Das Christus-Bekenntnis der Kirche im christlich-jüdischen Dialog

Erklärung von Bischof Gerhard Ludwig Müller

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WIEN, 24. April 2009 (ZENIT.org/DBK.de).- Wir veröffentlichen die Erklärung, die der Vorsitzende der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller, in Antwort auf die Erklärung des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, „Nein zur Judenmission – Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen“, am 14. April veröffentlichen ließ.

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Leben und Sendung (Mission) der Kirche lassen sich nur verstehen auf der Grundlage ihres Bekenntnisses zu Jesus dem Christus: „Wer mit dem Munde bekennt ´Jesus ist der Herr` und mit dem Herzen glaubt‚ Gott hat ihn von den Toten auferweckt’, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen. Darin gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen. Alle haben denselben Herrn; aus seinem Reichtum werden alle beschenkt, die ihn anrufen“ (Röm 10,10-12).

Das Christusbekenntnis der Kirche hat seinen Ursprung in der lebendigen Begegnung der Jünger mit der Person Jesu. In ihm hat die Urkirche das Wort, das Gott ist, erkannt, das Fleisch angenommen hat um unseres Heiles willen. Durch seine Predigt, seine Lehre und seine Heilstaten und letztendlich durch seinen Tod am Kreuz, seine Auferstehung von den Toten und die Ausgießung des Heiligen Geistes hat Gott der Vater und der Sohn und der Heilige Geist unüberbietbar durch eine neue Offenbarung und endgültig (eschatologisch) sich selbst allen Menschen mitgeteilt als Wahrheit und Leben.„Daher ist die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und endgültige Bund unüberholbar.“ (1)

In diesem Sinne fasst das II. Vatikanische Konzil  in der „Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung“ Dei Verbum das ganze Christusbekenntnis der Kirche in seinem biblischen Ursprung und seiner glaubensmäßigen Entfaltung in der großen  Tradition mit höchster lehramtlicher Autorität zusammen.

Jesus ist der Christus


Die Kirche glaubt also an die Person Jesu Christi. Sie baut nicht auf einer historischen Rekonstruktion eines Jesus–Bildes auf, das aus den biblischen Quellen etwa nach den Vorentscheidungen eines liberal-kulturchristlichen Weltbildes abstrahiert wird.Daher kann nicht das Alte Testament als Zeugnis einer realen Bundesstiftung Gottes gelesen werden im Gegensatz zum Neuen Testament, das nur mit literarischen Stilmitteln einen jüdischen Thora-Lehrer als Sohn Gottes oder als universalen Heilsmittler interpretieren würde, ohne dass Jesus wirklich und wahrhaft das fleischgewordene Wort Gottes ist. (2) 

Die Heilige Schrift: Wort Gottes in menschlicher Sprache


Für das Verhältnis der jüdischen und der christlichen Glaubensgemeinde zueinander ergibt sich ein gemeinsamer glaubenshermeneutischer Bezugsrahmen, der im eminenten Sinn theologisch ist und sich qualitativ von Vergleichen aus historischer und literarwissenschaftlicher Sicht abhebt. Gläubige Juden und Christen gehen davon aus, dass Gott sich in der Geschichte offenbaren kann und sich in der Tat geoffenbart hat als Schöpfer aller Menschen und als Retter und Erlöser seines erwählten Volkes. Die Heiligen Schriften Israels und der Kirche bezeugen in menschlicher Sprache das Wort Gottes und enthalten es.

Die Bibel der Juden und die Bibel der Christen (im Alten und Neuen Testament) sind also nicht rein menschliche Interpretationen, die im Sinne liberaler Projektionstheorien „Gott“ als fiktionales Subjekt einer heilsgeschichtlichen Offenbarung in Wort und Tat sich voraussetzen (und so „Gott“ einführen, „als ob“ er  „Person“ wäre). Was jüdisches und christliches Bekenntnis unterscheidet, ist nicht die Behauptung eines realen Handelns Gottes im Bund für Israel und einer bloß menschlichen Interpretation der Gestalt Jesu in den neutestamentlichen Schriften, sondern die Frage, ob Jesus tatsächlich der verheißene Messias ist, ob die Inkarnation, der Sühnetod am Kreuz und die Auferweckung von den Toten von demselben Gott des Bundes, dem Gott und Vater Jesu Christi, tatsächlich gewirkt worden sind.

