Comenius: Antisozinianische Schriften. Für eine integrative Vernunft

Von Simon Kuchlbauer

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WÜRZBURG, 23. Mai 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Der böhmisch-mährische Pädagoge, Theologe und Philosoph Johann Amos Comenius (tschechisch Komenský), der 1592 im mährischen Uherský Brod geboren wurde und 1670 im Amsterdamer Exil verstarb, ist heute vor allem als Begründer aufgeklärter Pädagogik bekannt. Er war der erste, der unter anderem eine gewaltfreie Erziehung, den Schulbesuch der Mädchen und lebenslanges Lernen anmahnte. Außerdem forderte er, dass alle Menschen eine gute Bildung erhalten sollten unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Die negativen Erfahrungen der eigenen Schulzeit münzte er um in eine Theorie eines anschaulichen Unterrichts.

Das damals praktizierte stupide, ineffektive Auswendiglernen veranlasste Comenius zu seiner „Janua Linguarum Reserata“ (die geöffnete Sprachenpforte) und zu seinem Werk „Orbis sensualium pictus“ (Die sichtbare Welt in Bildern), welches als erstes Bilderbuch gilt: Ziel war im Sinne einer ganzheitlichen Pädagogik abstrakte, sprachliche Inhalte durch sinnliche Anschauung begreifbar zu machen. Das pädagogische Hauptwerk „Didactica magna“ (Große Unterrichtslehre) – die erste umfassende Systematik einer Unterrichtsmethode seit dem Humanismus – zeigt jedoch, dass sein pädagogisches Werk nur in einem größeren Zusammenhang Gültigkeit hat.

Die mittels seiner pädagogischen Schriften anvisierte umfassende Bildung des einzelnen Menschen, die es diesem ermöglicht, die eigene Vernunft zu gebrauchen, ist für Comenius nur der Grundstein eines groß angelegten Projektes. Er will, über die Erziehung des Einzelnen weit hinausgehend, nichts weniger als eine Reform der gesamten Menschheit, zu deren Gelingen ein basales Wissen aller Zusammenhänge unerlässlich ist. Diese Zusammenführung aller Wissenschaften bezeichnet er als „Pansophie“ (All-Weisheit), deren Grundzüge er in seinen Werken „Prodromus Pansophiae“ (Vorläufer der Pansophie) und der posthum erschienenen „Consultatio catholica“ (Beratung über die Verbesserung der menschlichen Dinge) aufzeigte. Nach der Durchsetzung umfassender Erkenntnis tritt die Menschheit über in ein weltweites Gelehrten- und Friedensreich, in dem Missverständnisse und Streitigkeiten durch gegenseitiges Verständnis und Einsicht in die allem zu Grunde liegende Prinzipienstruktur aufgehoben sind. Zur Realisierung dieser humanen aufgeklärten Welt-Gesellschaft schlägt Comenius die Einrichtung dreier Weltgremien vor, eines weltweiten „Kollegiums des Lichts“, eines „Friedensgerichts“ und einer „Versammlung der Heiligkeit“, damit sich Wissenschaft, Politik und Welt-Religion zum Wohle aller koordinieren und gegenseitig befruchten.

Die Sehnsucht Comenius nach Frieden und Verständnis unter den Völkern und Religionen lässt sich unter anderem aus seiner Prägung durch die reformatorisch-chiliastische Bewegung der böhmisch-mährischen Brüder wie aus seinen Erfahrungen als Glaubensflüchtling des 30-jährigen Krieges erklären. Geboren in die böhmisch-mährische Brüderunität, deren vorlutherischer Protestantismus sich von den Lehren Jan Hus ableitete, erhielt Comenius als Vollwaise erst spät die Chance einer umfassenden Bildung. Er studierte ab 1611 Theologie, zunächst an der calvinistischen Universität in Herborn, später in Heidelberg. 1614 wanderte er zurück nach Mähren, wo er bis 1617 als Rektor der Schule in Prerau wirkte. Als ordinierter Pfarrer war er von 1618 bis 1621 Vorstand der Unität in Fulnek und heiratete während dieser Zeit seine erste Frau. Nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berg 1620 brach in das Leben Comenius die Katastrophe des Krieges ein, seine Frau und die beiden Töchter kamen ums Leben.

Comenius selbst musste sich wegen seiner protestantischen Gesinnung verborgen halten und 1628 zusammen mit allen Mitgliedern der Brüderunität das Habsburgerreich verlassen. Mit einer großen Zahl seiner Glaubensgenossen siedelte sich Comenius im polnischen Lissa an, wo er an der Unitätsschule unterrichtete. Während dieser Periode erwarb er sich durch seine Werke großes Ansehen unter Philosophen und Gelehrten in ganz Europa. Auf deren Einladung unternahm er ab 1641 mehrere Reisen, die ihn nach England, die Niederlande, Deutschland, Schweden und Siebenbürgen führten und immer wieder von Lissa fernhielten. Im Jahr 1648 wurde Comenius zum ersten Bischof der Brüderunität ernannt. Doch 1656 war die religiöse Toleranz in Polen zu Ende: polnische Soldaten zerstörten die Stadt. Comenius musste mit seiner Gemeinde erneut flüchten und erhielt die Erlaubnis, sich in Amsterdam niederzulassen, wo er bis zu seinem Tode lebte.

