Das Beichtgeheimnis

Fragen zu einem hypothetischen Extremfall

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 341 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet eine Leserfrage zum Beichtgeheimnis.

Frage: Vor kurzem haben ein Mitbruder und ich nach einer Unterrichtsstunde für Erwachsene über eine Frage diskutiert, in der unsere Meinungen auseinander gingen. Thema war das Beichtgeheimnis nach Canon 983 und 984 des Kodex des kanonischen Rechts von 1983. In Canon 983 § 1 heißt es: „Das Beichtgeheimnis ist unverletzlich, dem Beichtvater ist es daher streng verboten, den Pönitenten durch Worte oder auf irgendeine andere Weise und aus irgendeinem Grund irgendwie zu verraten.“ Canon 984 § 1 führt weiter aus: „Ein Gebrauch des aus der Beichte gewonnenen Wissens, der für den Pönitenten belastend wäre, ist dem Beichtvater streng verboten, auch wenn jede Gefahr, dass etwas bekannt werden könnte, ausgeschlossen ist.“ Wir beide haben unsere Ausbildung an Priesterseminaren empfangen, die für ihre Rechtgläubigkeit bekannt sind, und beide sind wir entschlossen, an einer Verkündigung und Praxis festzuhalten, die in vollständiger Übereinstimmung mit dem authentischen katholischen Lehramt steht. Die Frage lautet wie folgt: Ein „Pönitent“ teilt bei der Beichte einem Priester mit, dass er den Messwein vergiftet hat. Dem Priester gelingt es nicht, den übelgesinnten „Pönitenten“ davon zu überzeugen, dass er die Sache wieder in Ordnung bringen muss, und dieser zwingt so den Priester dazu, den vergifteten Wein zu trinken und ihn in einigen Pfarreien sogar den Gläubigen darzureichen. Gesetzt den Fall, dass der Pönitent in keiner Weise verraten würde, ist es dem Priester dann nicht erlaubt, von diesem Wissen, das er durch die Beichte gewonnen hat, Gebrauch zu machen, um dem Schicksal eine Wendung zu geben, damit niemand durch den Wein vergiftet wird? Eine Partei vertritt, dass ein Eingriff des Beichtvaters, der dem Austausch des Weines dient (indem er, ohne dass jemand davon erfährt, entweder das Messkännchen fallen lässt oder es einfach ausgießt und wieder füllt), keine Verletzung des Beichtgeheimnisses darstellt, denn er hat weder den „Pönitenten“ verraten noch hat er ihm irgendwie geschadet. Die andere Partei vertritt, dass der Beichtvater das Wissen, das er durch die Beichte gewonnen hat, in keiner Weise benutzen darf, denn der „Pönitent“ würde es in jedem Fall merken, dass der Beichtvater dies getan hat – was einen Verrat am „Pönitenten“ darstellen und daher Schaden anrichten würde. Das Eingreifen des Beichtvaters könnte nämlich beim „Pönitenten“ zum Hass gegenüber dem Bußsakrament oder dazu führen, dass der „Pönitent“ anderen davon erzählt, dass Pfarrer X das Beichtgeheimnis gebrochen hat, was ebenso zum Hass gegenüber dem Sakrament führen würde. Eingehendes Nachforschen hat mir gezeigt, dass angesehene Priester, Theologen und Kirchenrechtler in Bezug auf diese Frage beide Positionen vertreten, wodurch wir der Antwort kein Stück näher gekommen sind. Darüber hinaus hat sich der Heilige Stuhl, soweit ich weiß, zu dieser spezifischen Frage nie geäußert. Wir wissen auch nicht, wo diese Frage zuerst entstand. Ich gebe zu, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer solchen Situation kommt, sehr gering ist und dass es sich um einen Extremfall der Kasuistik handelt. Trotzdem wird hier und da – sogar in Priesterseminaren – das Beispiel erwähnt, um die völlige Unverletzlichkeit des Beichtgeheimnisses und die Pflichten des Priesters gegenüber demselben zu veranschaulichen. -- C.M., Camden, New Jersey

P. Edward McNamara: Diese klassische Rätselaufgabe aus der Kasuistik taucht oft als eine Art Szenarium auf, bei dem es nur Verlierer gibt. Der Heilige Stuhl würde auf solch eine Frage wahrscheinlich nie eingehen, da sie Spekulationen schürt und manche Leute vielleicht sogar dazu verleiten könnte, das Sakrament tatsächlich auf diese oder eine andere Weise zu missbrauchen.

