"Das Böse hat nicht das letzte Wort"

Gründonnerstagspredigt 2014 des Patriarchen Twal in der Jerusalemer Grabeskirche

Jerusalem, (Lateinisches Patriarchat) | 267 klicks

Exzellenzen, liebe Priester,
liebe Hirten in der Seelsorge der Gläubigen,
ich danke euch, segne euch und  wünsche euch ein frohes und heiliges Fest.

An diesem Tag, an dem wir das Abendmahl des Herrn feiern, feiert die Kirche auch die Erinnerung an die Einsetzung des Priestertums und damit auch seine Priester, denen ich unsere Dankbarkeit auszudrücken möchte.

Liebe Freunde,

Unsere schöne Feier enthüllt die ganze Fülle des heute verkündeten Mysteriums, das sich im Karfreitag und in jeder Eucharistie erfüllt, und nicht vom Zeichen der Fußwaschung getrennt werden kann.

Es ist die Erinnerung an die Einsetzung der Eucharistie und des Priestertums, die uns heute zusammenbringt, um das Sakrament der Liebe Jesu für uns alle – Bischöfe, Priester, Ordensleute, Gläubige und die ganze Menschheit – zu feiern. Vereint mit allen Priestern der Welt und mit all denen, die nicht unter uns sein können, danken wir Gott für das Geschenk des Priestertums und der Eucharistie.

Die Fußwaschung

Während der Fußwaschung kann Jesus in den Gesichtern seiner Jünger deren Verwunderung, Überraschung und Unverständnis lesen und versucht ihnen klar und unverblümt zu erklären, was er tut: „Wisst ihr, versteht ihr, was ich mache?“, fragt er sie. Und ohne auf ihre Antwort zu warten, erklärt er selbst die Bedeutung dieser Geste: „Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13, 14-15).

Liebe Brüder und Schwestern, wir wollen uns in dem Wissen, Sünder zu sein, aber im Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit, von Christus waschen lassen; lassen wir uns von ihm in Einklang miteinander bringen, um noch intensiver die Freude der Vergebung zu erleben. Für eine fruchtbare Feier des Osterfestes bittet die Kirche die Gläubigen, sich in diesen Tagen um das Sakrament der Buße, das wie der Tod und die Auferstehung für uns alle ist, zu scharen.

Der Heilige Petrus, der den Herrn aus Feigheit verleugnet, Judas, der ihn verrät und die Jünger, die um den ersten Platz wetteifern, leben in gewissem Sinne in jedem von uns weiter.

Dem Rat und Beispiel Papst Franziskus folgend, sollten wir keine Angst haben, uns dem Sakrament der Buße zu nähern. Vergebung, die uns durch Christus gegeben ist, ist eine Quelle der inneren und äußeren Ruhe und macht uns zu Friedensstiftern in einer Welt, in der leider immer noch Trennung, Leiden und Tragödien von Ungerechtigkeit, Hass und Gewalt herrschen. Wir wissen jedoch, dass das Böse nicht das letzte Wort hat, denn der Sieger ist der gekreuzigte und auferstandene Christus.

Liebe Freunde, lassen wir uns waschen, damit auch wir in der Lage sind, die Füße unserer Brüder zu waschen.

Indem wir die Füße einiger Jünger waschen, möchten wir unseren Wunsch ausdrücken und unsere Bereitschaft bekräftigen, persönlich und so gut wie möglich der Lehre und dem Beispiel der Demut, Güte und des Teilens Jesu zu folgen.

Konfrontiert mit einer wachsenden Flüchtlingszahl ins Land gekommener Brüder und Schwestern, konfrontiert mit Kriegen und Gewalt, konfrontiert mit Menschen, die Hunger leiden oder kein Zuhause mehr haben, müssen wir viele Tränen trocknen und viele gebrochene Herzen trösten. Das ist die Lehre und Botschaft des Gründonnerstags.

Die Eucharistie: Sakrament der Liebe

Während er nicht weit entfernt von hier das Brot bricht und sagt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22, 19), lädt uns der Herr ein, in ihm und für ihn zu handeln, indem wir uns in den Dienst unserer Brüder stellen. Diese Wahrheit ist anspruchsvoll und wir können das Ausmaß und die Bedeutung nur verstehen, wenn wir in das Geheimnis der unglaublichen Liebe für uns eintauchen.

