Das bedrängte Leben der Christen im Irak: Erzbischof Sako zu Gast in Wien

Von Wolfram Schrems

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WIEN, 19. November 2007 (ZENIT.org).- Unter dem Titel „Christen im Irak“ luden der Verein „Stern des Orients –Aramäische Kultur“ und das Afro-Asiatische Institut (AAI) am Sonntag, 18.11.07, zu einem Symposion mit dem chaldäischen Erzbischof Dr. Louis Sako, Kirkuk, in den Prälatensaal des Wiener Schottenstifts.



Im Anschluss an die Liturgie der chaldäischen (mit Rom unierten ostsyrischen) und der assyrischen (nicht mit Rom unierten) Gemeinde in der Krypta wurden die etwa 350 (hauptsächlich irakischen) Gäste – unter ihnen der Botschafter des Irak in Österreich, der Wiener Weihbischof Dr. Franz Scharl sowie zahlreiche katholische und orthodoxe Geistliche verschiedener Riten und Konfessionen – von MMag. Alexander Kraljic (AAI) willkommen geheißen.

Der Abend sei als Zeichen der Hoffnung und Solidarität gedacht, erläuterte der Moderator, der einen Einblick in die Geschichte der Kirche im heutigen Irak gab. So seien die Apostel des Zweistromlandes, Addai und Mari, aus dem Kreis der von Jesus berufenen 70 Jünger hervorgegangen. Aufgrund politischer und theologischer Auseinandersetzungen habe sich die Christenheit in dieser Gegend in mehrere Fraktionen gespalten. Die nestorianisch-antiochenisch geprägte „Kirche des Ostens“ habe ihre Mission bis nach China hineingetragen und arabische Stämme der Kirche eingegliedert. Schließlich sei festzuhalten, dass nicht nur die Armenier dem Völkermord der Jungtürken 1915 zum Opfer gefallen seien, sondern auch andere Christen; eben besonders die Assyrer und Chaldäer.

Danach folgte ein Referat von Dr. Gudrun Harrer, Mitarbeiterin der Tageszeitung „Der Standard“ und ehemalige Sondergesandte der österreichischen Bundesregierung anlässlich des EU-Ratsvorsitzes im ersten Halbjahr 2006 im Irak. Sie sprach über ihre Erfahrungen im Irak, so etwa über ihren Besuch beim päpstlichen Nuntius (was im diplomatischen Corps ironische Reaktionen ausgelöst habe), der die Situation der Christen als dramatisch eingeschätzt hatte.

Harrer meinte, der Irak habe die Züge eines Scheinstaates. Mit Ausnahme von Kurdistan regierten de facto die Islamisten. Im Gegensatz zum Vorjahr sei die Sicherheitslage zwar besser, der politische Prozess befinde sich allerdings aufgrund der zentrifugalen Kräfte praktisch in der Sackgasse. Da die Briten schon 1920 den sunnitischen Stammesführern, oft normale „warlords“, viel Macht übertragen hätten, würden die USA jetzt auf deren Autorität zurückgreifen und sie erfolgreich gegen die Al-Qaida einsetzen.

Anschließend sprach der Hauptreferent, Erzbischof Sako aus dem nordirakischen Kirkuk, in einem kurzen Referat zur Lage der Christen.

Alle religiösen und ethnischen Gruppen hätten früher gut zusammengelebt. Während des alten Regimes gab es Sicherheit, aber keine Freiheit und keine Bildung zur Verantwortung.

Sako bezichtigte die Amerikaner vieler Fehler, so hätten sie viel über die Demokratie gesprochen. Diese sei aber gefährlich. Immerhin habe die Religion viel mit Politik zu tun, und die Mehrheit im Irak sei islamisch.

Der Erzbischof wies darauf hin, dass andere Staaten Terroristen in den Irak schickten, besonders saudi-arabisch-wahhabitische – auch um Demokratiebestrebungen zu verhindern. Diese Staaten würden selbst keine Demokratie wünschen.

Sako äußerte seine Vermutung, die USA hätten Teilungspläne für den Irak, was schlimm sei. Eine christliche Enklave in Ninive wolle man nicht, dann die Christen hätten immer unter allen Volksgruppen gelebt. Ihre Anzahl sei mittlerweile von einer Million auf weniger als die Hälfte zurückgegangen.

Christen würden vom Islam als fremde Religion und als mit den USA assoziiert verstanden; wegen der Religion oder wegen des Geldes würden sie getötet. Es gebe gezielte Anschläge auf Gottesdienste, Klöster und Priester.

Der Vortrag endete mit einem Friedensappell: „Gewalt, Krieg und Fanatismus haben keine Zukunft. Warum kämpfen? Das Leben ist kurz. Wir müssen zusammenarbeiten und Freunde sein.“

Bei der folgenden Power-Point-Präsentation unter dem Titel „Sie wurden Opfer, weil sie Christen sind“ wurden Bilder von verwüsteten Kirchen und ermordeten Priestern gezeigt, die klar machten: Christen werden im Irak verflucht, bedroht, entführt, vergewaltigt, erpresst und ermordet sowie teilweise zum Übertritt zum Islam oder zur Entrichtung der „Kopfsteuer“ gezwungen.

Im Diskussionsteil meinte Erzbischof Sako, dass vermutlich keine zentrale Organisation hinter den Pogromen stehe. Zudem seien Christen ein leichtes Ziel. Die dänischen Karikaturen und die Regensburger Rede des Heiligen Vaters hätten auch einen Anteil an der antichristlichen Fanatisierung. Das weise auch auf eine starke Verunsicherung und Krise innerhalb des Islam hin. Der Appell des Papstes an die vernünftige Durchleuchtung der Religion habe Ängste geweckt.

Auf die Frage eines Teilnehmers, warum die EU Kurdistan nicht unterstütze, obwohl es dort sehr friedlich sei, und nicht Druck auf die Türkei, Syrien und den Iran ausübe, und warum man immer die Schuld den Amerikanern anlaste, antwortete Gudrun Harrer, die EU sei eigentlich kein „Spieler“ in der Region. Sie habe keinerlei Druckmittel, sondern lediglich diplomatische „soft power“ hinter den Kulissen.

Man konnte während des ganzen Abends feststellen, dass die Schlüsselfragen nach der religiösen Motivation der antichristlichen Gewalt nur zwischen den Zeilen beantwortet wurden. Offensichtlich wurde hingegen, dass die irakischen Christen eine starke innere Bindung zu Glauben und Kirche haben. Das Vertrauen in die Vorsehung wurde nicht zuletzt an den vielen kinderreichen Familien sichtbar.