„Danken wir dem Herrn für das Geschenk der Heiligkeit“

Predigt von Papst Benedikt XVI. bei der Heiligsprechung am 12. Oktober

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ROM, 31. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Zum morgigen Hochfest Allerheiligen veröffentlichen wir die offizielle Übersetzung der Predigt, die Papst Benedikt XVI. am 12. Oktober bei der feierlichen Heiligsprechung von drei Frauen (aus der Schweiz, Inderin und Ecuador) und eines italienischen Priesters auf dem Petersplatz in Rom gehalten hat.

Vor rund 40.000 Gläubigen machte der Heilige Vater deutlich, warum die erste aus Indien stammende Heilige Alphonsa von der Unbefleckten Empfängnis (Anna Muttathupadathu, 1910-46), die Schweizer Ordensgründerin Maria Bernarda Bütler (1848-1924), die aus Ecuador stammende Narcisa de Jesús Martillo Morán (1833-69), die dem dritten Orden der Dominikanerinnen angehörte, und der neapolitanischen Priester und Ordensgründer Gaetano Errico (1791-1860) für alle Christen nachahmenswerte Vorbilder sind.

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Liebe Brüder und Schwestern,

vier neue Heilige werden heute der Verehrung der Universalkirche vorgestellt: Gaetano Errico, Maria Bernarda Bütler, Alfonsa von der Unbefleckten Empfängnis und Narcisa De Jesus Martillo Moràn. Die Liturgie verwendet dabei das aus dem Evangelium stammende Bild der Gäste, die in festlichen Gewändern am Hochzeitsmahl teilnehmen. Das Bild vom Hochzeitsmahl finden wir auch in der ersten Lesung und an verschiedenen anderen Stellen der Bibel wieder: es ist ein freudiges Bild, denn das Festmahl wird anläßlich einer Hochzeit gehalten, nämlich des Liebesbundes zwischen Gott und seinem Volk. Auf diesen Bund haben die Propheten des Alten Testamentes stets die Erwartung Israels gelenkt. Und in einer Zeit, die von den verschiedensten Prüfungen gezeichnet war und das auserwählte Volk angesichts der Schwierigkeiten im Begriff war, den Mut zu verlieren, da erhob sich die beruhigende Stimme des Propheten Jesaja: »Der Herr der Heere«, sagt er, »wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen … mit erlesenen Weinen, mit den besten und feinsten Speisen, mit besten, erlesenen Weinen« (25,6). Gott wird der Traurigkeit und der Schmach seines Volkes, das nun endlich mit ihm in glückseliger Gemeinschaft leben kann, ein Ende bereiten. Niemals läßt Gott sein Volk allein; daher lädt der Prophet zur Freude ein: »Seht, das ist unser Gott, auf ihn haben wir unsere Hoffnung gesetzt, er wird uns retten« (V. 9).

Während die erste Lesung die Treue Gottes und seine Verheißung preist, läßt uns das Evangelium im Gleichnis vom Hochzeitsmahl über die Antwort der Menschen nachdenken. Einige von denen, die als erste eingeladen worden waren, kümmerten sich nicht um die Einladung, da sie sich für andere Dinge interessierten; andere wiesen die Einladung des Königs sogar zurück, wodurch sie seine Strafe nicht nur auf sich, sondern auf die ganze Stadt zogen. Der König verliert jedoch nicht den Mut und schickt seine Diener, um nach anderen Gästen zu suchen, die den Festsaal füllen sollten. Somit führt die ablehnende Haltung jener, die als erste eingeladen wurden, dazu, daß die Einladung nun an alle gerichtet wird, mit besonderer Vorliebe für die Armen und Rechtlosen. Und genau dies ist im Ostergeheimnis geschehen: die Übermacht des Bösen wird von der Allmacht der Liebe Gottes besiegt. Der auferstandene Herr kann nun alle zum Festmahl der österlichen Freude einladen, wobei er selbst den Gästen das Hochzeitsgewand übergibt als Zeichen der unentgeltlichen Gabe seiner heiligmachenden Gnade.

