"Das Boot gehört nicht Petrus, sondern Gott"

Tausende von Gläubigen verabschieden Benedikt XVI. auf seiner letzten Audienz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 1140 klicks

Es war ein überaus bewegender Abschied. Bewegend, weil erlebt in dem Bewusstsein, diesen Hirten nie wieder zu sehen, noch seine Stimme hören zu werden. Morgen Abend um 20 Uhr wird Benedikt XVI. als Pontifex Emeritus in Klausur gehen und sich den Blicken der Menschen und Kameras für immer entziehen. Dennoch strömten die Menschen nach dieser letzten Generalaudienz keineswegs schwermütig nach Hause. Seine Worte gaben Mut, mit der ungewöhnlichen Situation eines Papstrücktritts fertig zu werden: „Ich verlasse nicht das Kreuz, sondern bleibe auf eine andere Art beim Gekreuzigten. Ich bleibe euch und der Kirche im Gebet tief verbunden.“ Das hat der Heilige Vater heute mehrfach wiederholt: dass er der Kirche und den Menschen weiterhin dienen werde, auch dann, wenn er nicht mehr die Schlüssel Petri in den Händen halte. Seine Präsenz und Stütze durch das Gebet sind eine neue spirituelle Dimension des Hirtenamtes a.D. Das Gebet als verbindendes Medium zwischen dem Papst und seinen Gläubigen. Diese Worte trösten diejenigen Gemüter, die durch die Entscheidung der Niederlegung der Petrusschlüssel verwirrt waren. 

Die heitere Note des Abschiedszeremoniells lieferte nicht zuletzt Petrus selbst mit einem strahlend blauen Himmel, der sich über der frisch restaurierten weißen Petersbasilika abzeichnete. Mehr als 150.000 Menschen (laut Vatikanangaben) füllten den Platz weit bis in die Via Conciliazione Richtung Tiber hinunter. Bereits seit den frühesten Morgenstunden kamen Pilgergruppen aus aller Welt vor den Eingang der prächtigen Kolonnaden, um sich einen Platz in den ersten Reihen vor dem Baldachin oder möglichst nahe des Zaunes zu sichern, der den Weg rahmt, über den das Papamobil rollt. Auch Deutschland war mit zahlreichen Gemeinden vertreten wie beispielsweise aus Leipzig, Köln, Euskirchen und natürlich aus der bayrischen Heimat des Papstes mit München, Bamberg, Freising und Traunstein. Während der langen Wartezeit bis zum Audienzbeginn um 10.30 Uhr brandeten regelmäßig rhythmische „Benedetto“-Gesänge auf. Mitten im Gewühl saßen aber auch Priester ins Gebet vertieft, Jugendliche, die meditierten, undOrdensschwestern, die über ein I-Pad ihre Mitschwestern in der Heimat an dem Ereignis teilnehmen ließen. Großer Applaus begleiteten schließlich den einfahrenden Pontifex. Unzählige Nationalfahnen, Herzschilder und Spruchbänder mit „Danke Heiliger Vater“ wurden geschwenkt. Die Menschen jubelten ihm zu. Kleine Kinder wurden über dem Zaun gereicht, damit Benedikt XVI. sie segnete. Im Vergleich zu den anderen Audienzen war diese letzte Fahrt durch die Reihen des gewaltigen Petersplatzes ungewöhnlich lang. 

Auf große Leinwänden wurde der Papst in Nahaufnahme projiziert. Man sah seinem schüchternem Lächeln die Freude und Rührung über so viel Anteilnahme seitens der Gläubigen an. Er, der nie einen „Personenkult“ gefördert hatte, sondern eher als menschenscheu galt, schien diese manifestierte Zuneigung zum ersten Mal zu genießen. Er stand leicht gebeugt auf dem Wagen und wirkt fast zerbrechlich. So auch sein langsamer Schritt, nachdem er mit Monsignor Gänswein Hilfe vom Wagen herunterstieg, um auf seinem Sessel unter dem riesigen Baldachin Platz zu nehmen. Man sah dem fast 86jährigen die Mühen der letzten acht Jahre an. Nur seine Stimme schien unversehrt fest und frisch und offenbarte einen wachen Geist. Von dem Schwinden der nötigen physischen Kräfte, der Grund, warum er sich zum Rücktritt entschieden hätte, konnten sich heute die Besucher persönliches überzeugen. „Ich habe meine Entscheidung zum Wohl der Kirche getroffen, weil mich die Kräfte mehr und mehr verlassen.“ Die Kirche zu lieben bedeute, „den Mut zu haben, schwierige und leidvolle Entscheidungen zu treffen, die stets das Wohl der Kirche im Blick haben und nicht das eigene.“ Er verglich sein Amt mit dem von Petrus, der das Fischerboot auf dem See Genezareth auch gegen ungünstige Winde steuern müsse. Er sei nicht alleine im Boot, aber er sei der allein Verantwortliche. „Manchmal war der Sturm groß, und es schien, als würde Gott schlafen“. Das war eine klare Anspielung auf die großen Probleme und Skandale, die er bewältigen musste und deren Verantwortung schwer auf seinen Schultern lastete. Aber Gottes Liebe und Beistand hätten ihn nie verlassen. Deswegen sei er zuversichtlich, dass Gott seine Hand auch zukünftig schützend über die Kirche halte. Er rief alle auf, für die Kardinale und das Konklave zu beten. 

Sein besonderer Dank ging nicht nur an seine Mitarbeiter innerhalb und außerhalb der Kurie. Besonders gerührt hätten ihn die ganz persönlichen Bekundungen und Dankesschreiben von einfachen Gläubigen aus aller Welt. Sie hätten ihm wie nie zuvor die Liebe spüren lassen, die der wichtigste Bestandteil des Christentums sei. Dies mache deutlich, dass die Kirche keine „Organisation, kein Verein mit religiösen und humanitären Zwecken“ sei, sondern eine „Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern im Leib Christi“. „Die Kirche ist lebendig!“ 

Zum Abschied entlockte ihm eine Blaskapelle aus Traunstein mit der Bayern-Hymne ein herziges „Vergelt’s Gott“. Nachdem er allen Anwesenden den Segen gespendet hatte, verschwand er fast unmerklich von der riesigen Bühne – und hinterließ Tausende von Gläubigen mit einem Gefühl von Trauer aber auch Dank und Zuversicht auf dem Platz zurück. „Sein Rücktritt hat uns anfangs sehr geschmerzt, weil das Petrusamt plötzlich nicht mehr sakramental ist“, bekundete meine Platznachbarin, eine Benediktinerin aus Rom. „Jetzt habe ich ihn endlich verstanden. Er ist wirklich ein großartiger Papst. Ich werde ihn vermissen.“