Die Selbstoffenbarung des dreieinigen Gottes


In  dem genannten  Text (Anm.2) des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim ZdK wird dagegen die Grenzlinie zwischen Juden und Christen lediglich  in der „Vorstellung“ von der Trinität und der Inkarnation festgemacht.Für Katholiken und alle Christen, die das Nicaeno-Konstantinopolitanum anerkennen, ist das Mysterium der Trinität nicht eine an Gott von außen herangetragene Metapher der Nähe und Liebe Gottes, sondern die Offenbarung des innersten Seins Gottes, das er selbst  in der realgeschichtlichen Menschwerdung des Sohnes Gottes und der Ausgießung des Heiligen Geistes uns Menschen kundgibt und in das wir einbezogen werden. Heil ist das Erfülltwerden mit der Liebe Gottes – jetzt und für immer bis in Ewigkeit. Vom universalen Heilswillen Gottes kann dann nicht mehr unabhängig von seiner geschichtlich-eschatologischen Vergegenwärtigung in Jesus Christus, dem einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen, gesprochen werden.

Gottes Bund – Angebot des Heils


Vom Primat der Gnade und des Glaubens her ist ein Standpunkt, der „das ethische Handeln aller Menschen“ als „einen Weg zu Gott eröffnet, jenseits der Glaubensunterschiede“ (3) , schlechterdings nicht nachvollziehbar. An der zentralen christlichen Glaubensüberzeugung vom wirklichen Gnadenhandeln Gottes in Christi Tod zur Erlösung aller Menschen führt kein Weg vorbei:„Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus [...] Ist denn Gott nur ein Gott der Juden, nicht auch der Heiden? Ja, auch der Heiden, da doch gilt: Gott ist der ‚Eine’. Er wird aufgrund des Glaubens sowohl die Beschnittenen wie die Unbeschnittenen gerecht machen“ (Röm 3, 23-30).

Die Erlangung des endzeitlichen Heils soll nach dem Matthäusevangelium, so suggeriert die Erklärung des Gesprächskreises, nicht an die Person Jesu gebunden sein, sondern sei „allein“ von den Taten der Nächstenliebe abhängig. So könne Jesus für die Juden als Ausleger der Thora gelten und für die Heiden habe er die Funktion, sie zur Anerkennung des Gottes Israels zu bewegen.(4) Dass für alle Evangelien das Messiasgeheimnis und -bekenntnis zentral ist, findet keine Erwähnung. Maria, die Jesus durch das Wirken des Heiligen Geistes empfangen hat, soll ihrem Sohn den Namen Jesus geben, (Mk 8,29 parr.; Joh 11,27) „denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen“ (Mt 1,21). Prophetisch wird Jesus bezeichnet als der „Hirt meines Volkes Israel“ (Mt 2,6).  Das  Erlöserwirken Jesu Christi auf die Heiden außerhalb des Gottesvolkes Israel zu beschränken, hieße, das gesamte biblische Zeugnis auf den Kopf zu stellen.

Der Souveränität und Einzigkeit Gottes entspricht hingegen, dass ER von sich aus auf dem Weg der Erwählung, der Berufung, der Gnade des Bundes, der Erlösung und der Rechtfertigung  und -  gemäß dem christlichen Bekenntnis - der Menschwerdung zu uns kommt. Menschen können dann den Weg Gottes zu ihrem Heil mitgehen, wenn sie ihm den „Gehorsam des Glaubens“ (5) entgegenbringen, der sich in der Liebe zu Gott und zum Nächsten mit der Erfüllung des Willens Gottes in seinen Geboten zeigt.