Auf die Großherzigkeit Gottes muß der Mensch jedoch mit seiner freien Zustimmung antworten. Eben diesen großherzigen Weg haben auch jene Menschen beschritten, die wir heute als Heilige verehren. In der Taufe empfingen sie das Hochzeitsgewand der göttlichen Gnade, sie bewahrten es rein und unversehrt und ließen es im Laufe ihres Lebens durch die Sakramente noch reiner werden. Nun haben sie Anteil am himmlischen Hochzeitsmahl. Dieses endgültige Fest im Himmel ist vorweggenommen im Mahl der Eucharistie, zu dem uns der Herr jeden Tag einlädt und an dem wir im Hochzeitsgewand seiner Gnade teilnehmen sollen. Wenn wir dieses Gewand durch die Sünde beflecken oder gar zerreißen, dann weist uns Gott in seiner Güte nicht zurück und überläßt uns nicht unserem Schicksal. Er gibt uns vielmehr im Sakrament der Versöhnung die Möglichkeit, das für das Fest notwendige Hochzeitsgewand unversehrt wieder zu bekommen.

Der Dienst der Versöhnung ist somit ein stets aktueller Dienst. Ihm widmete sich der Priester Gaetano Errico, Gründer der Kongregation der Missionare von den heiligsten Herzen Jesu und Mariä, mit Gewissenhaftigkeit, Eifer und Geduld, ohne je dessen überdrüssig zu werden und ohne sich zu schonen. Er gehört somit zu jenen außergewöhnlichen Priestergestalten, die unermüdlich aus dem Beichtstuhl einen Ort machten, an dem sie die Barmherzigkeit Gottes weiterschenkten und dabei den Menschen halfen, sich selbst zu finden, gegen die Sünde zu kämpfen und auf dem Weg des geistlichen Lebens voranzukommen. Die Straße und der Beichtstuhl waren die bevorzugten Orte des seelsorglichen Wirkens dieses neuen Heiligen. Die Straße ermöglichte ihm, jenen Menschen zu begegnen, an die er für gewöhnlich die Einladung richtete: »Gott liebt dich. Wann sehen wir uns?«, und im Beichtstuhl ermöglichte er ihnen die Begegnung mit der Barmherzigkeit des himmlischen Vaters. Wie viele seelische Wunden hat er geheilt! Wie viele Menschen hat er dazu bewegt, sich mit Gott im Bußsakrament zu versöhnen! Auf diese Weise wurde Gaetano Errico zu einem Experten in der »Wissenschaft « der Vergebung, und er setzte sich dafür ein, sie seinen Missionaren zu vermitteln, wobei er ihnen empfahl: »Gott will nicht den Tod des Sünders. Er ist stets barmherziger als seine Diener. Seid daher so barmherzig, wie ihr könnt. So werdet ihr beim Herrn Barmherzigkeit finden

Maria Bernarda Bütler, die in Auw im Schweizer Kanton Aargau geboren wurde, hat schon sehr früh die Erfahrung einer tiefen Liebe zum Herrn gemacht. Wie sie sagte, »ist es fast unmöglich, dies anderen zu erklären, die es selbst nicht so verspürt haben«. Diese Liebe führte Verena Bütler, wie sie damals hieß, zum Eintritt in das Kapuzinerinnenkloster Maria Hilf in Altstätten, wo sie mit 21 Jahren ihre Gelübde ablegte. Im Alter von 40 Jahren empfing sie ihre missionarische Berufung und machte sich auf den Weg nach Ecuador und dann nach Kolumbien. Aufgrund ihres Lebens und ihres Einsatzes für ihre Mitmenschen hat sie mein verehrter Vorgänger Johannes Paul II. am 29. Oktober 1995 als Selige zur Ehre der Altäre erhoben.

Mutter Maria Bernarda, eine vor allem in Kolumbien unvergessene und viel geliebte Persönlichkeit, hatte in ihrem tiefsten Inneren verstanden, daß das Festmahl, das der Herr allen Völkern bereitet hat, in ganz besonderer Weise durch die Eucharistie repräsentiert wird. In ihr empfängt uns Christus selbst als Freunde und schenkt sich uns am Tisch des Brotes und des Wortes Gottes. Er stellt damit eine innige Bindung zu jedem von uns her. Das ist die Quelle und das Fundament für die Spiritualität dieser neuen Heiligen und ihrer Begeisterung für die Mission, für die sie ihr Geburtsland, die Schweiz, verließ, um sich neuen Aufgaben der Evangelisierung in Ecuador und Kolumbien zu öffnen. Während der schweren Zeiten, die sie durchmachen mußte, unter anderem auch das Exil, trug sie immer die Bitte des Psalms in ihrem Herzen, den wir heute gehört haben: »Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn bist bei mir« (Ps 23,4). Sie folgte dem Vorbild Mariens, gehorchte dem Wort Gottes und tat, was die Diener taten, von denen wir heute im Evangelium gehört haben: sie ging überall hin und verkündete, daß der Herr alle zu seinem Mahl geladen habe.

