"Da sind uns die Hände gebunden": Bischof Paul Hinder über die Situation und die Freiheit der ihm anvertrauten Kirche im Nahen Osten

Interview mit dem Apostolischen Vikar von Arabien

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ROM, 16. März 2006 (ZENIT.org).- Ursprünglich wollte Bischof Paul Hinder nach seinen Eintritt in den Kapuzinerorden nach Afrika gehen. Aber es kam ganz anders: Vor zwei Jahren wurde der heute 64-jährige deutschsprachige Schweizer Weihbischof, seit einem Jahr ist er Bischof und als Apostolischer Vikar von Arabien in den sechs arabischen Ländern Bahrain, Katar, Saudi Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Oman und Jemen für die Kirche hauptverantwortlich. Das es ein Kapuziner ist, der diese Aufgabe übernimmt, "liegt daran, dass der Kapuzinerorden die Zuständigkeit für das gesamte Gebiet innehat", erklärt er.



Die rund 2,3 Millionen Katholiken in seinem Vikariat dürften ihren Glauben nicht in der Öffentlichkeit bekennen. Dennoch besuchten beispielsweise in Dubai tausende Gläubige die Heilige Messe. Gegenüber ZENIT geht Bischof Hinder auf die "heikle" Situation in diesen Gebieten ein.

ZENIT: Was bedeutet es, in islamischen Ländern katholischer Oberhirte zu sein?

Bischof Paul Hinder: Der Islam ist in allen Ländern Staatsreligion. Christliche Mission unter den Arabern ist verboten. Die Situation ist freilich in den einzelnen Ländern sehr verschieden. Unter den ungefähr 43 Millionen Einwohnern des Apostolischen Vikariates gibt es rund 2,3 Millionen Katholiken. Die Katholiken auf der Arabischen Halbinsel sind alle "expatriates", das heißt Gastarbeiter und Ausländer, die in der Ölindustrie, in den Banken und der Verwaltung tätig sind. Sie stammen aus Europa, Amerika und Asien; die katholischen Gastarbeiter kommen vorwiegend aus Indien, Korea und den Philippinen. Es gibt momentan 15.000 Katholiken aus den Philippinen.

Wir haben insgesamt 16 Pfarreien. Da gibt es eine Mammutpfarrei wie St. Marys Church in Dubai, mit möglicherweise 200.000 Katholiken, und auch Kleinstpfarreien wie in Jemen – und das große "Inkognito" in Saudi-Arabien. Überall haben wir eine "relative" Gottesdienstfreiheit.

Wir sind auch eine "Multiritual Church": Bei uns kommen fast alle Riten vor, da es zum Beispiel auch Christen aus dem Irak und aus Jordanien gibt. Neben den Katholiken gibt es noch andere christliche Glaubensgemeinschaften wie die Anglikaner, die Südindische Kirche oder die Mar-Thomas-Kirche. Viele Syro Malakaren und Melkiten möchten häufig auch einen eigenen Priester, und nicht immer kann ich den Quoten entsprechend Priester für diese Menschen entsenden.

Es handelt sich also um ein sehr delikates Gleichgewichtsspiel zwischen diesen Ländern, Rassen, Riten und Kulturen. Manchmal gibt es auch die klassischen Platzkämpfe, und da muss sich der Bischof oft einbringen, um das Miteinander zu gewährleisten.

ZENIT: Gibt es in den Ihnen anvertrauten Gebieten die Möglichkeit zur öffentlichen Evangelisierung?

Bischof Paul Hinder: Es gibt in meinem Vikariat keine Mission im klassischen Sinn gegenüber der einheimischen Bevölkerung. Es gibt kaum eine Vermischung zwischen Christen und Muslimen. Wir nehmen vor Ort grundsätzlich keine Konversionen an. Das gefährdet den Konversionswilligen und seine Familie und würde auch unsere Tätigkeit schlagartig verunmöglichen. Die Häufigkeit der Gesuche ist nicht so hoch. Da sind uns die Hände gebunden. Natürlich wurden uns in der Vergangenheit auch durchaus Fallen gestellt: Ein so genannter Konversionswilliger kam daher, und der Priester spürte irgendwie, dass man hier vorsichtig sein müsse. Später stellte sich heraus, dass das Ganze angezettelt war.