Gottes Gnade und menschliches Handeln


Von einer Reduktion des Judentums und des Christentums, die sich einem Bundesschluss Gottes verdankt wissen, auf eine Ethik als eigenständigen Weg der Menschen zu Gott und fast einem Anspruch auf Heil, zu unterscheiden ist die Anerkennung des grundlegenden Menschenrechtes auf Religionsfreiheit (6). In diesem Sinn lehrt das II. Vatikanische Konzil, dass jeder Mensch Recht und Pflicht hat, in Fragen der religiösen Überzeugung und des sittlichen Handelns seinem Gewissen zu folgen und in diesem Sinn dem Prinzip der Wahrheit und des Guten zu entsprechen (7). So können auch diejenigen Menschen gerettet werden und endgültig zur Gemeinschaft mit Gott gelangen, die ohne eigene Schuld nicht an Jesus Christus, ja unter Umständen nicht einmal an die Existenz des personalen Gottes als Schöpfer und Vollender glauben, aber eben nicht ohne die Gnade Christi, die in ihnen verborgen wirkt . Da aus christlicher Sicht von Gott niemals ohne Jesus den Christus, das fleischgewordene Wort, und ohne den endzeitlich „über alles Fleisch“ (Apg 2,17) ausgegossenen Heiligen Geist gesprochen werden kann, geschieht von Gott her immer die Rettung durch Jesus Christus und durch das innere Wirken des Heiligen Geistes (9).„Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. So ist es die Aufgabe der Predigt der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden“ (10).

Das explizite Christus-Bekenntnis und seine Konkretion in der Kirchengliedschaft, das Leben aus den Sakramenten und in der Nachfolge Christi sind darum als Mittel des Heils notwendig für alle, die Jesus als den Christus erkennen.

Gegenseitiger Respekt ohne Relativierung des eigenen Glaubens


Walter Kardinal Kasper betonte, dass man nicht von zwei Heilswegen, einen für die Juden und einen für die Christen, sprechen kann, wenn man „mit der Bibel von der universalen Heilsbedeutung Jesu Christi überzeugt ist.“ Vielmehr ist im Zueinander der Schriften des mosaischen Bundes und des Neuen Testaments die gemeinsame Heilsgeschichte offenbar, bei der „das jüdische Volk das von Gott bleibend erwählte Volk“ ist, dessen Bund durch Jesus Christus bestätigt und überboten und universalisiert wird. (11)Die Unterschiede der Religionen haben ihren Ursprung nicht in voneinander unabhängigen Offenbarungen, Bundesschlüssen und Rettungsaktionen Gottes, der sich jeweils verschiedene Zielgruppen vornimmt und die Menschheit spalten statt einen würde. Dies widerspräche der Einzigkeit Gottes: „Gott unser Retter will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle...“ (1 Tim 2,4-5).

Daraus ergeben sich auch Wesen und Sendung der Kirche als Sakrament des Heils der Welt in Christus, in dem die Kirche „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit (!) der ganzen Menschheit“ (LG 1) ist. Die Bekenntnisunterschiede ergeben sich aus der unterschiedlichen Reaktion der Menschen entsprechend ihrem Wahrheitsgewissen im Hinblick auf die Selbstoffenbarung  Gottes.

Menschen unterschiedlichen Glaubens können darum voller Respekt voreinander mit Menschen anderer Religionen zusammenleben und freundschaftlich am Aufbau einer Gesellschaft nach religiös oder naturrechtlich begründeten ethischen Grundprinzipien zusammenwirken.

Sie können aber auch die Unterschiede aushalten, ohne sich wechselseitig falsche und schlechte Absichten zu unterstellen. Eine Relativierung des je eigenen verbindlichen Glaubensbekenntnisses hingegen macht einen Dialog überflüssig. Er ist jedoch sinnvoll und wechselseitig förderlich, da gerade zwischen Juden und Christen die Tatsache einer geschichtlichen Selbstoffenbarung Gottes unstrittig ist, wenn auch unterschiedliche Überzeugungen hinsichtlich ihrer Reichweite, d.h. ihrer  Kulmination in Person und Sendung Jesu Christi bestehen.

Deshalb wäre es eine Verkürzung der katholischen Glaubenslehre von der Verwirklichung des universalen Heilswillens in Jesus Christus und dessen einziger Heilsmittlerschaft und der daraus folgenden Heilsnotwendigkeit der Kirche und der Taufe, sowie auch der Heilsmöglichkeit für Menschen, die ohne eigene Schuld nicht an Christus glauben, wenn daneben ohne diesen Bedingungszusammenhang ein Heilsweg „auch ohne Anerkennung Jesu Christi und ohne das Sakrament der Taufe“ (12) als von Gott selbst konstatiert würde.

