Cicero: Vom Gemeinwesen. Das bonum commune

Von Alfons Reckermann

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10. Januar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Cicero (106–43 v. Chr.), im Hauptberuf Anwalt und aktiver Politiker, war zugleich philosophischer Schriftsteller und Theoretiker der Rhetorik. Seine kulturpolitische Hauptaufgabe hat er darin gesehen, griechische Philosophie (Platon, Aristoteles, Stoa) in Rom heimisch zu machen und dabei zu zeigen, dass Philosophie ein besonders intensives und daher immer diskussionsoffenes Erforschen der Wahrheit ist, das sich nicht mit dem vermeintlich sicheren Wissen einer bestimmten Lehrmeinung zufrieden geben darf.

Das Leben Ciceros war aber nicht nur von der Spannung zwischen privater und öffentlicher Tätigkeit sowie von Philosophie, Politik und Rhetorik bestimmt, sondern natürlich auch von den politischen Spannungen seiner Zeit, in die er als aktiver Politiker handelnd und mehr noch leidend involviert war. In der von ihm erfolgreich bekämpften Verschwörung Catilinas und in den immer rücksichtsloseren Machtkämpfen militärischer Führer (Marius, Sulla, Pompeius) gegeneinander und gegen die Institutionen der Republik hat er zu Recht einen massiven Angriff auf die Grundlagen der bisherigen politischen Ordnung gesehen. Vor allem das Auftreten Caesars hat Cicero in diesem Sinne wahrgenommen und offen kritisiert.

Cicero hat seinen nur fragmentarisch erhaltenen Dialog „De re publica“ in den Jahren 54–52 verfasst. Der Text macht auf den ersten Blick einen heterogenen Eindruck. Er enthält beispielsweise neben einer erwartungsgerechten Diskussion über ,gute‘ und ,schlechte‘ Verfassungsformen eine für uns nicht mehr nachvollziehbare philosophische Rechtfertigung der Herrschaft Roms über den Rest der Welt, einschließlich der damit verbundenen Kriege, sowie mit dem abschließenden Somnium Scipionis einen Blick auf die Grenze des antiken Kosmos, von dem aus die terrestrische und mit ihr die politische Welt, die doch im Zentrum des Buches stehen, ohne jede Bedeutung sind.

Zunächst überrascht Ciceros eigenständiger Beitrag zur Hierarchie zwischen der philosophischen vita contemplativa und der politischen vita activa. Gegen Aristoteles bestimmt er nämlich nicht die Philosophie, sondern die Begründung und Erhaltung von politischen Gemeinschaften als beste Form menschlicher Lebensgestaltung, weil nur sie der göttlichen Kraft nahekommt, die das Weltall begründet und erhält. Wichtiger sind wohl auch Ciceros Überlegungen zu den normativen Vor-aussetzungen für das Bestehen von Staaten. Sie beruhen immer auf einem Vorgang ihrer constitutio, womit kein Gesellschaftsvertrag im modernen Sinn gemeint ist, sondern die sich ihrer selbst bewusst werdende Praxis eines Zusammenlebens, bei dem sich eine zunächst beliebige Menge von Menschen als Staatsvolk verstehen lernt.

Das ist insofern modern, als die Eigenschaft des Bürgerseins nichts mit der Zugehörigkeit zu einer ethnisch homogenen Gruppe zu tun hat, sondern damit, dass sie durch die gemeinsame Sache der res publica, hauptsächlich durch einen Konsens hinsichtlich ihrer Gerechtigkeitsvorstellungen miteinander verbunden sind. Dieses gemeinsame Gut muss aber in einem zweiten Schritt jemandem in die Hand gegeben werden, der darüber durch das Handeln nach außen und durch Gesetzgebung nach innen im gemeinsamen Interesse verfügt. Logisch gesehen kann man es nur Einem, Mehreren oder Allen übertragen, so dass die Entscheidung dieser Frage die konkrete Verfassung eines Staates begründet. Weil aber jede Festlegung zwei sinnvolle Alternativen ausschließt, ist jede Verfassung, auch dann, wenn sie dem bonum commune verpflichtet ist – sei dies die Monarchie, die Aristokratie oder die politische Herrschaft von Gleichen über Gleiche im Sinne der Demokratie, mit einem Geburtsfehler belastet, der nur durch eine Mischverfassung ausgeglichen werden kann. Hierfür soll die Verfassung der römischen Republik vorbildlich sein, was später noch Machiavelli beeindruckt und zudem dafür gesorgt hat, dass auch in der Neuzeit die aus ,königlichen‘, ,aristokratischen‘ und ,demokratischen‘ Elementen gemischte Verfassung im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.

