Das Borkener Stiftskapitel als Modell für kirchliche Großgemeinden von morgen

Von Edmund Huvers

| 809 klicks

MÜNSTER, 9. Februar 2009 (ZENIT.org).- Ein einzigartiges Kirchenjubiläum wurde vor kurzem in Deutschland gefeiert: Die Errichtung des Borkener Stiftskapitels zum Heiligen Remigius durch Papst Eugen IV. jährte sich  zum 575. Mal.



Damit kann die katholische Kirchengemeinde St. Remigius im westfälischen Borken mit Stolz darauf verweisen, dass ihre Pfarrkirche die einzige durch einen Papst erhobene und bestätigte Kapitelskirche ist. Von daher kann wirklich von einer Rarität in der Kirchenlandschaft gesprochen werden.

Stiftskapitel haben nach dem katholischen Kirchenrecht insbesondere die Aufgabe der feierlichen Gestaltung des Gottesdienstes. Die Mitglieder des Kapitels werden „Kanoniker“ (von lat. „canon“, das heißt „nach einer bestimmten Regel lebend“) genannt. Neben der üblichen Seelsorge und der eben genannten feierlichen Gestaltung des Gottesdienstes gehört das gemeinsame Chorgebet zu den Aufgaben der Mitglieder eines Kapitels. Dem Stiftskapitel steht der Propst als Vorsteher vor.

Durch die Säkularisation wurde 1803 das Fürstbistum Münster aufgehoben. An dessen Stelle trat unter anderem das Fürstentum Salm. Die Kollegiatstifte und Klöster wurden ebenfalls im Zuge der Säkularisation aufgelöst. Auch das Borkener Stiftskapitel hätte somit aufgehoben werden müssen. Durch glückliche Umstände entging es aber nach dem Reichsdeputationshauptschluss seiner Auflösung. Papst Pius IX. bestätigte im Juni 1869 die Existenz des Borkener Stiftskapitels. Die Traditionen des „Päpstlichen Kollegiatstifts zu St. Remigius“ werden bis zum heutigen Tag aufrechterhalten.

Der Borkener Propst Wilfried Theising nahm das Jubiläum zum Anlass, die Form dieses priesterlichen Zusammenlebens als Zukunftsmodel für andere Großgemeinden zu würdigen.

Die Struktur des Kollegiatstiftes mit Propst und Kanonikern prägt die Borkener Kirchengemeinde – mit 19.000 Gemeindemitgliedern eine der größten katholischen Kirchengemeinden in Deutschland – bis heute. Propst Theising  sieht diese Form  der Priestergemeinschaft auch als Zukunft für andere Pfarreien. „Ich erkenne das immer deutlicher, dass in unserem Kollegiatstift ein großer Segen liegt. Die Einzigartigkeit spüren wir bis heute. Priester werden zusammengeführt, kommen in eine Tradition und erkennen: ‚Das gibt mir auch Halt und beflügelt mich‘“, so der Propst.

Ein großes Problem für Priester in der heutigen Zeit ist die Vereinsamung. Vereinsamung bedeutet Isolation, Leere, Verzweiflung, ja nicht selten auch Verbitterung und Resignation. Das Gefühl der Ungeborgenheit und der Ortslosigkeit setzt sich bei vielen dann fest. Die Suche nach einer Lebensform, in der sie emotionalen, sozialen, intellektuellen und spirituellen Halt finden, rührt an die Herzmitte priesterlicher Existenz.

Propst Wilfried Theising sieht in der Form des Kollegiatstiftes, in der nicht umsonst das Wort „Kollege“ zu erkennen ist, eine Chance. „In unserem Kollegiatstift liegt das Durchschnittsalter der Kanoniker unter 40 Jahre. Wir müssen uns auch hier manchmal zusammenraufen, das ist aber ein Prozess der Erneuerung, etwas sehr Wichtiges. Wir können uns heute freuen, dass wir hier eine Priestergemeinschaft in einer einzigartigen Lebendigkeit haben. Hier gibt es einen gemeinsamen Lebensort für Priester in einer Großgemeinde – das könnte durchaus Modell für andere Gemeinden sein. Das stärkt und ermutigt für die Arbeit und strahlt auf die gesamte Gemeinde aus.“

Von einem Priester wird zu Recht erwartet, dass er durch das Evangelium Menschen zusammenführt. Dazu muss er selbst gemeinschafts- und kommunikationsfähig sein. Dazu bedarf es priesterliche Gemeinschaftsformen, die Mut machend und werbend in Kirche und Welt ausstrahlen. Die Jahrhunderte alte Borkener Priestergemeinschaft kann somit in den Augen von Propst Wilfried Theising eine „Ermutigung für Gemeinden neuen Stils“ sein. „Wir leben zusammen und schwärmen aus!“

Gemeinden von morgen könnten so zu richtigen geistlichen Zentren werden,  die ihre Aufgaben durch gemeinschaftliches priesterliches Zusammenleben gestärkt bewältigen können.