Der Begriff „Mission“ und das Judentum


In einem Dialog zwischen Juden und Christen muss der Begriff der Mission richtig dargestellt werden. Christliche Mission hat ihren Ursprung in der Sendung Jesu vom Vater. Er gibt seinen Jüngern Anteil daran in Bezug auf das Gottesvolk Israel (vgl. Mt 10,5) wie dann auch als der auferstandene Herr im Hinblick auf alle Völker (vgl. Mt 28,19). So entsteht das Gottesvolk gestiftet im Bundesblut Jesu, der seine Kirche aus Juden und Heiden beruft (Eph 2,11-21), aufgrund des Christus-Glaubens, und mittels der Taufe, der Eingliederung in seinen Leib, der die Kirche ist  (LG 14).

Die Juden, die nicht zum Glauben an Christus kommen, sind darum nicht vom Heil ausgeschlossen, wenn sie aus der Gnade des Bundesschlusses und den Weisungen Gottes leben. Das Heil, von dem hier die Rede ist, meint allerdings im christlichen Sinn das Heil, das Gott Juden und Heiden durch Christus geschenkt hat. Aus dem Unterschied in der Bewertung von Person und Sendung Jesu folgen die Unterschiede in den soteriologischen  Auffassungen. Bei der christlichen Mission geht es also nicht darum,  mit subtiler Überredungskunst Gläubige anderer Religionen abzuwerben, oder mit Drohung von diesseitigen Nachteilen und jenseitigen Strafen jemanden zum christlichen Glauben zu nötigen.

Glaube und Freiheit bedingen einander. Erzwungener Glaube oder eine aufgenötigte Taufe sind ein Widerspruch in sich selbst und stehen der geoffenbarten Lehre entgegen (DH 10).

Mission und Gewaltlosigkeit


Christliche Mission und Zeugnis im Wort der Verkündigung und im eigenen Lebensvollzug gehören zusammen. Lieber Gewalt erleiden als Gewalt ausüben, ist der Grundsatz, den Jesus seinen Jüngern bei der Aussendung mitgibt. Darum können Christen auf Gott vertrauen, der auf den Wegen, die nur er kennt, seinen universalen Heilsplan ausführen wird. Denn sie sind Zeugen Christi, aber sie müssen nicht selbst das Heil der Menschen bewerkstelligen. Der Eifer für das „Haus des Herrn“ und gelassenes Vertrauen auf das siegreiche Wirken Gottes gehören zusammen. Christliche Mission bedeutet, dass die bevollmächtigten Boten die geschichtliche Verwirklichung des universalen Heilswillens Gottes in Jesus Christus bezeugen und verkünden und  ihre sakramentale Präsenz in Martyria, Leiturgia und Diakonia der Kirche des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes feiern.

Der Grund dieser missionarischen Kirche ergibt sich aus dem universalen Heilswillen Gottes, der sich in der Heilsmittlerschaft Christi verwirklicht: „So ist es nötig, dass sich alle zu ihm, der durch die Verkündigung der Kirche erkannt wird, bekehren sowie ihm und seinem Leib, der Kirche, durch die Taufe eingegliedert werden. Christus selbst hat nämlich mit ausdrücklichen Worten die Notwendigkeit des Glaubens und der Taufe betont und damit zugleich die Notwendigkeit der Kirche, in die die Menschen durch die Taufe wie durch eine Tür eintreten, bekräftigt. Darum könnten jene Menschen nicht gerettet werden, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in sie aber nicht eintreten oder in ihr nicht ausharren wollten. Wenngleich Gott Menschen, die das Evangelium ohne eigene Schuld nicht kennen, auf Wegen, die er weiß, zum Glauben führen kann, ohne den es unmöglich ist, ihm zu gefallen, so liegt doch auf der Kirche die Notwendigkeit und zugleich das heilige Recht der Evangeliumsverkündigung. Deshalb behält heute und immer die missionarische Tätigkeit ihre ungeschmälerte Bedeutung und Notwendigkeit.“ (AG 7) So stellt das Zweite Vatikanische Konzil die Heilnotwendigkeit des Glaubens an Christus und der Kirche dar.