Es verwundert nicht, dass Comenius aufgrund dieser Erfahrungen eine Überwindung der Zersplitterung der Christenheit ersehnte. Beständig mahnte er einen wahren katholischen Glauben an (im Gegensatz zum seiner Ansicht nach verdorbenen römisch-katholischen), der aus den besten Argumenten der verschiedenen Konfessionen entwickelt werden sollte. Zur Vereinigung aller christlichen Kirchen wirkte er maßgeblich an der Vorbereitung des Religionsgesprächs in Thorn 1644/1645 mit, auf dem alle christlichen Parteien vorbehaltlos miteinander diskutieren sollten – getreu dem Motto des Philosophen „Alles fließe von selbst, Gewalt sei ferne den Dingen“.

Grundlegend für seine Haltung in religiösen Fragen war das unbedingte Festhalten am christlichen Gedanken der Trinität. Nach Comenius ist die Idee göttlicher Dreieinigkeit mehr als ein Dogma, das sich aus der Tradition der christlichen Kirche ergeben hat und deshalb geglaubt werden muss: Für ihn ist trinitarisches Denken gleichbedeutend mit einem ganzheitlichen Prozess des Wahrnehmens, Erkennens und sachbezogenen Handelns, der konstitutiv für seine Vorschläge einer Menschheitsreform ist. Erst indem der Mensch einsieht, dass die Schöpfung und der Mensch selbst ein Abbild der Trinität von göttlicher Macht, Weisheit und Güte sind, kann er das richtige Maß für sein Leben und Handeln finden. Ohne den Rückbezug auf das pulsierende Ineinander der drei innergöttlichen Momente, ohne Bewusstsein für das, was aus deren Dynamik und Positivität alles entsteht und erhalten wird, ist es nach Comenius nicht möglich, Wahrhaftigkeit zu finden und zum Menschen zu werden. Pädagogik und pansophische Menschheitsreform sind somit aufs Engste verbunden mit dem Gedanken des trinitarischen Urprinzips und können nur vor diesem Hintergrund ihre Wirksamkeit entfalten.

Systematisch legte Comenius sein trinitarisches Denken, das von Augustinus, Campanella, Raimundus von Sabunde und Nikolaus von Kues beeinflusst war, in den zwischen 1659 und 1662 entstandenen zehn antisozinianischen Schriften dar. Anlass waren die bei den Zeitgenossen mit großem Interesse aufgenommenen Thesen der trinitätskritischen Religionsgemeinschaft der Sozinianer. Diese Gruppierung vertrat in radikaler reformatorischer Konsequenz die These, dass die zentrale christliche Lehre der Trinität Gottes aus Vernunftgründen abzulehnen sei. Aus Überzeugung, dass formallogische Vernunft selbst für das Göttliche Gültigkeit habe, bereiteten sie der subjektozentrisch-rationalistischen Aufklärung den Weg. Obschon er gleiche aufgeklärte Ziele hegte, warnte Comenius vor einer Einschränkung der Erkenntnismöglichkeiten auf die Schlüsse formaler Logik und sah die Gefahren einer verabsolutierten instrumentellen Rationalität, die seinem Konzept einer integrativen Vernunft entgegenstand.

Die sozinianische Kritik an der trinitarischen Struktur des Göttlichen zwang Comenius zur Reflexion seiner eigenen Auffassungsweise. Schließlich gelangte er zur Einsicht, dass die Trinität des Göttlichen ein Postulat einer im wahrsten Sinne vollgültigen Vernunft sei. Die „Antisozinianischen Schriften“ sind damit Zeugnis einer intensiven Überlegung zur Gültigkeit der philosophisch reflektierten Trinität des Ursprungs gegenüber Tendenzen der Frühaufklärung, die Relevanz dieser Idee infrage zu stellen. Dabei werden schon zu Beginn der Aufklärung Perspektiven eröffnet, die Einseitigkeiten subjektozentrischer Rationalität zu überwinden, unter deren Folgen die Moderne bis heute leidet.

[Johann Amos Comenius: Antisozinianische Schriften. Deutsche Erstübersetzung bei Peter Lang 2008, 1272 Seiten, ISBN 978-3-631-55614-6, EUR 126,20; Teil 25 der
Reihe „Fünfzig Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 17. Mai 2008]