichen Botschaft her – politisch und gesellschaftlich einmischen und zu Wort melden. Denn die Verkündigung des Evangeliums gehört in die Mitte der Gesellschaft, ist an alle gerichtet. Und dieses Zeugnis können wir auch – Gott sei Dank – in großer ökumenischer Verbundenheit geben. Christus ist Gottes Licht und Aufklärung für die ganze Welt!

Liebe Brüder und Schwestern, ich weiß sehr wohl, das ist ein großer Auftrag, ja auch eine gewisse „Überforderung“ für einen Menschen. Als neuer Erzbischof von München und Freising werde ich sicher nicht allen Erwartungen und Wünschen entsprechen können, aber ein neuer Bischof kann weiterführen, was schon in guter Weise hier im Erzbistum an Glaube und Liebe lebendig ist. Ich danke deshalb sehr herzlich meinem Vorgänger Kardinal Wetter für seinen beispielhaften bischöflichen Dienst, an den ich nun anknüpfen kann.

Aber ein Bischof steht nicht allein, wir erfüllen unseren Auftrag vielmehr in der Gemeinschaft des Volkes Gottes, und wir sind ja Zeugen dessen, der selber mitten unter uns handelt und gegenwärtig ist. Auf IHN kommt es an, ER steht im Zentrum. Er ist die Botschaft, die wir gemeinsam leben und bezeugen wollen. Amen.


[Vom Erzbischöflichen Ordinariat München und Freising veröffentlichtes Original]