„Damit unser Leben Frucht bringt“: Bischof Küng über Allerheiligen und Allerseelen

Interview mit dem Diözesanbischof von Sankt Pölten

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SANKT PÖLTEN, 31. Oktober 2007 (ZENIT.org).- „Allerheiligen ermutigt uns, christlich zu leben“, erklärt der Sankt Pöltner Diözesanbischof zum morgigen Hochfest.



Im Gespräch mit ZENIT ermutigt er die Gläubigen, „den Schritt dem großen Ziel entgegen wenn möglich zu beschleunigen. Oder anders gesagt: Wir sollten uns in der Ewigkeit verankern und tun, was uns möglich ist, damit unser Leben Frucht bringt.“

ZENIT: Herr Bischof, am Nationalfeiertag wurde in Linz Franz Jägerstätter selig gesprochen und am darauf folgenden Sonntag auf dem Petersplatz in Rom fast 500 spanische Märtyrer. Morgen, Donnerstag, werden wir wie jedes Jahr Allerheiligen begehen. Was möchte uns dieser Festtag gerade jetzt sagen?

Bischof Küng: Allerheiligen ist ein wichtiges Fest der Kirche, das Hoffnung gibt. Durch die Seligsprechung von Franz Jägerstätter oder der fast 500 spanischen Märtyrer bekundet die Kirche in feierlicher Weise – wie sie dies bei allen Selig- und Heiligsprechungen tut –, dass nach ihrem Urteil diese Menschen in heroischer Weise für den Glauben ihr Leben hingegeben haben und daher verehrungswürdig sind.

Am Hochfest Allerheiligen gedenken wir aber nicht nur jener, die von der Kirche nach einer genauen Untersuchung ihrer Lebensweise zur Ehre der Altäre erhoben wurden. Wir denken an alle Menschen, die ihr Lebensziel in Gott erreicht haben. Die geheime Offenbarung spricht von einer großen Schar, die niemand zählen kann.

Allerheiligen ermutigt uns, christlich zu leben und den Schritt dem großen Ziel entgegen wenn möglich zu beschleunigen. Oder anders gesagt: Wir sollten uns in der Ewigkeit verankern und tun, was uns möglich ist, damit unser Leben Frucht bringt.

ZENIT: Helfen uns die Heiligen tatsächlich?

Bischof Küng: Die Heiligen sind für uns ein Vorbild und helfen uns durch ihre Fürsprache. Es gibt unzählige Beispiele von Gebetserhörungen durch die Fürsprache von Heiligen: Oft handelt es sich um kleine oder auch wichtige „Fügungen“ im Alltag oder in bestimmten Situationen; manchmal geschehen echte Wunder, die bis auf den heutigen Tag in großer Zahl bezeugt werden.

ZENIT: Wie können wir eine lebendige Beziehung zu denen aufbauen, die schon bei Gott sind?

Bischof Küng: Sehr wertvoll und hilfreich ist die Lektüre der Heiligenbiographien und der Schriften, die sie uns hinterlassen haben. Darunter befinden sich wahre geistliche Schätze, die für unser eigenes Leben sehr wertvoll sein können. Außerdem ist es etwas Wunderschönes, im Laufe des Kirchenjahres die Feste der einzelnen Heiligen bewusst zu feiern. Wir stoßen dabei auf eine unglaubliche Vielfalt von Persönlichkeiten, Lebensgeschichten, Erfahrungen, Verdeutlichungen des Evangeliums und der Wirksamkeit des Heiligen Geistes.

Ich halte auch die Verehrung von bestimmten Heiligen im Alltag für sehr hilfreich im christlichen Leben. Man darf dabei auch Vorlieben haben, das heißt Heilige, die man besonders verehrt. Maria kommt dabei wohl immer der vorderste Platz zu.

Wer es sich angewöhnt, bei der Erfüllung von Aufgaben, in der Sorge um andere Menschen, in Notsituationen sich an die Heiligen zu wenden, entdeckt die Zugehörigkeit zu einer großen Familie im Himmel und auf Erden, die Gemeinschaft der Heiligen. Diese Familie schenkt Geborgenheit, vermittelt Halt, schenkt Ermutigung und ist eine Stütze in allen Lagen.

ZENIT: Auf das Fest Allerheiligen folgt Allerseelen. Der Tod ist oft ein Tabuthema, die Verstorbenen werden mitunter vergessen. Was sind wir ihnen schuldig?

Bischof Küng: Die Liebe zu den Verstorbenen bewirkt, dass wir ihrer gedenken und für sie beten. Allerseelen lädt uns dazu ein.