Volk Gottes aus Juden und Heiden – Das Zeugnis der Schrift


Es ist und bleibt eine qualitative Bestimmung der Kirche des Neuen Bundes, dass sie (synchron und diachron)  Kirche aus Juden und Heiden ist, wenn auch das quantitative Verhältnis von Juden- und Heidenchristen zunächst einen anderen Eindruck erwecken mag. Ebenso wie nach Kreuz und Auferstehung  Jesu Christi nicht zwei Bünde beziehungslos nebeneinander stehen, gibt es auch nicht unverbunden „das Bundesvolk Israel“ neben „dem Volk Gottes aus den Völkern“ (13) . Vielmehr ist die bleibende Rolle des Bundesvolkes Israel im Heilsplan Gottes dynamisch zu beziehen auf das „Volk Gottes aus Juden und Heiden - geeint in Christus“, den die Kirche als den universalen Schöpfungs- und Heilsmittler bekennt. Im Kontext des universalen Heilswillens sind alle Menschen, die das Evangelium Christi noch nicht empfangen haben, auf das Gottesvolk des Neues Bundes hingeordnet: „In erster Linie jenes Volk, dem der Bund und die Verheißungen gegeben worden sind und aus dem Christus dem Fleische nach geboren ist (vgl. Röm 9,4f), dieses seiner Erwählung nach um der Väter willen so teure Volk: die Gaben und Berufung Gottes nämlich sind ohne Reue.“ (LG 16).

Juden und Christen im brüderlichen Dialog


Somit lässt sich auch die offenbarungstheologische und heilsgeschichtliche Beziehung zwischen dem jüdischen und christlichem Glauben aufweisen, ohne dass die Kirche Christi den Glauben an ihren Herrn und ihre universale Sendung zur Verkündigung des Evangeliums für alle Menschen einschränken oder gar in der Substanz relativieren müsste.

Mit dem Glauben an Christus unvereinbar ist jede Form von Polemik oder Abwertung der „Juden“ (aber auch der „Heiden“), die aufgrund ihres Wahrheitsgewissens nicht an Jesus als den Christus glauben. Ein „judenfeindlicher“ Christ – das wäre eine contradictio in adjecto. Und die schlimme Tatsache, dass es von Christen  Exzesse gegen ihre jüdischen Brüder und Schwestern gegeben hat, beweist nur, dass sie im schreienden Widerspruch zu ihrem Christennamen gehandelt haben.

Judenfeindschaft in (nominell) christlichen Kreisen ist nicht Folge des Christus-Bekenntnisses, sondern Beweis für den Verrat an ihm. Feindseligkeit oder gar Verfolgung sind dem Gebot Christi diametral entgegengesetzt. So erklärt das Konzil: „Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben“ (NA 4).

Umgekehrt sind aber bei dem heutigen so positiv und freundschaftlich entwickelten Dialog zwischen Juden und Christen, Polemiken und an historischen Tatbeständen immer wieder genährte Ressentiments oder christliche Selbstbezichtigungen völlig fehl am Platz, wenn das mit  allen historischen und theologischen Negativitäten besetzte Schlagwort der „Judenmission“ die Sendung der Kirche zum Zeugnis für Jesus, den Christus, als „Licht zur Erleuchtung der Heiden und Herrlichkeit für dein Volk Israel“ (Lk 2,32) in Misskredit bringt. Wie können denn „judenfeindlich“ interpretierte neutestamentliche Stellen zur Judenmission herhalten? (14).