Cicero thematisiert also im Entscheidenden die Qualität einer politischen Gemeinschaft. Sie hängt für ihn in gleichem Maße von drei Faktoren ab, von guten Institutionen, von der Sittlichkeit ihrer Bürger und der besonderen Verantwortungskompetenz ihrer Amtsträger. Die wichtigste Tugend der civitas, die ihr gesamtes Handeln bindet, ist die Gerechtigkeit, aber nur dann, wenn die von ihr bestimmten Regeln des gemeinsamen Handelns nicht auf kluger Vereinbarung, sondern auf Normen beruhen, die bereits in der Natur wirken und dort die Einheit und das innere Leben des Kosmos in seinen verschiedenen Teilen garantieren. In „De legibus“ hat Cicero dieses Konzept des Naturrechts weiter entfaltet und damit die Diskussion über den Grund des Rechts bis heute mitbestimmt. Die Konsequenz daraus ist das Plädoyer für eine gerechte und die Distanzierung von kluger Politik, die als Machtpolitik dem vermeintlichen Eigennutz einer civitas folgt und deshalb vom Verhalten einer Räuberbande strukturell nicht zu unterscheiden ist.

Cicero gehörte zum Kreis der einflussreichen Familie der Scipionen, die an griechischer Bildung interessiert war und vor allem im Kampf mit Karthago entscheidend zur Stärkung der römischen Republik beigetragen hat. Insofern ist es bezeichnend, dass Cicero sein Gespräch über die Republik mit einer Traumerzählung des Scipio Africanus minor, des Zerstörers von Karthago, abschließt. Dieser referiert die Rede, die ihm sein Großvater Scipio Africanus maior, der Sieger über Hannibal bei Zama, vorgetragen hat.

In der Tat kann man nur in einer Traumwelt Grundgedanken antiker Kosmologie auf das politische Konzept der Rettung des Staates aus einem Zustand krisenhafter Erschütterung übertragen, womit für den Geträumten und den Träumenden die sozialen Unruhen stehen, die mit der Reformpolitik der Gracchen zusammenhingen, ohne dass sie auch nur einen Gedanken auf die Überlegung verschwenden würde, ob es nicht zur Qualität einer gut verfassten res publica gehört, berechtigten Interessen einer aus nachvollziehbaren Gründen verunsicherten Gruppe von Bürgern so weit entgegenzukommen, dass sie sich dem Ganzen der civitas wieder zugehörig empfindet. So stellt der Schluss unseres Dialogs die Frage nach den Grenzen der politischen Philosophie Ciceros.

Kann er das Konzept ,guter Verfassung‘ sinnvoll und produktiv auf die Krisensituation der eigenen Zeit beziehen? Wird gerechte Politik letztlich von soteriologischer oder theonomer Politik überlagert? Will Cicero die Herrschaftsform des Prinzipats empfehlen, obwohl er doch Caesar den hybriden, alle Gleichheit aufhebenden Anspruch auf das vorgeworfen hat, was als res publica von Natur aus allen gehört. Neben einem Konzept normaler Politik steht offensichtlich ein Konzept für die Bewältigung des Ausnahmezustandes. Wenn das ,Heil des Volkes‘ nur von großen Einzelnen bedroht ist, können diese nur von der größten Ordnungskraft, die in dem Gott verkörpert ist, der die Welt insgesamt regiert, aus der Position des Gesetzgebers für das „Leben auf Erden“ verdrängt werden (VI 13). Cicero war schon früh vom Schreckensbild des Endes der antiken res publica so gebannt, dass ihm das Befürchtete nur durch eine kosmologisch-theologische überhöhte Politik abwendbar zu sein schien. Als unmittelbar Beteiligter konnte er nicht wissen, dass der Leitbegriff seiner politischen Philosophie in der Neuzeit als Gegenkraft zur absolutistisch-paternalistischen Herrschaft, durch Hobbes, Locke, Montesquieu und Rousseau zunächst eine Wirklichkeit des Gedankens und dann das konstitutive Prinzip moderner Verfassungsstaaten werden sollte.

[Cicero: De re publica – Vom Gemeinwesen. Reclam Verlag, Stuttgart 1986, 415 Seiten, ISBN 3-15009-909-9, EUR 9,–; Teil 6 der Serie „Fünfzig Hauptwerke der Philosophie“; © Die Tagespost vom 5. Januar 2008]