Das armenische Volk und sein felsenfester christlicher Glaube (Erster Teil)

Interview mit Pater Tovma Khachatryan, Verantwortlicher der armenischen apostolischen Kirche in Italien

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 586 klicks

Als erstes Land der Welt, das das Christentum zur Staatsreligion erhob, erlebte Armenien im Laufe der Jahrhunderte Vorfälle, durch die die nationale Identität und der christliche Glaube dieses Volkes im Leiden gestärkt wurden. Dieses Leid geht bis in eine sehr nahe Vergangenheit zurück. Erst mit der Unabhängigkeit Armeniens von der Sowjetunion zu Beginn der neunziger Jahre wurde allmählich die Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern vor dem endgültigen Vergessen bewahrt, wodurch diese grausame Geschichte, die sich um 1915 zutrug, erstmals einer weltweiten Öffentlichkeit zugänglich wurde. Damals wurden Zehntausende von Armeniern von der türkischen Regierung deportiert und getötet. Weite Gebiete des Osmanischen Reiches, die Jahrhunderte lang von Armeniern bewohnt waren, wurden auf diese Weise entvölkert.

Wie jeder Genozid der Menschheitsgeschichte zog auch der Völkermord an den Armeniern eine Diaspora nach sich. Viele Flüchtlinge fanden einen sicheren Zufluchtsort in Italien, das ein Land mit einer uralten Tradition der Gastfreundlichkeit ist, und schlugen hier neue Wurzeln. Die Neuankömmlinge integrierten sich schnell, was sie aber nicht daran hinderte, die Bindung zu ihren alten Traditionen aufrecht zu erhalten, die im Kern aus einer besonderen Muttersprache und einer fest in ihrem Glauben verankerten Kirche bestehen. In Mailand, in der Via Jommelli, befindet sich die einzige Pfarrei der armenischen apostolischen Kirche. Ihr Pfarrer, Pater Tovma Khachatryan, sprach mit ZENIT über die Kirche, der er angehört, über ökumenischen Dialog, über die „Katastrophe“ von 1915 und über die armenische Gemeinde in Italien, die in diesen Tagen gerade das Weihnachtsfest begangen hat, das sie, einer alten christlichen Tradition folgend, am 6. Januar feiert.

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Wie entstand die armenische apostolische Kirche, und worin unterscheidet sie sich von der katholischen Kirche?

Pater Tovma: Die armenische apostolische Kirche wurde von zwei Aposteln unseres Herrn gegründet, dem heiligen Thaddäus und dem heiligen Bartholomäus. Eben deshalb heißt unsere Kirche „apostolisch“. Später, im Jahr 301, wurde durch das Wirken Gregors des Erleuchters und des Königs Trdat III. das Christentum in Armenien zur Staatsreligion erhoben. Die armenische apostolische Kirche bildet durch den Willen unseres Herrn den historischen, traditionellen und offiziellen Glauben der Armenier. Ich will ein paar Besonderheiten unserer Kirche hervorheben und ihre Hauptfeste nennen: Weihnachten, Ostern, Verklärung Christi, Himmelfahrt Mariens und Befreiung des Kreuzes. Anders als unsere Schwesterkirchen feiern wir Weihnachten am 6. Januar. In der armenischen apostolischen Kirche gibt es zwei Kategorien von Priestern: verheiratete und zölibatäre. Im Gegensatz zu den ersten dürfen die zweiten höhere kirchliche Ämter bekleiden, indem sie zum Beispiel „Vardapet“ werden (Gelehrte der armenischen Kirche), oder Bischof, oder – das höchste kirchliche Amt – Katholikos. Unsere heilige Messe, die wir „göttliche Liturgie“ nennen, wird gesungen und dauert etwa zwei Stunden. Sie basiert auf der Liturgie des heiligen Basilius und des heiligen Johannes Chrysostomos. Wir kennen sieben Sakramente. Die beiden ersten – Taufe und Firmung – werden den Kindern acht Tage nach der Geburt gespendet. Sie sind Voraussetzung für den Empfang der heiligen Kommunion. Mittwoch und Freitag werden von unseren Gläubigen meistens als zwei Fastentage eingehalten, und auch die vorösterliche Fastenzeit wird oft streng eingehalten. Unser liturgischer Kalender hat Gedenktage für alle ökumenischen Heiligen, die vor dem Konzil von Chalcedon gelebt haben. Danach werden nur noch armenische Heilige anerkannt. In letzter Zeit jedoch ist in allen Kirchen, durch die Macht des Heiligen Geistes, der Wunsch aufgekommen, über diese Unterschiede hinwegzublicken, entsprechend dem Wort des heiligen Augustinus: „Einheit in den notwendigen Dingen, Freiheit in den zweifelhaften, Nächstenliebe in allen.“