Es ist gut für uns, die Erinnerung an jene, die uns in die Ewigkeit vorausgegangen sind, wach zu rufen, um uns bewusst zu machen, wie viel wir ihnen verdanken, was sie alles für uns getan haben, wie sehr wir sie geliebt haben und weiterhin lieben. Wir beten für sie für den Fall, dass sie unseres Gebetes bedürfen, weil sie vielleicht ihr Ziel noch nicht ganz erreicht haben.

Unser Gebet für sie ist immer sinnvoll, selbst dann, wenn wir hoffen dürfen, dass sie sicher ganz nahe bei Gott sind. Die Verbundenheit mit ihnen im Gebet wird uns selbst in unserem Christsein ermutigen oder anderen Verstorbenen zu gute kommen.

ZENIT: Ist es wirklich notwendig, ihre Gräber aufzusuchen?

Bischof Küng: Es ist für uns selbst hilfreich, die Gräber aufzusuchen. Diese Gewohnheit erleichtert uns, unsere Verbundenheit mit den Verstorbenen auszudrücken und an ihrem Grabe innezuhalten.

Die Kirche empfiehlt, den „Ablass“ für die Verstorbenen zu gewinnen: Dies kann ab Allerheiligen den ganzen November hindurch durch den Gräberbesuch geschehen, verbunden mit persönlicher Beichte als Zeichen des Wunsches nach Umkehr, Empfang der heiligen Kommunion und Gebet für die Verstorbenen.

Der Ablass hat den Nachlass der zeitlichen Sündenstrafe als Ziel, ist für Verstorbene also ein Werk der Nächstenliebe. Zugleich ist er ein Ansporn für uns selbst: Wir bitten für die Verstorbenen nicht nur mit einem Gebet, sondern mit der Bekundung, unser Leben verbessern zu wollen. Deshalb empfangen wir, um einen Ablass zu gewinnen, das Bußsakrament und die heilige Kommunion mit dem Vorsatz, Sünde zu vermeiden.

Die Empfehlung der Kirche, Ablässe für die Verstorbenen zu gewinnen, macht die innere Verbundenheit zwischen Verstorbenen und Lebenden in besonders schöner und sinnvoller Weise bewusst.

ZENIT: Welchen Stellenwert hat ein lebendiges Bewusstsein für die Verstorbenen und das Sterben überhaupt angesichts der beiden Versuchungen, das Leben so weit wie möglich in die Länge zu ziehen oder aber es vorzeitig zu beenden, wenn es unerträglich zu sein scheint?

Bischof Küng: Es ist wichtig, die Tatsache, dass unser Leben begrenzt ist, nicht nur nicht zu verdrängen, sondern regelmäßig ganz bewusst daran zu denken und zum Beispiel den Tod von Verwandten und Bekannten als Anlass dafür zu nehmen.

Der Tod gehört zu unserem Leben. Gerade deshalb ist es wichtig, die Zeit, die Gott uns schenkt, gut zu nützen, Gutes zu tun, möglichst bald umzukehren, wenn wir uns verrannt, einen groben Fehler begangen haben. Immer wieder werden wir über unser Leben nachdenken müssen.

Dieses Leben hat seinen Sinn in schönen und in schwierigen Stunden, es liegt in Gottes Hand. Es wird der Augenblick kommen, da es hier auf Erden zu Ende geht, was aber in Wirklichkeit nicht sein Ende sein, sondern zu einem Neuanfang führen wird.

Der Mensch darf über sein Leben nicht einfach verfügen. Gottes Beistand wird nicht fehlen, wenn es schwer wird.

Der heilige Paulus lehrt, dass jenen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht. Das ist sehr trostreich. Gerade in der heutigen Zeit, in der der Mensch versucht ist zu meinen, alles sei machbar, halte ich es für sehr wichtig, über die Würde und den Wert des menschlichen Lebens mit einer großen Ehrfurcht vor Gott und den Menschen zu wachen.

ZENIT: Wie begehen Sie die beiden Gedenktage?

Bischof Küng: Solange ich in meiner eigenen Heimat lebte, war es für mich selbstverständlich, zu Allerheiligen am Nachmittag das Grab meiner Eltern und anderer Verwandten und Bekannten aufzusuchen. Das war immer auch verbunden mit einem Verwandtschaftstreffen. Nachmittags gab es eine öffentliche Andacht auf dem Friedhof, und abends beteten wir in der Familie den Rosenkranz für die Verstorbenen.

Jetzt, als Bischof, steht an Allerheiligen das Pontifikalamt anlässlich des Hochfestes im Zentrum, und an Allerseelen gibt es ein feierliches Requiem insbesondere für die verstorbenen Bischöfe und Priester sowie alle Gläubigen der Diözese mit anschließendem Gebet in der Krypta des Domes, wo die verstorbenen Bischöfe und die Domkapitulare begraben sind.