In der Tat ist das der erste Punkt, den man festhalten müsste, dass es sich nämlich um einen Missbrauch des Sakraments handelt. Jemand, der sich in der beschriebenen Weise verhält, würde offensichtlich ohne Reue handeln, und daher könnte man ihm nicht die Lossprechung geben, obwohl das Beichtgeheimnis mit oder ohne Lossprechung gehalten werden muss. Im vorliegenden Fall besteht keine Gefahr, dass dem Pönitenten das Sakrament verhasst würde, denn sein Versuch, das Beichtgeheimnis zu missbrauchen, hat ihn schon in völliger Missachtung gegenüber dem Sakrament handeln lassen. Es ist auch wahrscheinlich, dass ein solcher Mensch professioneller Hilfe bedarf.

Ein weiterer Aspekt, der beachtet werden muss, besteht in dem zweideutigen Gebrauch des Wortes „verraten“, wie dies in den Antworten geschieht, die unser Leser bei seiner Nachforschung entdeckt hat.

Der „Verrat“ (im lateinischen Original prodere), von dem im Canon die Rede ist, bezieht sich auf etwas Objektives und Äußeres. Das heißt, es bezieht sich auf die entweder direkte oder indirekte Offenbarung der Sünde und des Sünders gegenüber anderen Menschen.

Der Verrat des Pönitenten, wie er in einer der Antworten zur Sprache kommt, ist subjektiver Art, im Sinne einer Enttäuschung, eines Nicht-den-Erwartungen-Entsprechens, eines Die-Gefühle-Verletzens und ähnlicher Dinge.

Lediglich die erstgenannte Bedeutung kommt für die Verletzung des Beichtgeheimnisses infrage. Dass der Pönitent aufgrund der ausbleibenden Konsequenzen (der Priester fällt beim Verzehr des Kelchinhalts nicht tot um) verständlicherweise verstört ist, hat nichts mit der kirchenrechtlichen Frage der Verletzung des Beichtgeheimnisses zu tun.

Nachdem dies geklärt ist, wird erkennbar, dass, wenn der Priester wortlos den Wein austauscht oder das Messkännchen fallen lässt, das Volk in keiner Weise Verdacht schöpft – weder in Bezug auf die Sünde, noch auf den Sünder – und dies also nicht wirklich eine Verletzung des Beichtgeheimnisses darstellen würde. Sollte er zur Rede gestellt werden, könnte der Priester absichtlich eine zweideutige Antwort geben, wie zum Beispiel indem er sagt: „er musste ausgetauscht werden“ und so würde sein Verhalten zu keiner Offenlegung führen.

In einigen Fällen könnte Verdacht geschöpft werden, besonders wenn die betroffene Person gesehen wurde, als sie zur Beichte ging und bekannt ist, dass sie verwirrt ist. Wer Anlass gibt, dass Verdacht geschöpft wird, macht sich aber keiner direkten Offenbarung schuldig, und der materielle Akt des Austauschs des Weines stellt, für sich genommen, keinerlei Grund dar, um einen solchen Verdacht zu rechtfertigen.

Des Weiteren hat der Beichtvater (wie jeder andere Mensch) die Pflicht, sein Leben und seine Gesundheit sowie das Leben und die Gesundheit anderer zu schützen. Hier handelt es sich zweifelsfrei um eine Pflicht, die nicht etwa wegfällt, weil er Beichtvater ist. Es ist zumindest zweifelhaft, ob es zu einer Verletzung des Beichtgeheimnisses kommt. Bei der Auswahl zwischen einer Pflicht, über die Gewissheit besteht und einer Pflicht, die zweifelhaft ist, sollte man sich aber immer für die Erfüllung der mit Gewissheit bestehenden Pflicht entscheiden.

Man könnte sagen, dass diese Pflicht erlischt, wenn ihre Erfüllung damit einherginge, einen intrinsisch unmoralischen Akt zu setzen, wie es die direkte oder indirekte Verletzung des Beichtgeheimnisses aufgrund von grober Fahrlässigkeit wäre. Nach Ansicht mehrerer herausragender Moraltheologen könnte eine solch grobe Fahrlässigkeit nur vorliegen, wenn der Priester anderen gegenüber so über das Getane spricht, dass es dazu führt, dass diese Menschen die Sünde oder den Sünder identifizieren.

Ein weiterer Aspekt besteht darin, dass der Priester auch davon Kenntnis hätte, dass die Materie für das Sakrament (der Eucharistie) verändert wurde und dass sie für das Messopfer wahrscheinlich keine erlaubte Materie mehr darstellt. Da er niemals bewusst eine ungültige Messe feiern sollte, hätte der Priester auch eine gewisse moralische Pflicht, den Altarwein zu ersetzen.

Aus allen diesen Gründen würde ich sagen, dass der Priester in diesem sehr hypothetischen Fall den Wein austauschen könnte und tatsächlich auch sollte, wobei jedwedes Wort zu vermeiden wäre, das auch in entfernter Weise zur Offenbarung der Sünde und des Sünders führen könnte.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC, aus dem englischen Artikel http://www.zenit.org/en/articles/seal-of-confession