Es gibt auch evangelikale Gruppen, die ihren Glauben attraktiv leben und versuchen, unter den Muslimen Bekehrungen vorzunehmen. Sie haben in einem Fall Bibeln verteilt, und für diese Aktion mussten dann alle Christen büßen.

Was die Vermischung mit Muslimen angeht, so müssen Sie bedenken, dass ein Mann, der eine Muslimin heiratet, den Islam als Religion annehmen muss. Eine Christin, die einen Muslim heiratet, darf zum Beispiel Katholikin bleiben. Ich habe einen derartigen Fall in unserer Pfarrei. Als Einzelperson kann sie ihren Glauben weiter praktizieren, aber das hängt natürlich auch sehr vom Verhalten des Mannes ab.

Ich habe in der Osternacht vor einem Jahr zehn erwachsene Inder getauft. In Saudi-Arabien beispielsweise sieht man nie eine Frau allein, am allerwenigsten am Steuer; dann kommt man nach Oman, und dort ist es wieder ganz anders, viel freizügiger. Zwischen den einzelnen Ländern gibt es sehr große Unterschiede.

In unserem Gebiet herrschen unterschiedliche Lebensbedingungen, mit denen wir Christen klarkommen müssen. So wurden in Saudi-Arabien zum Beispiel Bibeln und Kreuze beschlagnahmt. Jede nichtmuslimische Religionsausübung wird von der Religionspolizei brutal verfolgt. Wenn man unsere Gemeinden dort anschaut, könnte man meinen, es handle sich um eine Kirche, in der das Christentum "auf Sparflamme" gelebt wird. Aber jede Manifestation kann gefährlich sein, weil die Menschen, was ihre Religiosität angeht, viel aktiver sind als wir.

Ich gebe Ihnen ein kleines Beispiel dazu: Die Kirche in Dubai ist auch am Werktag zweimal annähernd randvoll. Dort entdeckt man um 6.30 Uhr in der Frühe mehr als 1.000 Menschen in der Werktagsmesse. Und am Abend ist es ähnlich. Ich kann sagen, dass sich in den wenigen Kirchen an Sonn- und Feiertagen Tausende von Gläubigen treu zu den Gottesdiensten versammeln.

ZENIT: Dann können wir auch für Arabien, ähnlich wie für China sagen, dass es für die Christen und für die Kirche eine gewisse private Kultusfreiheit gibt. Wie steht es um die Versammlungsmöglichkeit in Gotteshäusern oder Schulen?

Bischof Paul Hinder: Es gibt Schulen in allen Gebieten. Die St. Marys School wird von Ordensschwestern geführt. 1.500 Schülern werden dort vom Kindergarten bis hin zur universitären Reife ausgebildet. Es gibt dann auch die Sacred Heart School in Bahrein. Das sind relativ große Schulen .Es gibt auch vier Privatschulen in den Arabischen Emiraten. Diese Schulen stehen auch arabischen Schüler offen, auch wenn man versucht, darauf zu schauen, dass sie mehrheitlich von Katholiken besucht werden.

Jeder Scheich hat einen oder mehrere Landstriche für eine kirchliche Einrichtung zur Verfügung gestellt. In Bahrain wurde Ende der dreißiger Jahre eine Kirche gebaut, die später vergrößert worden ist. Katar hatte früher eine ähnlich ablehnende Haltung wie Saudi-Arabien. Es hat sich aber jüngst mehr geöffnet. Der Scheich hat tatsächlich ein Stück Land zu Verfügung gestellt.