Eine biblisch begründete Judenfeindschaft wäre ein Widerspruch in sich.  Da „die pilgernde Kirche ihrem Wesen nach missionarisch, d.h. als Gesandte unterwegs ist, da sie selbst ihren Ursprung aus der Sendung des Sohnes und der Sendung des Heiligen Geistes hat gemäß dem Heilsplan Gottes“ (15) (AG 2), hat Mission in keiner Weise etwas mit einer juden- oder heidenfeindlichen Gesinnung zu tun, die wie in einem politischen Imperialismus die Gegner vor die Wahl von Vernichtung und Unterwerfung stellt.  Das Gegenteil ist wahr: „Der Heilsplan Gottes entspringt der quellhaften Liebe Gottes, des Vaters“ (AG 2). Gottes Herrschaft ist Liebe und sein Königtum bedeutet die Erhebung des Menschen in der Gnade Christi, der aus Liebe sein Leben für alle dahingegeben hat, und damit die Überwindung aller Feindschaften. Das Christsein begründet nicht ein Überheblichkeitsgefühl oder gar eine Verachtung Andersgläubiger, sondern eine Angleichung an die Haltung der Demut und Dienstbereitschaft Jesu, so dass die „Söhne der Kirche dessen eingedenk sein sollen, dass ihre ausgezeichnete Stellung nicht den eigenen Verdiensten, sondern der besonderen Gnade Christi zuzuschreiben ist“ (LG 16).

Die Suche nach der Tiefenversöhnung


Der Text des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim  ZdK trägt den allzu plakativen Titel „Nein zur Judenmission – Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen“.Die Alternative, die hier suggeriert wird, vereinfacht die theologisch komplexe Einheit vom Alten und Neuen Bund sowie auch die Verschiedenheit der jüdischen und der christlichen Glaubensgemeinschaft im Hinblick auf das Bekenntnis zu Jesus dem Christus über das mögliche Maß hinaus.

Ohne Zweifel ist es zu begrüßen, wenn in einem theologischen Arbeitskreis das positive Verhältnis von Christen und Juden mit Bezug auf die Quellen der Offenbarung und des Bekenntnisses vertieft, Wunden geheilt und eine tiefere Versöhnung gesucht werden. Aufgrund ihrer im Gott der Schöpfung und des Bundes wurzelnden geistlichen Verwandtschaft (vgl. NA 4) stehen Christen und Juden vor den gemeinsamen Herausforderung, einer säkularisierten Welt gegenüber die befreiende Macht Gottes zu bezeugen und die darin begründete Würde des Menschen zu propagieren.

Der Mensch ist im Bilde Gottes geschaffen und zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes berufen. (vgl. Röm 8,21). Der Dialog in einem Arbeitskreis kann jedoch nicht um den Preis geschehen, dass wesentliche christliche Glaubensaussagen zu den Mysterien der Trinität und der Inkarnation, zu Erlösung und Rechtfertigung des Sünders, zu Gnade und Erbsünde, zur universalen und einzigen Mittlerschaft Christi, zur Heilsnotwendigkeit der Kirche, des Christusbekenntnisses und der Verbindung mit Christus in den Sakramenten, zum Verhältnis von universalem Heilswillen und seiner ekklesialen und sakramentalen Vergegenwärtigung entweder relativiert oder ungenau wiedergegeben werden.Vom Standpunkt der katholischen Theologie ist ein schlüssiges Gesamtkonzept im vorliegenden Text nur schwer auszumachen.

Lehramtliche Bewertung der Erklärung des Gesprächskreises „Juden und Christen“


Dem Text kommt keine lehramtliche Autorität zu. Er kann in keiner Weise als ein offizielles Dokument der katholischen Kirche oder als authentische Darstellung des katholischen Glaubens und Bekenntnisses angesehen werden. Die den Text leitende ganz offenkundige Entgegensetzung der Lehre des II. Vatikanischen Konzils und Johannes Paul II. einerseits zur Lehre und zu den ihm zukommenden Maßnahmen (in der Formulierung liturgischer Texte) Papst Benedikts XVI. andererseits ist sowohl formal wie auch inhaltlich völlig verfehlt (16). Weder hat die Neuformulierung der Fürbitte für die Juden im außerordentlichen Ritus der Karfreitagsliturgie etwas mit „Judenmission“ in der absolut negativen Bedeutung zu tun, die ihm das Papier des Arbeitskreis unterlegt („Judenmission ... als Ausdruck der Geringschätzung des Judentums ...  und deshalb den Boden für den Antisemitismus des Nationalsozialismus bereitete.“) (17), noch gibt es eine „Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils“, die den Bund Gottes mit dem jüdischen Volk als einen Heilsweg zu Gott darstellt - auch ohne Anerkennung Jesu Christi und ohne das Sakrament der Taufe“ (18). In dieser verkürzten und missverständlichen Form hat sich das II. Vatikanische Konzil gerade nicht ausgedrückt.
Nostra aetate ist für den Neuanfang des Verhältnisses von Juden und Christen von größter Bedeutung.

