Dankbarkeit, wirksames Mittel gegen die Säkularisierung

Interview mit dem Gründer einer neuen Missionsgemeinschaft

| 1138 klicks

ROM, 27. August 2007 (ZENIT.org).- Dankbarkeit sollte die eigentliche Motivation für ein moralisch integres Leben sein, betont der Gründer der Franziskanermissionare Mariens, einer jungen geistlichen Familie.



Die Franziskanermissionare, die auch „Missionare der Dankbarkeit“ genannt werden, wirken in 78 Diözesen in 22 Ländern. Sie umfassen mehr als 10.000 Laienmitglieder, geweihte Frauen, Priester und Seminaristen. Die Statuten der Gemeinschaft erhielten vor kurzem im Vatikan die päpstliche Approbation.

Im folgenden ZENIT-Interview spricht Pater Santiago Martín, Journalist und Priester der Erzdiözese Madrid, über Ursprung und Bedeutung dieses neuen missionarischen Wegs, nach Heiligkeit zu streben und das Evangelium zu verbreiten.

ZENIT: Was veranlasste Sie dazu, die Franziskanermissionare zu gründen?

-- Pater Martín: Wenn man die Geschichte der Kirche betrachtet, sieht man, dass der Prozess der Gründung einer Gemeinschaft immer sehr ähnlich verläuft: Zuerst kommen Probleme auf, und dann kommt eine Lösung.

Es gab verwahrloste Kinder auf den Straßen, und der Heilige Geist bewegte jemanden – den heiligen Don Bosco –, etwas für sie zu tun. So entstanden die Salesianer. Bettler säumten die Straßen von Kalkutta, und der heilige Geist drängte die selige Mutter Teresa, die Missionarinnen der Nächstenliebe zu gründen. Etwas Ähnliches passierte mir.

ZENIT: Welches Problem bemerkten Sie?

-- Pater Martín: Die Säkularisierung. Das Werk, das ich ins Leben gerufen habe, richtet sich direkt gegen dieses Übel, das Gott aus dem Herzen des Menschen herausreißt und, als Folge davon, Gott und alle religiösen Dinge aus der Gesellschaft entfernt.

In den vergangenen Jahren ist eine selbstmörderische Perversion Mode geworden, in Form einer Botschaft, die von gewissen Personen in der Kirche vermittelt worden ist. Sie verkündeten, dass es die Hölle nicht gäbe oder dass sie leer wäre und dass jeder in den Himmel käme. Das stimmt zwar nicht, aber die meisten Leute glauben es.

Die Mehrheit der Menschen, die sich bei ihrem Tun von der Angst, bestraft zu werden, oder von vordergründigen Nützlichkeitserwägungen (Erwartung eines Lohns schon hier auf Erden und später im Himmel) leiten ließen, bekamen nun plötzlich gesagt, dass sie – unabhängig von ihren Taten – den gleichen Lohn erhalten würden. Und so hörten sie auf, sich von religiösen Motivationen leiten zu lassen.

Diese Motivationen, die in der Vergangenheit so stark waren, haben sich als unwirksam erwiesen, insbesondere in den Ländern, in denen sich der Lebensstandard stark verbessert hat und es nicht mehr viel materielle Not gibt.

Auf diese Weise hat die Krise des Glaubens an Himmel und Hölle den Säkularismus hoffähig gemacht und die Menschen dazu geführt, Gott zu vergessen – zumindest im Alltag.

ZENIT: Wie spielt die Dankbarkeit hier hinein?

-- Pater Martín: Bei dieser Neugründung handelt es sich um eine geistliche Bewegung, die auf der Dankbarkeit gründet, weil ich glaube, dass dies die beste Art ist, die Entfremdung von Gott zu bekämpfen.

Ich habe erkannt – und ich glaube fest daran, dass es durch Gottes Eingebung geschah –, dass das Problem darin besteht, dass wir es uns seit Jahrhunderten gemütlich eingerichtet haben, indem wir aus Motivationen Gewinn zogen, die in Wirklichkeit, sofern sie überhaupt echt sein sollten, vorchristlich waren.

Es stimmt, dass die Heiligen auf die Liebe zu Gott größten Wert legten, aber die meisten Katholiken gehen auf dem Weg ihrer Beziehung zu Gott vom Vorteilsdenken aus und von der Angst, bestraft zu werden.

Das ist es, was mich zur Überzeugung geführt hat, dass die Lösung des Problems der Säkularisierung die Form einer geistlichen Umwandlung, einer Bekehrung annehmen sollte, die im Herzen des Katholiken den echten Grund legt, um dessentwillen die Dinge getan werden sollten: die Dankbarkeit gegenüber Gott, der uns so sehr liebt, dass er sein Leben für uns hingegeben hat.