Heute feiern wir mit den Augen des Herzens und des Glaubens das Geheimnis der Eucharistie und verstehen es vielleicht mit einem breiteren Blick als die meisten von denen, die es in dem Moment, in dem es stattfand, mit den Augen des Körpers gesehen haben.

Dadurch erst können wir begreifen, wie liebevoll, bescheiden und gut der Herr ist, voller Zärtlichkeit für seine Jünger und für jeden von uns.

Die Macht und die Kraft der Gesten und Worte dieses Ritus beruhen auf  dem Geschenk der Liebe dessen, der alles in die Hände des Vaters gab. In diesen Gesten und Worten liegt die arbeitende Macht Gottes, eine Macht des Heils für die Menschheit, die er liebt, eine Liebe ohne Grenzen und Bevorzugung. Ja, die Erinnerung an das Abendmahl des Herrn lässt uns in der Eucharistie das „Sakrament der Liebe“ entdecken.

Eine grenzenlose Liebe, eine Liebe, die sich nicht scheut, sich der Gefahr, getreten, geschlagen, gedemütigt, gekreuzigt zu werden, auszusetzen.

„Die Fußwaschung ist nichts anderes als eine der Erscheinungsformen seiner Liebe: Er liebte sie bis zum Ende, bis an die äußersten Grenzen der Liebe, bis zu dem Punkt, für sie sein Leben  zu geben“ (Johannes Poully, „Tout près de toi“, S. 159). Die Fußwaschung ist ein Zeichen dessen, was die Eucharistie wirklich ist: Liebe, die sich erniedrigt, um uns in unserem Elend und unserer Dunkelheit beizustehen. Eine geschenkte Liebe, ohne Angst, sich lächerlich zu machen, ohne Angst, gedemütigt zu werden.

„Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte“ (Joh 13,3) und somit die Macht innehatte, da er selbst der Meister war, erniedrigt sich und nimmt den Platz eines Sklaven ein, der für das Waschen der Füße seines Herrn verantwortlich ist: dies ist eine schwer zu verstehende Geste und schwer in unserer Zeit nachzuahmen.

Diese wunderbaren Zeichen der Fußwaschung und der Wandlung von Brot und Wein sind die gleichen, die heute in unserer Gemeinschaft und in jeder Messe Gestalt annehmen, wenn wir die Worte und Gesten des Herrn wiederholen und versprechen, diese im Glauben zu wiederholen „bis ER kommt“, wie Paulus sagt (1 Kor 11, 26).

Hier in Jerusalem haben unsere Vorgänger der frühen christlichen Gemeinde diese Geheimnisse fleißig im Gebet, im Brechen des Brotes, im Lesen der Heiligen Schrift und in der Ausübung der brüderlichen Liebe gelebt.

In ein paar Tagen wird unser Heiliger Vater, Papst Franziskus, kommen, Mentor und Seelsorger, ein Mann des Gebets und des Dialogs, dessen Lebensbeispiel und Wort nicht aufhören, uns zum Geist des Evangeliums zurückkehren zu lassen: dem Geist der Güte und der Demut, weit weg von Gewalt und Arroganz.

Und hier beginnt unser priesterlicher Dienst. Gott braucht bescheidene und großzügige Menschen, um sein Volk  zu nähren und zu ernähren, aber auch um mit Christus und mit den Menschen zu leiden.

Brüder und Schwestern, vergessen wir nicht, dankbar dafür zu sein, für diese Mission ausgewählt worden zu sein; danken wir dafür, in diesem Land leben und arbeiten zu dürfen, und beten wir für unsere Brüder, unsere Ordensmänner und Ordensfrauen, damit sie ihrer Weihe treu bleiben können.

Die Schönheit der Messe in Erinnerung an das Abendmahl an diesem Ort ist nicht nur in unseren Gesten verwurzelt, sondern auch in den Herzen derer, die sie durchführen, und im Glauben derer, die sie empfangen.

Liebe Freunde „Lebt, was ihr tut“, sagte uns der Bischof bei der Weihe. Lebt, was ihr tut, das ist mein Rat an euch alle an diesem Tag des Festes, damit wir Ihm, der mit uns sein wird „bis zum Ende aller Tage“, treu sein können. Amen.

+ Fouad Twal, Lateinischer Patriarch

(Quelle: Lateinisches Patriarchat von Jerusalem, 17/04/2014)