Man hat Sie auch als Monophysiten betrachtet, was Sie aber immer abgelehnt haben. Stimmt das?

Pater Tovma: Die Antwort auf diese Frage hängt natürlich mit der auf die erste Frage zusammen: Ja, unsere heilige Kirche hat, genau wie alle anderen altorientalischen Kirchen – die koptische, die äthiopische, die syrisch-orthodoxe und die indisch-orthodoxe –, das Konzil von Chalcedon abgelehnt. Diese Gruppe von Kirchen ist auch als „altorientalische“ oder „orientalisch-orthodoxe“ Kirchen bekannt. Das Konzil von Chalcedon nicht anzuerkennen bedeutet jedoch nicht, dass man dem Monophysitismus anhängt. Die heilige armenische apostolische Kirche hat, genau wie die anderen erwähnten Kirchen, die ersten drei Konzile bis inklusive dem von Ephesus im Jahr 431 anerkannt. In der ganzen Entwicklung ihrer Theologie ist sie immer der Formel des heiligen Cyrill treu geblieben, wonach „eine einzige Natur im Wort Gottes Fleisch wurde“. Jesus ist „vollkommen göttlich in Hinblick auf seine Göttlichkeit und vollkommen menschlich in Hinblick auf seine Menschlichkeit; seine Göttlichkeit ist im Sohn Gottes mit seiner Menschlichkeit verbunden, auf eine reale Weise, ohne Vermischung, ohne Trennung, ohne Durcheinander und ohne Wechsel.“ Ich verweise auch auf die gemeinsame Erklärung, die 1996 vom seligen Papst Johannes Paul II. und unserem ebenfalls verstorbenen Katholikos Gareghin I. unterschrieben wurde, um „die vielen Missverständnisse der Vergangenheit“ aufzuheben.

Da Sie gerade davon sprechen: Wie sehr hat der ökumenische Dialog der letzten Jahrzehnte dazu beigetragen, Ihre Kirche wieder an Rom anzunähern?

Pater Tovma: Die Entwicklung des ökumenischen Dialogs hat große Fortschritte gemacht, und das nicht nur im Dialog zwischen der katholischen und der armenischen Kirche, sondern zwischen allen Kirchen, die an diesem brüderlichen Zusammenleben aller Christen interessiert sind. Dabei werden heute Trennungen überwunden, die zum Teil viele Jahrhunderte alt sind. Ich kann wohl behaupten, dass die Freundschaft und brüderliche Einheit zwischen der katholischen und der armenischen apostolischen Kirche heute sehr weit fortgeschritten ist. Das zeigt sich auch in der Anwesenheit sowohl unseres Katholikos Gareghin II. als auch des Präsidenten der Armenischen Republik Sersch Sargsjan bei der Papstwahl des Heiligen Vaters Franziskus im März 2013. Auch die Eröffnung der armenischen Botschaft beim Heiligen Stuhl im September 2013 hat die Beziehung zwischen unserem Land und dem Vatikan verstärkt. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche armenische Priester auf Einladung der vatikanischen Behörden nach Rom und in andere wichtige Zentren des abendländischen Christentums gekommen, um ihr theologisches und philosophisches Wissen zu vertiefen. Umgekehrt sind zahlreiche katholische Priester in Armenien willkommene Gäste und werden oft auch persönlich von Seiner Heiligkeit, dem Katholikos, empfangen, um seinen Segen zu erhalten. Wir dürfen nie aufhören, für die Einheit unserer heiligen Kirchen zu beten.

(Der zweite und dritte Teil des Interviews folgen am Montag und Dienstag, dem 13. und 14. Januar)