Das Christentum, „Seele des Kontinents“: Benedikt XVI. über die Zukunft der Europäische Union

Ansprache vor den Teilnehmern des Europa-Kongresses der COMECE

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ROM, 26. März 2007 (ZENIT.org).- Ohne Bewusstsein für die eigene christliche Identität könne Europa seinem Auftrag, „Sauerteig für die ganze Welt“ zu sein, nicht nachkommen, unterstrich Papst Benedikt XVI., als er am Samstag im Vatikan mit rund 400 Delegierten aus Bischofskonferenzen, Ordensgemeinschaften, katholischen Verbänden und Bewegungen sowie anderen christlichen Kirchen zusammenkam. Sie alle nahmen vom 23. bis zum 25. März an einem Kongress der COMECE über „Werte und Perspektiven für Europa – 50 Jahre Römische Verträge“ teil.



Die christlichen Werte, „die die Seele des Kontinents bilden, müssen im Europa des dritten Jahrtausend als „Sauerteig“ der Zivilisation erhalten bleiben“, bekräftige der Heilige Vater in seiner Ansprache.

„Seit dem 25. März vor 50 Jahren hat der europäische Kontinent einen langen Weg durchlaufen, der ihn zur Versöhnung der ‚beiden Lungen‘ geführt hat, dem Westen und dem Osten, die durch eine gemeinsame Geschichte miteinander verbunden sind, aber willkürlich durch einen Zaun der Ungerechtigkeit voneinander getrennt waren. In diesen Jahren wurde immer mehr das Bedürfnis nach einem gesunden Gleichgewicht zwischen der wirtschaftlichen und der sozialen Dimension deutlich. Dies soll durch eine Politik erreicht werden, die fähig ist, Reichtum hervorzubringen und den Wettbewerb wachsen zu lassen, ohne dabei die berechtigten Erwartungen der Armen und Ausgegrenzten zu vernachlässigen.“

In demographischer Hinsicht sei bedauerlicherweise festzustellen, „dass sich Europa anscheinend auf einen Weg begeben hat, der es dazu bringen könnte, sich von der Geschichte zu verabschieden“, fuhr der Papst fort. Der Geburtenrückgang stelle nicht nur ein großes Risiko für das wirtschaftliche Wachstum dar. „Darüber hinaus kann diese Situation enorme Schwierigkeiten für den sozialen Zusammenhalt verursachen und vor allem einen gefährlichen Individualismus fördern, der nicht auf die zukünftigen Folgen achtet. Man könnte fast meinen, dass der europäische Kontinent de facto das Vertrauen in die eigene Zukunft verliert.“

Der Bischof von Rom wies anschließend darauf hin, dass hinsichtlich der Achtung vor der Ökologie und dem „geordneten Zugang zu den Ressourcen“ zuwenig getan werde. Und der europäische Integrationsprozess werde nicht von allen Betroffenen im gleichen Ausmaß befürwortet, was den Eindruck entstehen lasse, „dass verschiedene ‚Kapitel‘ des Projekts Europa geschrieben worden sind, ohne in angemessener Weise den Erwartungen der Bürger Rechnung zu tragen“.

Die geschilderten Entwicklungen machten vor allem eines deutlich: Man dürfe nicht dem Glauben verfallen, „ein echtes ‚gemeinsames Haus‘ Europa bauen zu können, wenn die Identität der Völker auf diesem unseren Kontinent vernachlässigt wird. Noch vor der geographischen, wirtschaftlichen und politischen Identität handelt es sich nämlich um eine geschichtliche, kulturelle und moralische Identität; eine Identität, die aus einem Gebilde von universalen Werten besteht, zu deren Ausprägung das Christentum seinen Beitrag geleistet hat, indem es nicht nur eine historische, sondern eine gründende Rolle für Europa angenommen hat.“

Nach Worten Benedikts XVI. sind es gerade diese Werte, die die „Seele des Kontinents“ bilden, die ganze Zivilisation menschlich gestalten und Europa die Fähigkeit verleihen, „Sauerteig für die ganze Welt“ zu werden.

Benedikt XVI. kritisierte, dass die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten darin übereingekommen sind, „ein wesentliches Element der europäischen Identität wie das Christentum auszuschließen“, mit dem sich auch heute noch die große Mehrheit der europäischen Bürger identifiziere. „Ist es nicht Grund zur Überraschung, dass das heutige Europa, während es ehrgeizig danach strebt, sich als eine Wertegemeinschaft zu präsentieren, immer öfter zu bestreiten scheint, dass es universale und absolute Werte gibt? Lässt diese einzigartige Form der ‚Apostasie‘ von sich selbst, noch bevor sie eine Apostasie von Gott ist, es nicht über seine Identität selbst zweifeln? So kommt am Ende dahin, die Überzeugung zu verbreiten, dass die ‚Abwägung der Güter‘ der einzige Weg für eine moralische Erkenntnis darstellt und dass das Gemeinwohl ein Synonym für Kompromiss ist. In der Tat ist es so: Wenn der Kompromiss in einer berechtigten Abwägung von diversen Sonderinteressen besteht, so wird er jedes Mal, wenn er Vereinbarungen mit sich bringt, die der Natur des Menschen schaden, zum ‚Gemeinübel‘.“

Der Bischof von Rom wies nachdrücklich darauf hin, dass eine Gemeinschaft, „die aufgebaut wird, ohne die echte Würde des Menschen zu achten – indem sie vergisst, dass jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist“ –, schließlich niemanden mehr etwas nütze und niemandes Wohl mehr berücksichtige. „Deshalb also erscheint es immer unverzichtbarer, dass Europa sich vor dieser pragmatischen Haltung hütet, die heute so weit verbreitet ist und systematisch den Kompromiss hinsichtlich der grundlegenden menschlichen Werte rechtfertigt, als ob er die unvermeidbare Annahme eines angeblichen geringeren Übels wäre. Ein derartiger Pragmatismus, der als ausgeglichen und realistisch ausgegeben wird, ist im Grunde nicht so, gerade weil er jene Dimension des Wertes und des Ideals leugnet, die zur menschlichen Natur gehört.“

Kämen laizistische Tendenzen und Strömungen noch hinzu, „endet man damit, den Christen das Recht abzusprechen, als solche in der öffentlichen Debatte aufzutreten“; zumindest werde aber ihr Beitrag herabgemindert, fügte der Papst hinzu. „Im jetzigen geschichtlichen Augenblick und angesichts der zahlreichen Herausforderungen, die ihn kennzeichnen, muss die Europäische Union, um fähiger Garant des Rechtsstaates und wirksamer Förderer der universalen Werte zu sein, mit Klarheit die sichere Existenz einer beständigen und bleibenden menschlichen Natur anerkennen, die die Quelle der gemeinsamen Rechte aller Individuen ist, eingenommen derer, die sie leugnen. In diesem Zusammenhang ist das Recht auf Verweigerung aus Gewissensgründen jedes Mal, wenn die grundlegenden Menschenrechte verletzt werden, immer zu schützen.“

Abschließend rief Benedikt XVI. die Katholiken zum Einsatz im öffentlichen Leben auf, indem er erklärte: „Beugt euch nicht der Logik der Macht als Selbstzweck.“ In diesem Zusammenhang stellte er fest: „Das neue Europa muss realistisch, es darf aber nicht zynisch sein; es muss reich sein an Idealen, aber frei von naiven Illusionen.“ Darüber hinaus sollte es sich immerfort „an den ewigen und belebenden Wahrheiten des Evangeliums“ inspirieren.