Damit ließ sie anderen teilhaben an der Liebe Gottes, dem sie treu und mit großer Freude ihr ganzes Leben widmete. »Er beseitigt den Tod für immer. Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht« (Jes 25,8). Diese Worte aus dem Propheten Jesaja enthalten die Verheißung, die Alfonsa von der Unbefleckten Empfängnis in ihrem Leben äußerster physischer und seelischer Leiden Kraft gegeben hat. Diese außergewöhnliche Frau, die heute der Bevölkerung Indiens als ihre erste Heilige geschenkt wird, war der Überzeugung, daß ihr Kreuz das eigentliche Mittel war, um das himmlische Gastmahl zu erreichen, das vom Vater für sie vorbereitet worden war. Indem sie die Einladung zum Hochzeitsmahl annahm und sich durch Gebet und Buße mit dem Gewand der Gnade Gottes schmückte, glich sie ihr Leben dem Leben Christi an und erfreut sich jetzt der »feinsten Speisen und erlesenen Weine« des Himmelreiches (vgl. Jes 25,6). Sie schrieb: »Für mich ist ein Tag ohne Leiden ein verlorener Tag.« Mögen wir sie nachahmen, indem wir unser Kreuz auf uns nehmen, um eines Tages zu ihr in das Paradies zu gelangen.

Die junge ecuadorianische Laiin Narcisa de Jesús Martillo Morán ist ein Beispiel dafür, wie wir der Einladung des Herrn, an seiner Liebe teilzuhaben, ohne zu zögern und bedingungslos folgen können. Schon in jungem Alter, beim Empfang des Sakraments der Firmung, fühlte sie in ihrem Herzen, daß sie zu einem heiligmäßigen Leben und zur Hingabe an Gott berufen war. Um dem Wirken des Heiligen Geistes in ihrer Seele fügsam zu folgen, suchte sie immer den Rat und den Beistand guter und erfahrener Priester, da sie die geistliche Führung für ein äußerst wirkungsvolles Mittel hielt, zur Heiligkeit zu gelangen. Die hl. Narcisa de Jesús zeigt uns den Weg zur christlichen Vollkommenheit, den wir alle gehen können. Obwohl sie außerordentliche und reichliche Gnaden empfangen hatte, führte sie ein einfaches Leben und widmete sich ihrer Arbeit als Schneiderin und ihrem Apostolat der Katechese. Ihre leidenschaftliche Liebe zu Jesus, die sie zu intensivem Gebet und extremen Bußübungen und zu einer immer stärkeren Identifizierung mit dem Geheimnis des Kreuzes führte, bietet uns ein faszinierendes Zeugnis eines beispielhaften Lebens, das völlig Gott und den Mitmenschen gewidmet war.

Liebe Brüder und Schwestern, danken wir dem Herrn für das Geschenk der Heiligkeit, das heute in der Kirche mit einzigartiger Schönheit erstrahlt. Jesus lädt jeden von uns ein, ihm auf dem Weg des Kreuzes zu folgen wie diese Heiligen, damit wir das ewige Leben als Erbe empfangen, das er uns durch seinen Tod geschenkt hat. Ihr Vorbild möge uns ermutigen, ihre Lehre uns Orientierung geben und Trost spenden; ihre Fürsprache stütze uns in den Mühen des Alltags, damit auch wir einst mit ihnen und allen Heiligen am ewigen Gastmahl im Himmlischen Jerusalem teilnehmen dürfen. Diese Gnade erwirke uns vor allem die Jungfrau Maria, die Königin der Heiligen, die wir in diesem Monat Oktober mit besonderer Andacht verehren. Amen.

        

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