In all diesen Ländern brauchen wir viel Geduld. Die Grundsteine für eine Kirche in Katar sind jetzt gelegt. Die Situation ist sehr delikat und braucht Fingerspitzengefühl, da so etwas bei fundamentalistischen Gruppen oft auch auf Widerstand stoßen kann.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten haben wir sechs Pfarreien und auch Kirchen. Es gibt dort keine Kirchtürme oder Symbole, die äußerlich sichtbar wären, aber drinnen gibt es die schon. In Rasaken konnten wir eine kleine Kirche, die schon seit sechs Jahren bestanden hat, erst jetzt öffnen. Das erlaubte eben erst der Sultan, dessen Vater sich dagegen gewehrt hatte.

ZENIT: Haben Sie als Bischof Bewegungsfreiheit? Können sie beispielsweise nach Saudi-Arabien einreisen und die Lage vor Ort sondieren? Sind sie schon einmal dort gewesen?

Bischof Paul Hinder: Auf die letzte Frage will ich keine Antwort geben. Ich kann nur sagen, dass ich mit den Christen in Saudi-Arabien in Kontakt bin. Ich hatte erst im Dezember ein langes Gespräch mit dem Sultan von Oman. Dort gibt es gute Kontakte, eine volle Akzeptanz meiner Rolle als Bischof, und ich konnte viele praktische Fragen dort klären. Der "Religious Adviser", also der Religiöse Berater des Präsidenten der Arabischen Emirate, lud mich kürzlich ein. Der ägyptische Botschafter war auch zugegen, er saß zu seiner Rechten und ich zu seiner Linken. Vor zwei Jahren habe ich auch den Ministerpräsidenten von Jemen besucht. Wenn es Probleme gibt, dann meist auf untergeordneter Ebene, wenn es um das Alltägliche geht. Ich war jetzt auch drei Wochen in Oman.

Dass es wegen des Karikaturenstreites zu Übergriffen in den Emiraten gekommen sei, ist mir nicht bekannt. Vielleicht mit der Ausnahme von Saudi-Arabien. Natürlich wird so etwas in Saudi-Arabien, Syrien und im Iran instrumentalisiert – für Ausschreitungen und fragwürdige Übergriffe. Es gibt bei uns immer Fälle der Marginalisierung von "Expatriates" (Gastarbeiter), die immer schneller öffentlich angeprangert werden, wenn diese Menschen etwa bei einem Vergehen erwischet werden. Es wurde mir aus glaubwürdiger Quelle gesagt, dass die Sicherheitsstufe für christliche Kirchen in den einzelnen Ländern der Arabischen Emirate erhöht worden sei. Man legt in den Emiraten auf diesen Schutz wert, denn es geht hier ja auch um den internationalen Ruf. Im Alltag habe ich davon aber nichts gemerkt.

ZENIT: Wenn ein öffentliches Bekenntnis von Glaubenserfahrungen im Mittleren Osten so nicht denkbar ist, wie steht es dann um eine Auseinandersetzung mit den christlichen Werten und der christlichen Soziallehre?

Bischof Paul Hinder: Das ist eine ständige Gratwanderung, bei der wir äußerst vorsichtig sein müssen. Ich als Bischof könnte es mir so nicht leisten, einen Sozialhirtenbrief zu verfassen, in dem ich die sozialen Ungerechtigkeiten, die es natürlich auch gibt, öffentlich anprangere. Das könnte ich nicht machen, denn nach einer solchen Aktion könnte ich sofort heimgehen. In diesem Sinn sind mir die Hände gebunden.

Ich kann aber versuchen, über andere Kanäle Einfluss zu nehmen. Denn es ist ja nicht der Fall, dass die Regierenden die aktuellen Schwierigkeiten in ihren Ländern nicht sähen. Unsere Position dort ist aber im Augenblick noch zu schwach, um im sozialen Bereich etwas Größeres zu bewirken. Wir müssen äußerst vorsichtig sein, wenn wir uns für christliche Werte wie etwa die Gleichberechtigung der Frau oder gerechte Arbeitsbedingungen einsetzen. Wir haben keine organisierte Caritas. Das liegt an vielen Bestimmungen, die in diesen Ländern gelten. Wir brauchen ja für alle offiziellen Einrichtungen einen einheimischen, und von uns aus gesehen, verlässlichen Partner, der 51 Prozent der Einrichtung mit trägt, sonst können wir keine Organisationen einrichten.