ZENIT: Nennen Sie Ihre Gemeinschaften in den Pfarreien deshalb „Schulen der Dankbarkeit“?

-- Pater Martín: Genauso ist es. Wir haben ein Bildungsprogramm ausgearbeitet, das die Menschen lehren soll, dankbar zu sein.

Zuerst gilt es, ihnen begreiflich zu machen, wie sehr Gott sie liebt. Zweitens geht es für sie darum zu verstehen, dass Gott Rechte hat und dass wir ihm gegenüber Pflichten haben, Pflichten der Dankbarkeit.

Der dritte Aspekt besteht darin, sie zu lehren, im alltäglichen Leben dankbar zu sein, da Dankbarkeit durch Taten der Liebe erwiesen werden sollte. Und hierbei ist das Wort Gottes, das die Kirche uns jeden Sonntag anbietet, unser Bezugspunkt.

ZENIT: Wie erklärt sich der Name Franziskanermissionare Mariens?

-- Pater Martín: Der heilige Franziskus war der erste, der öffentlich anprangerte, dass die Katholiken Gott nicht aus dem richtigen Motiv heraus suchten. Er tat dies nach der Vision, die ihn unter Tränen sagen ließ: „Die Liebe wird nicht geliebt.“

Was die allerseligste Jungfrau anbetrifft, so bedeutet sie für uns alles – zusammen mit dem heiligen Johannes Bosco, als dessen geistlichen Sohn ich mich fühle.

Ich möchte sagen, dass es Maria war, die aus unserer Mitte heraus alles bewirkt hat. Sie ist das Vorbild für die Liebe zu Gott; denn in ihr, in der Unbefleckten, war kein Raum für Vorteilssuche noch Furcht. Alles war Liebe. Sie lehrt uns, Gott mit einem eucharistischen, dankbaren Herzen zu lieben.

ZENIT: Wie hat sich die Bewegung ausgebreitet?

-- Pater Martín: Es ging sehr schnell, vor allem dank der Medien und besonders dank Mutter Angelicas Fernsehsender EWTN.

Ich denke aber, dass der Grund für diese schnelle Ausbreitung darin besteht, dass die Menschen bereit sind, diese Botschaft aufzunehmen. Sie hungern danach, nicht nur von Gottes Liebe zu hören, sondern auch davon, Gottes Liebe zu erwidern und zu erfahren, wie man das macht.

Unsere Missionstätigkeit, die im Lieben besteht und darin, die Menschen dazu zu bringen, die Liebe zu lieben – Gott zu lieben, der die Liebe ist –, wird überall mit großer Begeisterung aufgenommen.

Zenit: Wo ist die Bewegung tätig?

-- Pater Martín: Wir sind in ganz Amerika präsent, von Kanada bis Chile, und in mehreren Diözesen Spaniens.

Wir haben auch begonnen, in Italien zu wirken, in Polen und in den Niederlanden (Amsterdam). Wir sind auch in Sri Lanka.

Es ist die Jungfrau Maria, die uns vorausgeht und uns den Weg ebnet, und wir beginnen einfach nur mit einer „Schule der Dankbarkeit“ – dort, wo die Menschen daran interessiert sind, eine solche einzurichten. Normalerweise haben die Menschen von diesen Schulen durch die Medien erfahren, oder weil ihnen davon erzählt wurde.

ZENIT: Ist die Bewegung Laien vorbehalten?

-- Pater Martín: Nein, sie ist für jeden, weil wir alle dazu aufgerufen sind, den ganzen Tag über eucharistisch zu leben, das heißt „in Danksagung“.

Ich denke, dass es eine Bewegung ist, die insbesondere für die Priester entstand, sowohl wegen des geistlichen Gewinns, den sie erzielen können, als auch wegen der Unterstützung, die die Pfarreien von den „Schulen der Dankbarkeit“ bekommen.

Wir bestehen auf der Notwendigkeit, den Pfarreien zu helfen, und zwar aufgrund der Tatsache, dass man durch sie in die Diözesen eingefügt werden muss.

Ich bin davon überzeugt, dass die Zukunft der Kirche in der Einheit von Bewegungen und Pfarreien liegen wird. Dies ist der Grund dafür, dass unsere Bewegung im Wesentlichen mit den Pfarreien zusammenarbeitet.

ZENIT: Es gibt also einen Zweig, der speziell für die Priester vorgesehen ist?

-- Pater Martín: Ja, und auch einen Zweig für geweihte Frauen. Die von der Kirche vor kurzem approbierten Statuten setzen diese drei Berufungen fest: Laien, geweihte Frauen und Priester.

Der Ruf zur Dankbarkeit gilt für jeden. Ja, ich wage sogar zu behaupten, dass er für den Priester mehr gilt als für jeden anderen, weil der Priester Diener der Eucharistie und die Eucharistie Danksagung schlechthin ist.