Aber weder diese Erklärung noch andere Konzilstexte noch das Neue Testament dürfen selektiv auf ein bestimmtes Vorverständnis hin ausgelegt werden, in dem die universale Heilsmittlerschaft Jesu Christi und die daraus folgende Heilsnotwendigkeit des Christus-Bekenntnisses, der Kirche und ihrer Sakramente relativiert wird. Entscheidend bleibt die kirchliche Lehre in ihrem Gesamtzusammenhang. In der Auslegung der Offenbarung, wie sie auf je eigene und aufeinanderbezogene Weise in Schrift und Tradition vermittelt wird, muss die katholische Theologie immer berücksichtigen, dass die verbindliche Erklärung der Offenbarung „nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut ist, dessen Vollmacht im Namen Christi  ausgeübt wird.“ (DV 10). Deshalb bleibt das ungeschmälerte Christusbekenntnis der Kirche konstitutiv für den katholischen Glauben und zentrales Thema im Gespräch mit der jüdischen Glaubensgemeinschaft.

Juden und Christen sollen ein Segen sein für die Welt


Das II. Vatikanische Konzil hat in Nostra aetate auch die Grundlagen für einen Dialog formuliert, der das bisher Erreichte und die Verantwortung für die Zukunft einbezieht: „Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm `Schulter an Schulter`dienen (Soph 3,9). Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist.“ (NA 4)
Für die gute Entwicklung des jüdisch-christlichen Dialogs können auch immer noch die Worte Johannes Paul II. gelten, die er an die Juden in seiner Heimat Polen 1993 gerichtet hat: „Als Christen und Juden folgen wir dem Beispiel Abrahams. Wir sind berufen, ein Segen für die Welt zu sein. Das ist der Auftrag, der auf uns wartet. Es ist unbedingt notwendig für uns, Christen und Juden zugleich, zuerst ein Segen zu sein füreinander!“

Daran knüpft Papst Benedikt XVI. in der Kölner Synagoge bei seinem Besuch (2005) anlässlich des Weltjugendtags an: „Auch bei dieser Gelegenheit möchte ich versichern, dass ich beabsichtige, den Weg der Verbesserung der Beziehungen und der Freundschaft mit dem jüdischen Volk, auf dem Papst Johannes Paul II. entscheidende Schritte getan hat, mit voller Kraft weiterzuführen.“
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(1) II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“ (CV), 4.
(2) ZdK, Erklärung „Nein zur Judenmission – Ja zum Dialog zwischen Juden und Heiden“ vom 9.3.2009, (Erklärung) S. 19.
(3) Ebd., S. 5.
(4) Ebd., S. 18f.
(5) II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“ (CV), 5.
(6) II. VATIKANISCHES KONZIL, Erklärung über die Religionsfreiheit „Dignitas humanae“ (DH) 2.
(7) Ebd., 3.
(8) II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen Genitum“ (LG), 18.
(9) II. VATIKANISCHES KONZIL, Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ (GS), 22.
(10) II. VATIKANISCHES KONZIL, Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra aetate“ (NA), 4.
(11) Walter KASPER, Wo das Herz des Glaubens schlägt. Die Erfahrungen meines Lebens, Freiburg 2008, 294f.
(12) ZdK, Erklärung, S. 5.
(13) ZdK, Erklärung, S. 17.
(14) ZdK, Erklärung, S. 16.
(15) II. VATIKANISCHES KONZIL, Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche „Ad gentes“ (AG) 2.
(16) ZdK, Erklärung, S. 1; 10.
(17) Ebd., S. 13.
(18) Ebd., S.1.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]