Bedenken Sie, dass die meisten Ausländer keinen einheimischen Pass bekommen, sondern nur ein vorläufiges Visum, das zurzeit auf 3 Jahre begrenzt ist. Für jede meiner Reisen muss ich aber ein neues Einreisevisum beantragen, da ich ja nicht als Schweizer Tourist unterwegs bin, sondern als Vertreter der Kirche. In Katar bekomme ich das Visum bei der Einreise. In Abu Dhabi gehe ich zur Botschaft, stelle den Visumsantrag und muss dann warten.

Dazu gilt es, noch einen anderen Faktor zu bedenken: In den Vereinigten Arabischen Emiraten sind ja 75 Prozent der Einwohner Ausländer, in Bahrain 34 Prozent, in Saudi-Arabien 27,3 Prozent. Diese bekommen alle kein Recht auf Einbürgerung, also keinen einheimischen Pass. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man langfristig eine Gesellschaft errichten kann, bei der zwei Drittel von der aktiven Gestaltung und der politischen Mitverantwortung ausgeschlossen sind. Wie da eine Kultur entstehen soll, ist schwer zu beschreiben.

ZENIT: Wie kommt es, dass ein Kapuziner zum Bischof des Apostolischen Vikariates Arabien mit Sitz in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emiraten, ernannt wird? War es Ihre Sehnsucht, dort im Mittleren Osten als Seelsorger zu wirken?

Ich bin 1962 in de Kapuzinerorden eingetreten, und mein Wunsch war es damals, nach Afrika zu gehen. Das hat sich aber durch widrige Umstände zerschlagen. Ich wurde irgendwann Generaldefinitor des Ordens und Vertreter für die deutschsprachigen Kapuziner in der Ordensleitung in Rom. Daneben war ich auch für Frankreich, die Niederlande und Belgien zuständig. Später kam dann meine Verantwortung für die Präsenz des Ordens im Nahen und Mittleren Osten dazu, und damit hat, was meine Ernennung angeht, das "Unheil" begonnen. Ich hatte meinem Ordensgeneral schon gesagt, dass ich weder geneigt noch erpicht darauf sei, diese Aufgabe zu übernehmen. Er wiegte mich daraufhin in der Sicherheit, dass dies nicht der Fall sei. Aber natürlich war die Suche schwierig, weil man eben Sinn für diese kulturelle Vielfalt, die Sprache und eine gewisse Äquidistanz zu den einzelnen Gruppen braucht.

Nachdem zwei Listen in Rom nicht durchgekommen waren, wurde ich Anfang April 2003 gewahr, dass mein Name auf der dritten Liste stand. Ich kannte natürlich die Situation der Kirche durch mehrere Besuche und durch die Begleitung der Kapuziner vor Ort im Auftrag der Generalleitung.

Damit sie meine Gemütslage nachvollziehen können: Am 2. April kam der Brief, dass mein Name im Spiel war. Unabhängig von dieser Frage musste ich damals ins Heilige Land. Und ich habe die Zeit nicht so sehr zur Visitation meiner Mitbrüder benutzt, sondern mehr als Zeit des Gebetes und des Kampfes für mich selbst. Am Gründonnerstag bin ich weinend in den Ölgarten gegangen und habe dort im Gebet gerungen. Es war nicht so einfach. Ich habe dort unter anderem auch mit einer deutschsprachigen Benediktinerin gesprochen. Ich bin dann gelassen zurückgegangen, sozusagen mit "ignatianischer Indifferenz", bereit, für den Orden die Verantwortung für die Katholiken in der dortigen so schwierigen Lage zu übernehmen.