„Clash" oder Dialog der Kulturen?

Margit Eckholt über die „Aufbrüche“ Bernhard Weltes nach Lateinamerika

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MÜNCHEN, 24. Juni 2009 (ZENIT.org). - „A clash of identities", das Aufeinanderprallen von Identitäten und Kulturen, prangte vorgestern, Montag, als Überschrift über zwei Hauptartikeln der New York Times. Es ging um die aktuelle Brisanz des Miteinanders von Religionen und Kulturen innerhalb rechtstaatlicher Gebilde, insbesondere im Mittleren Osten.

Angesichts der Analysen und Prognosen eines gewaltsamen Aufeinanderprallens von Kulturen wurde vor 40 Jahren das Stipendienwerk Lateinamerika-Deutschland e.V. (Intercambio Cultural Latinoamericano Alemán-ICALA) zur Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit deutscher und lateinamerikanischer Theologen, Philosophen, Pädagogen und Humanwissenschaftler gegründet. Die Einrichtung ist als Verein organisiert und erhält seine finanzielle Unterstützung zum großen Teil durch die Bischöfliche Aktion ADVENIAT.

„‚Clash of civilizations‘ oder Dialog der Kulturen? Die ‚Aufbrüche‘ Bernhard Weltes nach Lateinamerika": Das Thema der Sondervorlesung der Dogmatikerin Margit Eckholt (49) in der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Salesianer in Benediktbeuern erinnerte an den bedeutsamen Augenblick, als sich der Vorstand des Stipendienwerks Lateinamerika-Deutschland (ICALA) vor 40 Jahren zu seiner ersten Sitzung zusammengetreten war. Bernhard Welte (1906-1983), der berühmte Freiburger Religionsphilosoph, gehörte neben Peter Hünermann zu den Mitbegründern des Werkes.

„Anwalt des Heiligen" nannte man den Priester Welte, der in seinem Dialog zwischen der Philosophie des 20. Jahrhunderts und großen Denkern wie Thomas von Aquin und Meister Eckhart die Wurzeln unserer heutigen Sehnsucht nach dem Heiligen freilegte und „wesentliche Impulse gegeben hat, die zur Entwicklung der Weltkirche beigetragen haben, die sich durch die Begegnung mit dem Anderen herausgefordert sieht", so Eckholt.

In ihrer Vorlesung schilderte sie, wie der Freiburger Priester und Religionsphilosoph in seiner Begegnung mit der lateinamerikanischen Kirche und Kultur das neue Bewusstsein einer Kirche für die Armen sensibel aufgespürt habe. Beim Abstecken einer „Landkarte" für den interkulturellen Dialog habe er nicht nur die Würde dieser fremden Hochkulturen geachtet, sondern auch jene Gelassenheit gezeigt, „die es ermöglicht, anderes auch anders zu belassen".

Das Stipendienwerk Lateinamerika-Deutschland, dessen Vorsitzende Frau Eckholt heute ist, sei eine Frucht dieser Erfahrungen. Welte, dem es „um die Beziehung der kulturellen Welt zur Religion" gegangen sei, habe Südamerika mehrmals bereist. Reise und Aufbruch, das „Aufnehmen fremder Bilder", hätten ihn eine „Offenheit für das ganz Andere, das von keines Menschen Hand gemacht ist", gelehrt. Gleichzeitig habe für ihn das „eigene Verwurzeltsein" eine neue Qualität erhalten.

Eine wichtige Brückenfunktion erhält nach Welte die Sprache. „Sprache ist Übersetzung" beziehungsweise die Form, in der Wahrheit und Wirklichkeit zum Ausdruck kommen. „Ein Sagen, das nicht für die Herzen spreche, wäre gar kein Sagen im vollen Sinn", so Welte, für den es beim Sagen zu einer Verschiebung vom Äußeren zum Inneren kommt. Dazu gehöre eine instrumentelle Fertigkeit, damit Sprache im Prozess der Übersetzung nicht zu einem Dritten werde, aber doch zu einem Überschritt vom Einen zum Anderen.

Angesichts der epochalen Erfahrung der globalen einen Welt mit ihrer sagenhaften Pluralität sei ein „Esprit de finesse" gefragt, der für gelingendes Miteinander sorgen könne, unterstrich die Dogmatikerin Eckholt in ihrem Vortrag. Welte habe in der Nachkonzilszeit von der neuen Weltstunde für das Zusammenleben der Menschen gesprochen, die den Geist des Dialogs für das Zusammenleben der Religionen erforderlich mache.

Dies spiegeln die Einträge in seinen Tagebüchern aus Mexiko und Peru wider. Demnach habe Welte den Eindruck gewonnen, dass „unter den Armen eine neue Art von Christentum in Entstehung begriffen" sei. Von einem Dialog der Kulturen, einem internationalen Kulturaustausch könnten somit alle Seiten profitieren. Dazu gehöre freilich die Bereitschaft, sich auf das Fremde einzulassen. „Ziel ist Miteinander und Füreinander zu denken", schreibt Welte, genauso wie „die Bereitschaft, dass alle Partner im Gespräch bereit sind, sich zu ändern". Jeder solle, ausgehend vom eigenen Ursprung her, bereit sein, sich zu ändern. Nur so könne wahres Miteinander unter Völkern und Kulturen entstehen. „Die Sprache der Liebe, die wirklich Liebe ist, wird immer verstanden werden", so Welte in einem seiner Bücher.

Für die anwesenden Vertreter von ICALA, Professoren und Studierende der beiden Benediktbeurer Hochschulen, Professoren aus Tübingen und Augsburg, Ordensvertreter und Familienangehörige war die Sondervorlesung von Margit Eckholt, die seit 2000 als Lehrbeauftragte und seit 2001 als Professorin in Benediktbeuern tätig ist, zudem eine Abschiedsfeier. Die renommierte Dogmatikerin wird ab dem kommenden Wintersemester an der Universität Osnabrück lehren. Auch dort wird sie sich im Rahmen ihrer dogmatischen Lehrveranstaltungen mit den Themenkreisen „Kultur", „Eine Welt" und „Frauen" beschäftigen.

PTH-Rektor Pater Dr. Lothar Bily SDB würdigte zum Abschied das vielfältige Engagement der scheidenden Kollegin. Zum einen nannte er die Bemühungen um ausländische Studierende und um Kooperationen mit ausländischen Hochschulen. Frau Eckholt hätte die Kollegen und die Studierenden intensiv an ihren denkerischen Bemühungen zum „Brückenbau" teilhaben lassen. Auch der Vortrag über Bernhard Welte (1906-1983), den Lehrer ihres Doktorvaters Peter Hünermann, stehe in diesem Kontext.

Von Angela Reddemann