Circles

Srdan Golubovics "Krugovi" über den Krieg in Bosnien, ist ein Spielfilm, der vom Zuschauer viel Aufmerksamkeit erfordert, sie aber auch mit seinen tiefgreifenden, universellen Fragen belohnt

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 263 klicks

„Wirft man einen Stein ins Wasser, dann entsteht etwas. Es bilden sich Kreise. Und sie breiten sich aus.“ Die titelgebenden Kreise in Srdan Golubovics Spielfilm „Circles“ entstanden während des bosnischen Krieges im Jahre 1993. Zwölf Jahre später bestimmen sie immer noch das Leben der daran beteiligen oder davon betroffenen Menschen.

Während des Bosnienkrieges kommt der junge Soldat Marko (Vuk Kostic) nach Trebinje, eine Stadt im südöstlichen Bosnien und Herzegowina mit serbischer Bevölkerungsmehrheit, für einige Tage Heimaturlaub zurück. Nachdem er am nächsten Morgen mit seinem Vater Ranko (Aleksander Bercek) Kaffee getrunken hat, besucht er kurz seine Verlobte Nada (Hristina Popovic) an ihrem Arbeitsplatz. Dann setzt er sich mit seinem Freund Nebojsa (Nebojsa Glogovac), einem jungen Arzt, in ein Café auf dem Marktplatz. Plötzlich taucht der serbische Offizier Todor (Boris Isakovic) mit zwei Soldaten auf. Wegen einer Nichtigkeit zerren sie den muslimischen Kioskbesitzer Haris (Leon Lucev) auf den Platz, wo sie ihn zusammenschlagen. Marko geht dazwischen und bittet die anderen Soldaten, dass sie mit der Misshandlung aufhören.

Zwölf Jahre später haben diese Ereignisse Kreise gezogen, in den Protagonisten tiefe Spuren hinterlassen. Haris lebt inzwischen im deutschen Halle mit Frau und zwei Kindern. Nana, Markos damalige Freundin, bittet Haris um Schutz und Hilfe für sich und ihren kleinen Sohn vor ihrem gewalttätigen Ehemann, der das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn einfordert. In einem Belgrader Krankenhaus ist Markos Freund Nebojsa inzwischen ein angesehener Chirurg geworden. Eines Nachts wird er zu einer Notoperation gerufen: Auf dem OP-Tisch liegt nach einem schweren Unfall ein Mann mittleren Alters, den er sofort als den damaligen serbischen Offizier Todor wiedererkennt. In Trebinje lebt weiterhin Markos Vater Ranko. Er ist ein einsamer Mann geworden, dessen Lebensaufgabe im Wiederaufbau einer im Krieg zerstörten orthodoxen Kirche besteht. Als ihn der junge Bogdan (Nikola Rakocevic) um Arbeit bittet, weist ihn Ranko zunächst schroff ab. Denn Bodgan ist der Sohn eines der Soldaten, die damals den Kioskbesitzer angriffen – was der junge Mann allerdings nicht weiß.

Drei Schauplätze, sechs Protagonisten. Das Drehbuch von Melina Pota Koljevic mag etwas konstruiert erscheinen, den Eindruck einer Versuchsanordnung wecken, nach der die unterschiedlichen Emotionen und die Langzeitwirkungen einer einschneidenden Tat untersucht werden sollen. Der Zuschauer wird jedoch in diese Ereignisse regelrecht hineingezogen. Das liegt nicht nur daran, dass Drehbuchautorin und Regisseur mit Hilfe der stark spielenden Darsteller es schaffen, dies sechs Hauptfiguren mit Leben zu füllen. Darüber hinaus entfaltet „Circles“ eine besondere Spannung, weil es sich dem Zuschauer nur allmählich erschließt, inwieweit ihr Leben von Markos Schicksal vor zwölf Jahren verändert wurde, weil sich die vielschichtigen Zusammenhänge nur nach und nach klären.

Kameramann Aleksandar Ilić verwendet eine zwar klassische, aber mit einigen eigenwilligen Elementen durchsetzte Bildsprache: So setzt er etwa immer wieder feste Kameraeinstellungen ein, während Menschen von links nach rechts übers Bild gehen. Einerseits weitet die Kamera den Blick auf die in ihrer Kargheit bezaubernde Landschaft, in der die kriegerischen Auseinandersetzungen ihre Spuren hinterlassen haben. Andererseits bleibt sie aber den Figuren sehr nah. Auf diese Weise werden ihre Emotionen sichtbar: Trauer bei Ranko, Trotz bei Bogdan, Dankbarkeit und Schuldgefühle bei Haris, aber ebenso bei Nebosja sowie Groll bei Nana. Und Todor? Er zeigt zunächst keine Reue. Und das alles vor dem Hintergrund der Geschichte eines Landes, in denen die Wunden des Krieges keineswegs vernarbt sind.

Damit stellt Regisseur Srdan Golubovic tiefgründige Fragen: Ist es möglich, einem Mörder beziehungsweise seinem Sohn zu verzeihen, oder bleibt das Streben nach sinnloser Rache stärker? Wie geht der Täter mit seiner Schuld um, aber auch der Freund, der nicht eingriff? Soll der Arzt das Leben des Täters retten? Kann jemand sein Leben für die Familie desjenigen opfern, der sich für ihn aufgeopfert hat? Regisseur Golubovic gelingt es dadurch, auf unaufdringliche Weise, ohne übertriebene Dramatik und in meisten ruhigen, sonnendurchfluteten Bildern universale Themen wie Schuld, Rache und Versöhnung zu ergründen. Dafür setzt Srdan Golubovic den Kirchenbau mitten in der bosnischen Landschaft zwar auch als Metapher ein. Das stärkste Bild findet er allerdings in einer Einstellung mit Ranko und Bodgan, die stellvertretend für die Aussage seines Filmes steht.

„Circles“, der auf mehreren Filmfestivals Preise gewann – so den Spezialpreis der Jury auf dem Sundance Film Festival oder den Preis der Ökumenischen Jury auf der Berlinale 2013 – und als serbischer Kandidat für den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film ausgewählt wurde, ist von realen Ereignissen inspiriert: In Trebinje bezahlte der 27-jährige serbische Soldat Srdan Aleksic mit seinem Leben, dass er einen muslimischen Zivilisten vor seinen betrunkenen Kameraden verteidigte. Ihm hat Regisseur Srdan Golubovic seinen Film gewidmet. Srdan Golubovics „Circles“ ist ein Spielfilm, der vom Zuschauer viel Aufmerksamkeit erfordert, sie aber auch mit seinen tiefgreifenden, universellen Fragen belohnt.

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Filmische Qualität: Viereinhalb Sterne
Regie: Srdan Golubovic
Darsteller: Aleksandar Bercek, Leon Lucev, Nebosja Glogovac, Nikola Rakocevic, Hristina Popovic, Boris Isakovic, Vuk Kostic
Land, Jahr: Serbien, Deutschland, Frankreich, Slowenien, Kroatien 2013
Laufzeit: 112 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: G

im Kino: 4/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.