Das armenische Volk und sein felsenfester christlicher Glaube (Zweiter Teil)

Interview mit Pater Tovma Khachatryan, Verantwortlicher der armenischen apostolischen Kirche in Italien

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 410 klicks

Papst Franziskus hat den Begriff einer „Blutsökumene“ geprägt, um damit zu sagen, dass die verschiedenen christlichen Konfessionen der Welt sich durch die Verfolgungen, unter denen sie zu leiden haben, näher kommen. Das ist eine starke Metapher; aber auch ein Ansporn dazu, konkret am Aufbau einer Einheit aller Christen zu arbeiten, glauben Sie nicht auch?

Pater Tovma: Diese väterlichen Ermahnungen des Heiligen Vaters sind Wahrheiten, die in unseren von besorgniserregendem Verfall und Irreleitungen geprägten Tagen sehr nützlich sind. Ein tragisches Beispiel dafür sind die Christen in Syrien. Zehntausende von Armeniern, die dem ersten Genozid des 20. Jahrhunderts entkommen waren, flüchteten damals vor der türkischen Regierung in das gastfreundliche Syrien, wo es ihnen dank des guten Willens des syrischen Volks gelang, ihre nationale Identität und ihren christlichen Glauben zu bewahren. Und heute muss ich als Armenier und christlicher Priester voller Trauer mit ansehen, wie die geistige, kulturelle und ethnische Identität der christlichen Nationen zu Staub zerfällt und ihre Institutionen vernichtet werden, und Schuld daran sind militärische Eingriffe von außen. Täglich werden unschuldige Menschenleben zerstört, die nichts mit den Machtkämpfen dieser dubiösen Parteien zu tun haben, die sich hier bekriegen. Ich glaube, dass die Worte des Heiligen Vaters über diese tragischen Themen grundlegend wichtig sind, genau wie die Einheit und der Zusammenhalt aller Christen wichtig ist. Denken wir immer an die Worte des heiligen Paulus, als er von den verschiedenen Gliedern des Leibes sprach: Wir müssen uns gegenseitig pflegen und umeinander kümmern.

Wie hat das armenische Volk es geschafft, seinen Glauben zu erhalten, trotz der langen Zeiten unter Fremdherrschaft und trotz der vielen Verfolgungen?

Pater Tovma: Mit großem Schmerz muss ich feststellen, dass nur ein minimaler Teil unseres biblischen Vaterlandes heute Republik Armenien heißt. Unsere historische Heimat lag immer auf dem Weg, der Orient und Abendland verband, und wurde deshalb oft von benachbarten Großmächten überrollt, die sich auch militärisch auf unserem armen Land gemessen und es in ein Schlachtfeld verwandelt haben. Trotz der vielen Verluste sind unsere Väter jedoch ihrem christlichen Glauben immer treu geblieben, und es ist ihnen gelungen, eine tief christliche Kultur aufzubauen. Einer unserer besten armenischen apostolischen Intellektuellen, Khatchadour Abovian, betrachtete das Christentum als etwas, das aus unserem Land und unserer Sprache nicht wegzudenken ist. Auch unser eigenes Alphabet verdanken wir einem Priester der armenischen apostolischen Kirche, dem heiligen Mesrob Mascdotz, der es um das Jahr 405 entwarf. Wir müssen unserem himmlischen Vater immer dankbar sein, denn auch in den schwierigsten Zeiten unserer Geschichte hat er seine heilige barmherzige Hand immer schützend über uns gehalten und unsere Nation und unseren Glauben gesegnet. Meiner bescheidenen Ansicht nach liegt der Grund für die „Unzerstörbarkeit“ unserer Nation in unserem felsenfesten Glauben und in unserer Liebe zum Herrn.

Vergangenen September hat die armenische Kirche auf einer Synode beschlossen, die Opfer des Völkermords an den Armeniern heiligzusprechen. Diese Wunde hat Ihr Volk tief gezeichnet. Wie leben die Armenier heute mit diesem geschichtlichen Erbe, und was können Sie zu diesem Entschluss der Synode sagen?

Pater Tovma: Mit großer Freude will ich als erstes darauf hinweisen, dass diese Synode eine alte Tradition der heiligen armenischen Kirche wiederhergestellt hat, denn sie hat alle armenischen Bischöfe zusammengeführt, sowohl die, die Seiner Heiligkeit dem Katholikos Gareghin II. unterstehen, als auch die, die dem Katholikat von Kilikien angehören, dem der Katholikos Aram I. vorsteht. Nur so konnte der Entschluss gefasst werden, unsere Märtyrer heiligzusprechen, die dem Genozid von 1915 zum Opfer gefallen sind. Zuvor hatte diese heilige Synode sich zum letzten Mal im Jahr 1441 versammelt, als beschlossen wurde, den Sitz des Katholikats wieder nach Etschmiadsin zu verlegen, von wo er infolge der Kriegsgeschehen in Kilikien im 11. Jahrhundert entfernt worden war. Die Heiligsprechung der Märtyrer war lange eine schwierige Frage, mit der die ehrwürdigen Bischöfe der vier Sitze der armenischen apostolischen Kirche (Etschmiadsin, Kilikien, Konstantinopel und Jerusalem), die aus diesem Anlass eine eigene Kommission gegründet hatten, sich jahrzehntelang befasst haben. Die Synode im September 2013 war eine Zusammenfassung der Arbeit dieser langen Jahre. Die armenische Kirche besteht auf der Anerkennung des Völkermords und auf dem daraus folgenden Entschädigungsanspruch. Im Verlauf der „Großen Katastrophe“ hat das der armenischen Kirche anvertraute Volk unaussprechliche Gewalttaten erlitten. Zahlreiche Priester wurden gefoltert und ermordet, viele Klöster, Kirchen, Schulen und Krankenhäuser zerstört; unzählige Gebäude, die privaten oder der Kirche gehörten, wurden konfisziert und verstaatlicht. Die schwerwiegendste Folge dieser unmenschlichen Behandlung durch die türkische Regierung war der Abbruch der natürlichen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung einer gesamten Nation. Das alles machte aus einem friedlichen, tief mit seiner jahrtausendealten Heimat verwurzelten Volk ein Flüchtlingsvolk, denn die Überlebenden sahen sich gezwungen, in alle Ecken der Welt zu fliehen und in fernen Ländern neue Wurzeln zu schlagen. Heute leben etwa 10 Millionen Armenier in 120 verschiedenen Ländern der Welt, was eine sehr unnatürliche Situation ist. Das sind die Folgen eines Verbrechens gegen die Menschheit. Ich bete jeden Tag dafür, dass das türkische Volk den von seinen Vätern begangenen Völkermord offiziell anerkennen möge, wodurch die jungen Generationen rehabilitiert wären und nicht länger mit den Mördern der Vergangenheit auf einer Ebene stünden. Wenn du einen Menschen tötest, tötest du in dir selbst die Menschlichkeit ab. Ich glaube, dass die türkischen Behörden von heute den Anerkennungsprozess des Genozids vor allem deshalb beschleunigten müssten, weil es im Interesse ihres eigenen Volkes ist.

[Der erste Teil des Interviews mit Pater Tovma erschien am Freitag, dem 10. Januar; der dritte und letzte Teil folgt morgen, am Dienstag, dem 14. Januar]